Job

Ein Traumberuf auf Zeit

Neues kennen lernen, der Job-Routine entfliehen: Ein Berliner Start-up macht es möglich

Ob Bierbrauer oder Fotograf, Klavierbauer oder Tischler: In solche Jobs hineinzuschnuppern ist für viele Berufstätige, die in anderen Berufen erfolgreich sind, ein großer Wunsch. Das hat auch Lena Felixberger erkannt und eine Online-Plattform namens „Descape“ gegründet, die Ausflüge in andere Jobs ermöglicht. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten hatte sie gemerkt, dass viele, die mitten im Berufsleben stehen, dieses Bedürfnis haben.

Auch Steffen Kruse wollte über den Tellerrand blicken. Er hat seinen eigenen Wohnzimmertisch geschreinert. Einfach so – „der Bedarf war eben da“. Die Ausflüge in andere Berufe – natürlich unter Anleitung eines entsprechenden Experten – können ganz einfach online gebucht werden. Die Zielgruppe sind jene, die in ihrem Job nicht grundsätzlich unglücklich sind, aber doch hin und wieder von einem ganz anderen Leben oder neuen Impulsen träumen. Dieser Wunsch lässt sich nun mit einem Descape erfüllen. „Koch für einen Tag, Gärtner für eine Woche oder DJ für eine Nacht – den Traumberufen auf Zeit sind keine Grenzen gesetzt“, sagt Start-up-Unternehmerin Felixberger.

Alternative zur Fortbildung

Ohne gleich seine Karriere aufgeben zu müssen, lässt sich auf diese Weise in einer Art Kurzzeit-Sabbatical in andere Berufe hineinschnuppern. Gedacht ist das Angebot nicht nur für Angestellte, die sich einen lang gehegten Traum erfüllen wollen. Für Selbstständige ist Descape eine Alternative zu klassischen Fortbildungen, Berufseinsteigern dient es als Entscheidungshilfe zum künftigen Traumjob. Und wer Tag für Tag am Schreibtisch sitzt, kann nun zum Teilzeit-Handwerker werden. Daher kommt übrigens auch das Wort Descape: Es setzt sich zusammen aus Desk, dem englischen Wort für Schreibtisch, und Escape, dem englischen Wort für Flucht – bedeutet also so viel wie Schreibtischflucht.

„Es war ein schöner Kontrast zu meiner beruflichen Tätigkeit“, sagt Steffen Kruse, der als Senior Product Manager bei der Softwarefirma Qudosoft arbeitet. „Körperliche Arbeit mit einem handfesten Ergebnis – also wirklich etwas zu produzieren, was man hinterher anfassen kann – das ist etwas anderes, als ich sonst mache.“ Zugleich konnte Kruse bei seinem Descape bestimmte Methoden wieder finden, die er aus seiner bisherigen Tätigkeit kannte: „Neue Dinge zu schaffen, funktioniert in einer Schreinerei vom Grundsatz her ähnlich wie in einem Softwareunternehmen“, so Kruse.

Neues kennen zu lernen, der eigenen Job-Routine entfliehen – das ist das Eine. Auf der anderen Seite ist Descape auch attraktiv für lokale Shops, Künstler und Handwerker: Wer den Ausflug in den Traumjob anbietet, lernt nicht nur Gleichgesinnte kennen – er erschließt sich auch eine neue Einkommensquelle für das eigene Unternehmen.

Abhängig von Dauer und Umfang legt jeder Anbieter den Preis für sein Descape selbst fest, die Online-Plattform erhält eine Vermittlungsprovision. Liam Hardman, Gründer und Besitzer von „Hardman Dasein Woodwork“ in Berlin ist einer von ihnen: Der Tischler bietet an, unter Anleitung seinen eigenen Tisch zu schreinern – bei ihm war auch Steffen Kruse vier Tage lang zu Gast.

Besonders unter Führungskräften ist der Wunsch nach einem beruflichen Timeout – und sei er noch so kurz – weit verbreitet. Zwei Drittel der Manager träumen laut einer Studie der Personalberatung Heidrick & Struggles davon. Wenn sie diesen Traum in die Tat umsetzen, hilft das wiederum ihren Arbeitgebern, meint Andrea Oder, Sabbatical-Coach aus Berlin. „Viele Menschen nutzen eine Auszeit, um sich beruflich fortzubilden. So schenken sie ihrem Unternehmen Kompetenzgewinn.“

Nur ein paar Tage Urlaub nötig

Dabei lässt sich eine kurze Auszeit in Form eines Descapes viel leichter realisieren als ein Sabbatical, das meist vier Monate bis ein Jahr dauert. Schließlich müssen dann entsprechende Vorbereitungen getroffen werden, indem etwa auf Arbeitszeitkonten Zeit angespart wird oder eine Teilzeitregelung mit dem Vorgesetzten gefunden werden muss. Beim Descape hingegen reichen schon ein paar Tage Urlaub.

„Aus den Dingen und Fähigkeiten, die man besitzt, mehr materiellen und immateriellen Gewinn ziehen, das ist es, was die Shareconomy zu Recht erfolgreich macht“, sagt Christoph Räthke, Gründer der Berliner Startup Academy. Diese Idee auf die Berufswelt anzuwenden, sei eine spannende Sache. „Ich zum Beispiel würde sofort ein paar Tage in meinem Kindheits-Traumberuf Archäologe buchen“, so Räthke.

Steffen Kruse hat nicht nur ein Descape ausprobiert und geschreinert – er bietet auch selbst eines an: Bei Qudosoft kann man einen Blick hinter die Kulissen einer Softwareschmiede werfen und erleben, wie agil Software entwickelt wird, die das Potenzial hat, Kunden zu begeistern. „Wir wollen das Erlebnis von Teamarbeit und agiler Softwareentwicklung in Form eines hochwertigen Workshops vermitteln“, sagt Kruse. Bei Qudosoft könne man sich inspirieren lassen, wie man eine nachhaltige Arbeitskultur schafft, was intrinsische Motivation bedeutet und wie Spaß bei der Arbeit aussieht. Das fünfstündige Descape in Berlin kostet 239 Euro. Vielleicht meldet sich ein Tischler, der seine Profession für ein paar Stunden gegen eine Kopfarbeit eintauschen will.