Konjunktur

Mittelstand schreibt 100.000 Jobs ab

Firmen wollen nur noch die Hälfte der geplanten Stellen schaffen. Mindestlohn und Rentenpaket belasten Betriebe

Der deutsche Mittelstand will im kommenden Jahr weniger investieren und Personal einstellen, als noch im Sommer geplant. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet für 2015 nur noch mit 100.000 neuen Arbeitsplätzen bei den Mittelständlern. „In den Jahren davor waren es immer mindestens 200.000“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben der Berliner Morgenpost. Neben der Geopolitik hinterlasse auch die heimische Wirtschaftspolitik Bremsspuren im Mittelstand, erklärte Wansleben.

Der DIHK hatte 28.000 Unternehmen nach ihren Investitions- und Beschäftigungsplänen befragt und dabei die kleinen und mittleren Firmen gesondert ausgewertet. Aus Sicht der größeren Mittelständler mit bis zu 1000 Mitarbeitern sind die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen mittlerweile das größte Geschäftsrisiko – noch vor Sorgen um die Inlandsnachfrage, dem Mangel an Fachkräften und hohen Arbeitskosten.

Erbschaftsteuer beunruhigt

„Zu den bereits beschlossenen Belastungen aus dem Koalitionsvertrag wie gesetzlicher Mindestlohn und Rentenpaket kommt die Sorge um eine Verschärfung der Erbschaftsteuer“, sagte der DIHK-Geschäftsführer. Das Bundesverfassungsgericht will noch im Dezember über die Rechtmäßigkeit der geltenden Erbschaftsteuer entscheiden, die Betriebsvermögen privilegiert, wenn Arbeitsplätze erhalten bleiben. Gerade große Familienunternehmen, oft „Hidden Champions“, die sich mit spezialisierten Produkten vordere Plätze auf dem Weltmarkt erobert haben, seien durch die anstehende Entscheidung der Karlsruher Richter verunsichert, heißt es dazu bei der Kammerorganisation.

Die Sorgen schlagen auf die Investitionspläne durch. „Der industrielle Mittelstand kürzt seine Investitionen“, konstatiert Wansleben. Bei den kleinen und mittleren Unternehmen im Fahrzeugbau brächen die Investitionspläne regelrecht ein. „Die hohe Investitionsbereitschaft vom Frühsommer ist verflogen“. Dazu tragen auch die zunehmenden weltwirtschaftlichen Risiken bei. Im Zuge des Konflikts in der Ukraine erwartet der DIHK Exporteinbußen von bis zu 20 Prozent im Russlandgeschäft. Russland ist für den deutschen Maschinenbau, einer industriellen Schlüsselbranche, der viertwichtigste Absatzmarkt. Hinzu kommt, dass auch im Euro-Raum, ebenfalls ein wichtiger Markt für viele Mittelständler, die schwache Entwicklung in Frankreich und Italien bremst.

Mit den Investitionen werden auch die Einstellungspläne nach unten korrigiert. 15 Prozent der Firmen wollen ihre Belegschaften vergrößern, zwölf Prozent planen mit weniger Personal. Der Antwortsaldo von drei Punkten liegt damit vier Punkte unter den Beschäftigungsabsichten des Mittelstandes bei der vorangegangenen Umfrage im Frühsommer. Dennoch bleiben die Mittelständler die größte Stütze des Arbeitsmarktes: Mit 100.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen tragen sie zwei Drittel zum gesamtwirtschaftlichen Personalaufbau von 150.000 bei.

Je nach Branche gibt es aber deutliche Unterschiede. Im Maschinenbau gehen die Einstellungsabsichten deutlich zurück, der Einzelhandel plant moderate Einschränkungen, während insbesondere Informations- und IT-Dienstleister, die stark von der Digitalisierung der Wirtschaft profitieren, weiter Beschäftigungstreiber bleiben. In einzelnen Branchen, wie bei mittelständischen Taxiunternehmen oder den Post-, Kurier- und Expressdiensten, zeigt der gesetzliche Mindestlohn ab dem Januar 2015 bereits deutliche negative Auswirkungen auf die Beschäftigungspläne. Diese brechen geradezu ein.

Die derzeitige Rekordbeschäftigung beschert dem Staat positive Finanzeffekte von jährlich 66 Milliarden Euro gegenüber 2005, dem Jahr mit der niedrigsten Beschäftigung seit der Jahrtausendwende. Mehr Beschäftigte bedeuteten für die Sozialversicherungen mehr Beitragszahler und allein das summiere sich auf 34 Milliarden Euro, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ unter Berufung auf eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI. Durch mehr Beschäftigte seien auch die Lohnsteuer-Einnahmen um 15 Milliarden Euro gestiegen. Zudem müsse der Staat weniger Arbeitslosengeld und Hartz IV zahlen.