Pharmazie

Bayer baut Gesundheitssparte aus

Pharmakonzern will mit eigenen Medikamenten wachsen. Milliardeninvestitionen stärken Berliner Forschungsstandort

Paprikapflanzen und Menschen haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam, aus Sicht von Genetikern sieht das anders aus. Und für Bayer müssen beide vor Krankheiten geschützt werden, das zentrale Geschäftsfeld des Konzerns. Die Paprikapflanze etwa leidet unter Wurmbefall, was die Erntechancen verringert. Der Mensch kann an Krebs erkranken. Und der Wirkstoff, mit dem das entsprechende Bayer-Mittel den Wurm ausschaltet, ist möglicherweise der gleiche, der auch gegen Krebs wirksam sein kann. Zum Beispiel, weil er die Energiezufuhr bestimmter Zellen blockiert und sie sterben – und mit ihr Wurm oder Tumor.

In solchen spartenübergreifenden Arbeiten sieht Kemal Malik, Innovationsvorstand des Bayer-Konzerns, eine Chance des Unternehmens. „Wir sind das einzige Unternehmen mit derartigem übergreifenden Wissen“, sagte er bei der Bayer Innovations-Perspektive 2014 in Leverkusen. Dort stellt der Konzern alle zwei Jahre seine Forschungskonzepte vor. Das Wurmmittel entwickelte Bayer nach Forschungen über die Energieerzeugung von Zellen bei Pilzen. An einem Mittel gegen Würmer bei Haus- und Nutztieren arbeiten die Bayer-Forscher gerade. Und die Wirkung bei Krebszellen des Menschen wird ebenfalls untersucht.

Das alles kostet Geld. Deshalb will der Konzern den Forschungsetat aufstocken. Bayer will vor allem durch eigene Entwicklungen wachsen. Anders als etwa der US-Konkurrent Pfizer, der sich immer wieder über Großzukäufe neue Produkte verschaffte. Derzeit arbeitet Bayer an mehr als 50 aussichtsreichen Wirkstoffen, die in den kommenden Jahren auf den Markt kommen könnten.

Der Ausblick von Malik und Konzernchef Marijn Dekkers betrifft einen Konzern, der bald anders aussehen wird. Bayer konzentriert sich künftig auf die beiden ertragsstarken Sparten Gesundheit (HealthCare) und Agrarchemie (CropScience). Zu letzterer gehören unter anderem Insektizide, Herbizide und verändertes Saatgut. Die Kunststoffsparte MaterialScience will der Konzern abspalten und spätestens 2016 an die Börse bringen.

2000 Forscher in Berlin

Vor allem die Gesundheitssparte, in der Bayer das Geschäft mit Tiergesundheit, rezeptpflichtigen und rezeptfreien Medikamenten wie Aspirin gebündelt hat, wächst rasant, allein in den ersten neun Monaten 2014 gab es ein Plus von zwölf Prozent. Berlin ist neben Wuppertal der zentrale Forschungsstandort des Konzerns. Mehr als 2000 der konzernweit mehr als 13.000 Forschungsmitarbeiter widmen sich vor allem der Gynäkologie und der Entwicklung neuer Wirkstoffe gegen Krebs. Insgesamt beschäftigt Bayer in Berlin 4500 Mitarbeiter.

Neue Pharmaprodukte treiben das Wachstum des Konzerns an. Fünf der Hauptprodukte, darunter Xarelto (Thrombose-Vorbeugung) und Eylea (Augenmedikament), werden in diesem Jahr rund 2,8 Milliarden Euro zum Umsatz beitragen, 2013 waren es 1,5 Milliarden Euro. Dekkers erwartet, dass in der Spitze ein Umsatz von 7,5 Milliarden Euro allein mit diesen Produkten möglich ist, wobei es vermutlich erst in fünf bis sechs Jahren so weit sein werde, wie er sagte. Xarelto ist mit rund 1,2 Milliarden Euro in den ersten neun Monaten 2014 bereits jetzt das umsatzstärkste Medikament. Zum Vergleich: Das frei verkäufliche Aspirin, der Bayer-Klassiker schlechthin, bringt jährlich rund eine Milliarde Euro.

Bayer kämpft nicht nur gegen die großen Konkurrenten, die ebenfalls neue Medikamente auf den Markt bringen, etwa die Schweizer Novartis, sondern auch gegen jene Hersteller, die Medikamente nach dem Ablauf des Patentschutzes günstig nachmachen, sogenannte Generika-Hersteller. Der Preis eines Produkts ohne Patentschutz falle auf ein Fünftel, sagte Dekkers. Ein neues Bayer-Produkt müsse für den Patienten viel Mehrwert bringen, um einen hohen Preis zu rechtfertigen. Der Konzern will deshalb Forschung und Entwicklung weiter ausbauen, um in den kommenden Jahren genug Produkte an den Markt bringen zu können. Malik ist da zuversichtlich: „Haben wir in der Vergangenheit gezeigt, dass wir das gut können, machen wir weiter.“ 2014 hat das Unternehmen insgesamt 3,2 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung neuer Produkte gesteckt, zehn Prozent mehr als 2013. 1,9 Milliarden Euro davon allein in den Pharmabereich.

Für das kommende Jahr soll die Gesamtsumme für Forschung und Entwicklung signifikant steigen, genaue Zahlen wollte Konzernchef Dekkers nicht nennen, er sprach aber von einem Wert oberhalb des Umsatzzuwachses. Für 2014 rechnet der Konzern mit 42 Milliarden Euro Umsatz, was rund 4,5 Prozent mehr wäre als 2013. Derzeit hat Bayer zahlreiche neue Medikamente in Planung, darunter fünf, denen der Konzern großes Potenzial zutraut. Für diese wird das Unternehmen im kommenden Jahr wahrscheinlich klinische Tests beginnen, die Vorstufe zur Markteinführung. Dazu gehören ein Mittel gegen Blutarmut und eines gegen Krebs des Lymphsystems.

CoLaborator in Berlin gestartet

Um neue Produkte und Ansätze zu finden, setzt Bayer nicht nur allein auf seine eigenen Forschungsabteilungen. So gibt es seit 2009 ein Programm, das denjenigen Geld verspricht, die neue Ideen haben, wie eine Krankheit bekämpft werden könnte. Inzwischen werden 164 der 1198 eingereichten Vorschläge verfolgt.

Mit einem ähnlichen Programm sucht der Konzern seit vergangenem Jahr nach Ideen für Gesundheits-Apps, kleine Programme fürs Smartphone oder den Tablet-Computer. In Berlin werden gerade 25 der 218 bisher eingereichten Vorschläge verfolgt. Zudem setzt der Konzern auf bereits neu gegründete Firmen. Seit wenigen Wochen betreibt Bayer in Berlin den sogenannten CoLaborator und stellt den Gründern Laborflächen und Zugriff auf das Netz des Konzerns. Derzeit nutzen vier Firmen das Angebot. Einen weiteren CoLaborator betreibt das Unternehmen seit 2012 in San Francisco.