Jubiläum

Ein halbes Jahrhundert testen

Die Stiftung Warentest feiert 50. Geburtstag. Im Jubiläumsjahr kassieren die Prüfer ihre einzige Niederlage

Gleich das erste Heft schafft es in den Bundestag: Die Abgeordnete Lucie Kurlbaum-Beyer (SPD) fragt den Bundeswirtschaftsminister, ob der Bundestag zwei Millionen Mark Steuergeld richtig verwende. Und ob es nicht Aufgabe einer staatlich finanzierten Zeitschrift wäre, mit der Fülle und der Qualität der Verbraucherinformationen zu arbeiten und nicht ein Heft – wie jetzt – mit Sex aufzuziehen?

Wir befinden uns im Jahr 1966, gerade eben ist die erste Ausgabe des Heftes „Test“ erschienen, in dem die Berliner Stiftung Warentest die Ergebnisse ihrer Warentests veröffentlicht. Titelstory der ersten Ausgabe: Nähmaschinen im Examen. Das Thema ist es nicht, das die SPD-Abgeordnete so aufbringt, es geht eher um das Bild. Wer jetzt allerdings freizügige Mädchen in lasziven Haltungen vermutet, liegt falsch. Das Heft zeigt links ein Stück Nähmaschine, unten roten Stoff, in der Mitte das Gesicht einer jungen Frau mit blonden Haaren, großen Augen und rot geschminkten, geschlossenen Lippen.

Seither ist einiges geschehen, unter anderem auch, weil die Frage im Bundestag Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker (CDU) nicht ins Schwitzen brachte, sondern er die Freiheit der Stiftung Warentest betonte. Die war damals gerade knapp zwei Jahre alt. Am 4. Dezember 1964 wurde die Gründungsurkunde unterzeichnet, zuvor hatte der Bundestag beschlossen, dass eine solche Institution nötig sei.

In den 50 Jahren, die folgten, gab es kaum ein Produkt für Haushalt und Freizeit, das sie nicht untersuchte. Sogar Schreckschusswaffen, Sexualtonika und aufblasbare Schlitten durchliefen die Prüfprogramme der Stiftung Warentest, die sich über die Jahre ein hohes Ansehen erwarb. So deckte die Stiftung 2005 auf, dass viele kalt gepresste Olivenöle tatsächlich wärmebehandelt waren.

Einen Schlag musste sie ausgerechnet im Jubiläumsjahr hinnehmen. Im September verlor sie vor Gericht einen Streit mit dem Schokoladenhersteller Ritter Sport. Es ging um die angeblich irreführende Kennzeichnung eines Vanillearomas. Deswegen hatte eine Schokoladensorte von Ritter die Note fünf bekommen. Die Warentester dürfen den Vorwurf nun nicht mehr erheben. Immerhin verzichtete das Unternehmen auf eine Schadenersatzforderung. „Die Stiftung Warentest hat im Testbericht nicht präzise und ausführlich genug dargelegt, wie sie zur Beurteilung der Deklaration gekommen ist“, gestand der Vorstand der Organisation, Hubertus Primus, damals ein. Der gute Ruf, das Kapital der Warentester, hat unter dem Rechtsstreit gelitten.

Allerdings sind solche Prozesse die Ausnahme. Nach wie vor gibt es nach Worten von Primus keinen einzigen Fall, in dem die Stiftung wegen einer Testbeurteilung Schadenersatz habe zahlen müssen. Die Prüfstandards hätten sich bewährt, die Zusammenarbeit mit Laboren im In- und Ausland auch.

Vor einem schlechten Urteil zittern selbst Branchenriesen wie Aldi: Knapp 30 Jahre ist es her, da sorgte die Stiftung Warentest nicht mit „mangelhaft“, sondern mit „mäuselnd“ für Aufregung im Handel. Weil die Tester einen bei Aldi angebotenen Sekt als „leicht mäuselnd“ – nämlich durch Bakterien unangenehm schmeckend – beschrieben, nahm der Discounter das Produkt kurzerhand aus den Regalen und schickte 250.000 Flaschen an den verantwortlichen Lieferanten zurück.

Dennoch begehren Unternehmen gegen schlechte Beurteilungen gelegentlich auf. So zweifelte die Spielwarenindustrie Ende 2013 die Messergebnisse einer Untersuchung von Holzspielzeug an. Ein Jahr zuvor hatte es Ärger um Spuren von Mineralöl in Schokolade aus Adventskalendern gegeben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hielt das Gesundheitsrisiko für nicht so groß wie die Stiftung Warentest.

Rezept für Eierbier

Das Beispiel zeigt eine Schwierigkeit der gemeinnützigen Organisation. Sie muss einerseits seriös und glaubwürdig auftreten, zugleich aber auch Eigenwerbung mit manch spektakulärem Testergebnis betreiben. Denn ihre Magazine „Test“ und „Finanztest“ steuern mehr als zwei Drittel ihrer Einnahmen bei. Seit Jahren sinken ihre Auflagen, auf zuletzt auf 430.000 „Test“-Exemplare und 220.000 „Finanztest“-Hefte.

Auch deshalb rutschte die Stiftung 2012 in die roten Zahlen. 2013 stand unter dem Strich wieder ein Überschuss von einer Million Euro, dank einer kräftigeren Finanzspritze aus dem Stiftungskapital und weil das Geschäft im Internet allmählich in Schwung kommt. Dies weiter auszubauen, ist das wichtigste Vorhaben von Primus, der seit Anfang 2012 an der Spitze der Stiftung steht.

Gewandelt haben sich auch die Rezepte im „Test“-Heft. Heute gibt es zum Beispiel eher Salate. In der ersten Ausgabe empfahlen die Tester noch ein Eierbier, selbst gemischt. Die Zutaten: ein Liter helles Bier, 200 Gramm Zucker, etwas Zimt, vier Eier, ein Achtelliter süße Sahne. Gut vorkühlen, alles mischen, dann kräftig schaumig schlagen und sofort servieren.