Funktionär

Der Motor der Industriepolitik geht in Rente

Arno Hager leitete seit 1998 die IG Metall in der Hauptstadt

Wenn es einer Branche schlecht geht, dann schlägt das auch auf die Gewerkschaften durch, die die Beschäftigten vertreten. Und Berlins Industrie war um die Jahrtausendwende in einem desolaten Zustand. IG Metall-Funktionäre eilten jahrelang von Brandherd zu Brandherd, um Proteste zu organisieren, Stellenabbau oder Betriebsschließungen zu verhindern. Entsprechend war die Mitgliederzahl geschrumpft.

In diesem Umfeld reichte es Arno Hager nicht, den Tod der Berliner Industrie sozialpolitisch zu begleiten. Er kämpfte auch, unter anderem bei der Besetzung des Alcatel Kabelwerks in Neukölln 1999. Aber der erste Bevollmächtigte der IG Metall Berlin dachte als einer der ersten über eine aktive Industriepolitik nach. Der studierte Industriesoziologe gab Gutachten in Auftrag, knüpfte Netzwerke, aktivierte das Wissen der Betriebsräte, organisierte Wissenstransfer und Forschungskooperationen. Und schaffte es, dass auch die damals rot-rote Berliner Politik sich aktiv gegen das Fabrikensterben stemmte. Ein Steuerungskreis wurde beim Regierenden Bürgermeister eingerichtet, im Roten Rathaus fanden Industriekonferenzen statt. Inzwischen ist das Ziel, Berlin mit innovativen Produktionen zu re-industrialisieren, Konsens in der Landespolitik.

Angesichts dieser Rolle war der große Bahnhof folgerichtig, mit dem Arno Hager am Freitag in der IG-Metall-Zentrale an der Alten Jakobstraße in den Ruhestand verabschiedet wurde. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit war da, sein Senatskanzleichef Björn Böhning (beide SPD), Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) machte kurz ihre Aufwartung. Die Arbeitgeberseite, die der Gewerkschafter Arno Hager nicht als natürlichen Feind gesehen hat, war mit dem Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, Christian Amsinck, vertreten. Auch der Unternehmer und frühere Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Werner Gegenbauer, war gekommen, ebenso wie Verdi-Landeschefin Susanne Stumpenhusen und Ex-Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke), mit dem Hager einst die Renaissance der Berliner Industriepolitik konzipierte. Auch der IG Metall-Bundesvorsitzende Detlef Wetzel gab dem Kollegen die Ehre.

Seit 1998 stand Hager an der Spitze der Berliner IG Metall, deren Verfall er gestoppt hat, wie sein langjähriger Stellvertreter und Nachfolger Klaus Abel vor den mehr als 100 Gästen sagte. 35.000 Berliner haben einen IGM-Mitgliedsausweis. Erstmals seit der Wiedervereinigung reichen die Beiträge aus, um nicht länger von Zuschüssen der Bundesorganisation abhängig zu sein. Der gebürtige Mönchengladbacher wird sich nun in der Qigong-Schule engagieren, bei der der Fußballfan diese chinesische Meditations- und Bewegungstechnik erlernt hat.