Verkehr

Neue Bahncard soll ICE-Flotte retten

Konzern plant eine Struktur mit flexiblen Rabatten, das Vielfahrer belohnt und Neukunden lockt

Kaum hatte der Hessische Rundfunk die Nachricht gestreut, die Deutsche Bahn (DB) wolle angeblich die Bahncard abschaffen, schossen die Kündigungen der Rabattkarte in die Höhe. Rund 150 davon zählt das Verbraucherportal Aboalarm an einem durchschnittlichen Vormittag. „Donnerstagvormittag waren es 400 Zugriffe auf das Bahncard-Kündigungsformular. Es scheint, der deutsche Vielfahrer resigniert“, teilte das Portal mit.

Dabei will die Bahn die Card nicht abschaffen. Das ginge auch kaum, weil der Eigentümer Bund Bahnchef Rüdiger Grube umgehend zurückpfeifen würde. „Die Bahncard gehört zur Mobilitätskultur in Deutschland. Sie ist beliebt, hat sich bewährt und wird Bestand haben“, stellte Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) gegenüber der Morgenpost klar, kaum war das Gerücht umgegangen.

Die Bahn plant vielmehr, mit einem neuen Rabattsystem die Vielfahrer zu hofieren. Und außerdem neue Kunden zu gewinnen. „Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass ein System, das die Rabatthöhe vorher festlegt und für das im Vorfeld zu bezahlen ist, einer ganzen Reihe von Kunden nicht attraktiv genug erscheint“, sagte Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg.

„Die Bahncard, wie es sie derzeit gibt, bleibt erhalten. Mit einer Bahncard 50 wird sich auch in Zukunft der Fahrpreis halbieren. Es geht darum, die Bahncard um weitere Funktionen zu ergänzen“, sagte Homburg. Aber man denke auch über flexible Rabatte nach, je nach Kundengruppe. Das solle die Nachfrage ankurbeln. Und das ist dringend nötig. Denn die Sparte Fernverkehr hat ein massives Problem.

Immer mehr Reisende steigen auf Fernbusse um. Die Auslastung stimmt nicht, sie liegt allen Anstrengungen zum Trotz weiter bei knapp unter 50 Prozent. Und die Umsätze bröckeln. Die Fernzugflotte ist zum Sorgenkind des DB-Konzerns geworden. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, ist es fraglich, ob wir die nötigen Investitionen in neue Züge in Zukunft stemmen können“, sagt ein Bahn-Manager.

Neue ICE-Züge kauft die Bahn derzeit, außerdem erstmals Doppelstock-ICs, und dann steht die Anschaffung der ICx-Generation an, die Nachfolge-Zugreihe der ICEs. Milliardeninvestitionen über einige Jahre sind dafür nötig, aber die Fernzugsparte kann sie kaum schultern. Aus internen Unterlagen geht hervor, dass die Fernzüge allein in diesem Jahr 120 Millionen Euro Umsatz an die neuen Fernbusbetreiber verloren haben.

Fernbusse unterschätzt

Im Unternehmen geht man davon aus, dass sich der jährliche Rückgang beim Umsatz auf 240 Millionen Euro verdoppeln kann, wenn nicht gegengesteuert wird. „Die aufkommende Konkurrenz der Fernbusse wurde falsch eingeschätzt“, heißt es intern. Im ersten Halbjahr 2014 war der Umsatz im Fernverkehr um 1,6 Prozent auf rund 1,98 Milliarden Euro zurückgegangen. Noch macht die Sparte Gewinn.

Der Vorstand arbeitet an einem neuen Fernverkehrskonzept, doch findet bislang kein Rezept gegen die Flaute. Eigentlich hätte das Rettungspapier in der Aufsichtsratsitzung am 10. Dezember fertig sein sollen. Doch Homburgs Team musste um Aufschub bitten. Nun soll das Konzept im März präsentiert werden. „Bis dahin muss geliefert werden. Falls nicht, rollen Köpfe“, heißt es im Umfeld des Vorstandes.

Auch der Aufsichtsrat reagiert angesichts der Abwärtsspirale immer nervöser. „Wir erwarten vom Vorstand, dass er uns Pläne zur Rückgewinnung von Fahrgästen und zur Entspannung der Situation im Geschäftsfeld Fernverkehr vorlegt“, sagte der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende von DB Fernverkehr und Vorstand der Bahngewerkschaft EVG, Reiner Bieck, der Morgenpost.

Zu den Fernbussen, die der Bahn vor allem sparsame Kunden abspenstig machen, kamen in diesem Jahr schwere Sturmschäden, Ausfälle durch Hochwasser und die Tatsache, dass es schlicht zu wenig Fernzüge gibt. „Zu all dem kommt ein Qualitätsproblem“, räumt man im Unternehmen ein. Pünktlichkeit, Service, Sauberkeit – alles nicht so, wie man es sich vorstellt.

Daran werde gearbeitet, den großen Schub soll aber die neue Bahncard bringen. Mit „Loyalitätsrabatten“ für Kunden, die oft Bahn fahren. Und Einstiegsnachlässe für neue Kunden. Mit dynamischen Rabatten, je nach Auslastung des Zugs oder flexiblen Kartenlaufzeiten. Kurz: Die Bahncard soll individualisiert werden.

Am Ende soll sich das für Bahn und Kunden rechnen. „Wir wollen und müssen mehr Züge fahren, mehr Menschen befördern. Und uns ist klar, dass wir nicht mehr Fahrgäste gewinnen, wenn wir einen Teil mit Nachlässen locken und andere draufzahlen lassen, sagte ein Bahnmanager.