Konkurrenz

Berliner fordern WhatsApp heraus

Branchenpioniere gründen mit Wire neuen Chatdienst in der Hauptstadt

Sie sitzen in Berlin-Mitte und arbeiteten zuletzt unter strengster Geheimhaltung. 40 Programmierer fieberten dem Start entgegen. Seit Mittwochmorgen ist ihr Werk nun online. Der Messenger mit der Bezeichnung „Wire“ soll seinen Konkurrenten WhatsApp, Threema und Skype Beine machen. Ausgerechnet der Skype-Mitgründer Janus Friis hat das Berliner Projekt mit auf die Beine gestellt.

„Skype wurde vor mehr als einer Dekade gegründet“, sagt Friis. Seitdem hätte sich vieles geändert. Internetnutzer hätten sich an das kostenlose Telefonieren und Nachrichtensenden gewöhnt. Computer seien auf die Größe von Smartphones geschrumpft. „Jetzt ist es Zeit, den bestmöglichen Kommunikationsdienst zu kreieren.“ Mit Wire sei genau das gelungen, behauptet Friis.

Die Anwendung gibt es ab sofort kostenlos in den AppStores für iPhones, iPads, Macs und Android-Geräte. Eine Version für Windows soll folgen. Wire ermöglicht das Austauschen von Nachrichten, Fotos, Videos von YouTube sowie Musik von dem Berliner Streaming-Anbieter SoundCloud geteilt werden. Kooperationen mit weiteren Anbietern seien möglich. „Wir experimentieren noch“, sagte Wire-Mitgründer und Chef Jonathan Christensen.

Nutzer können sich über die App auch zu Gruppen zusammenfinden und miteinander chatten, außerdem lassen sich Telefonate kostenlos führen. Wire habe dafür eine eigene Audio-Technologie entwickelt. Eine Videotelefonie-Funktion gibt es noch nicht. „Das steht aber auf unserer Agenda“, sagte Christensen. Bei Sprache setzt „Wire“ die sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ein, bei der das Signal auf dem ganzen Weg geschützt ist. Bei Bildern und Videos wird die Kommunikation zwischen Gerät und Servern verschlüsselt.

Wire will den Dienst auch in Zukunft kostenlos halten und nicht wie etwa WhatsApp eine Jahresgebühr erheben. Auch Nutzerdaten sollen nicht an Werbetreibende verkauft werden. In Planung sind aber Premium-Dienste, sagte Christensen. Details wollte er noch nicht verraten. Der Großteil der 65 Mitarbeiter von Wire arbeitet in Berlin. Firmensitz ist jedoch in der Schweiz. „Unsere Server stehen in der Europäischen Union“, sagte Christensen. Darauf habe er schon aus Datenschutzgründen Wert gelegt. Telefonate sind Ende-zu-Ende verschlüsselt. Chatnachrichten und Bilder sind transportverschlüsselt.

Der Markt der Internet-Messenger ist heiß umkämpft. Dienste wie WhatsApp, Facebook Messenger und Line buhlen um ein und dieselbe Nutzerschaft. Neueinsteiger haben es besonders schwer, weil sie wegen des Netzwerkeffektes mit wenigen Nutzern im Nachteil sind.

Die zentrale Rolle spielt WhatsApp mit über 600 Millionen Nutzern. Die schon lange angekündigte Anruf-Funktion wurde zwar immer noch nicht umgesetzt, aber WhatsApp kann auf die Infrastruktur des neuen Besitzers Facebook bauen. Auf Apple-Geräten gibt es hauseigene Dienste wie iMessage für Kurznachrichten und FaceTime für Videotelefonie. Außerdem gibt es noch diverse Messaging-Dienste wie etwa Threema ebenfalls aus Berlin.

Wire-CEO Jonathan Christensen selbst hat einst für Skype gearbeitet und war als Produktmanager bei dem Unternehmen Microsoft zuständig für den Lync-Messenger. Technik-Chef Alan Duric war zuvor bei einem Anbieter von Internet-Telefonie tätig. Bei der Firma ist auch Koen Vos, der die SILK-Technologie für Gespräche über das Internet erfunden hat.