Versicherungen

Kranker Osten, gesunder Süden

Umfassende Studie der Krankenkassen: Die Brandenburger haben die meisten Fehlzeiten, Bayern die kürzesten

Die Menschen im Osten und Norden der Republik sind nach einer Untersuchung der Betriebskrankenkassen (BKK) häufiger krank und fehlen öfter am Arbeitsplatz als die Süddeutschen. Grund sind soziodemografischen Faktoren wie Alter, soziale Lage und Erwerbstätigkeit, die sich von Region zu Region unterschieden, heißt es im aktuellen BKK-Gesundheitsreport. So gebe es einen direkten Zusammenhang zwischen der Altersstruktur und der Zahl der Krankheitstage – je älter die Versicherten sind, desto mehr krankheitsbedingte Fehlzeiten treten auf. Der BKK Dachverband analysierte die gesundheitlichen Befunde von 9,3 Millionen Versicherten. Die Daten der Betriebskrankenkassen bilden damit ein gutes Abbild über das Krankheitsgeschehen in der deutschen Arbeitswelt.

Neben dem Ost-West-Gefälle gebe es ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Bayern und Baden-Württemberg weisen mit 15,4 und 16,3 Krankheitstagen je Pflichtmitglied die geringsten Fehlzeiten auf, während die meisten Arbeitsunfähigkeitstage in Brandenburg mit 21,9 und Sachsen-Anhalt mit 21,6 zu verzeichnen seien. In Sachsen-Anhalt haben die Betriebskrankenkassen aber auch die ältesten Versicherten mit einem Durchschnittsalter von 46 Jahren, die jüngsten in Baden-Württemberg mit 39 Jahren. Die Pflichtmitglieder in Brandenburg wiesen damit um 42 Prozent höhere Fehlzeiten auf als die in Baden-Württemberg. Die Berliner Versicherten sind auf durchschnittlich 20 Krankheitstage gekommen, ihr Durchschnittalter liegt bei 41 Jahren.

Bundesweit waren die BKK-Mitglieder 2013 im Schnitt 17,6 Tage krankgeschrieben – fünf Tage länger als noch 2006. Der Anstieg sei vor allem auf die Zunahme langwieriger und chronischer Erkrankungen zurückzuführen. Dahinter steckt wiederum die zunehmende Alterung der Bevölkerung. In den ersten vier Monaten 2014 gingen die Krankenstände allerdings zurück, da die sonst übliche Grippewelle in diesem Frühjahr ausblieb. Bundesweit dominieren nach wie vor Fehlzeiten aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen wie Rückenschmerzen und Gelenkproblemen. Sie machen ein Viertel aller Fehlzeiten aus, gefolgt von den Atemwegserkrankungen mit 16 Prozent und den psychischen Störungen mit knapp 15 Prozent. Die Fehlzeiten aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen haben seit 2006 um 31 Prozent zugelegt, bei den psychischen Störungen betrug der Zuwachs 110 Prozent.

Bei Depressionen zeigt sich laut BKK ein „heterogenes Bild“. Der Anteil der depressiven BKK-Mitglieder schwankt je nach Landkreis zwischen 15,6 und 5,7 Prozent. Interessant sei, dass vor allem in vielen bayerischen Landkreisen überdurchschnittlich oft die Diagnose „depressive Episode“ gestellt werde. Die BKK vermutet als Ursache eine „Überdiagnostizierung“: Denn dort, wo es viele Psychotherapeuten gibt, werden auch oft Depressionen diagnostiziert. Für das Burn-out-Syndrom zeichnet sich allerdings nach den Anstiegen in den letzten Jahren erstmals eine Abnahme der Krankheitstage ab. Psychische Störungen weisen mit etwa 40 Krankheitstagen je Fall die längste Falldauer auf – die Krankschreibungen sind damit nahezu doppelt so lang wie die durch Muskel- und Skeletterkrankungen verursachten Ausfallzeiten.

Die BKK untersuchte auch, in welchen Berufsgruppen es die höchsten Fehlzeiten gibt. Danach liegen die Beschäftigten der Postdienste, der Abfallbeseitigung und im Recycling an der Spitze, sie leiden vor allem an Rückenleiden und anderen Muskel- und Skeletterkrankungen. Im Vergleich zu den beschäftigten Mitgliedern im Bereich Informationsdienstleistungen und Datenverarbeitung weisen die Postler mehr als fünfmal so hohe Fehlzeiten mit dieser Diagnose aus. Die meisten Fehlzeiten aufgrund von psychischen Störungen verzeichnet das Sozialwesen, die niedrigsten das Baugewerbe und die Metallerzeugung.

Mit Abstand die höchste Zahl an Krankheitstagen weisen in allen Bundesländern die arbeitslosen Versicherten aus. Mit 27,1 Fehltagen liegen sie knapp zehn Tage über dem Schnitt aller Versicherten. Gründe: Zum einen dürften gesundheitliche Probleme bei vielen Arbeitslosen mitverantwortlich für die Arbeitslosigkeit sein. Zum anderen wirke sich die Arbeitslosigkeit selbst belastend auf die Gesundheit aus.