Carsharing

Mein Auto ist dein Auto ist mein Auto

Carsharing boomt: Die neue Online-Plattform Drivy gibt jetzt Berlinern die Möglichkeit, sich Fahrzeuge von Privatpersonen zu leihen

In Deutschland entscheiden sich immer mehr Menschen gegen ein neues Auto. Werden Neuwagen gekauft, dann laut einer Erhebung des Internet-Vergleichsportals Check 24 am häufigsten von den über 60-Jährigen. Den Jüngeren sagt man nach, es sei ihnen nicht wichtig, ein Auto zu besitzen. Pkw gemeinschaftlich zu nutzen, entpuppt sich in Zeiten von befristeten Arbeitsverträgen und geringen Einkommen oft als simple Notwendigkeit.

Alternativen zum eigenen Wagen gibt es mittlerweile viele: Neben Carsharing, Beförderungsdiensten wie Uber und Blacklane sowie Mitfahrzentralen nach dem Beispiel von BlaBlaCar, ermöglicht eine Plattform nun, verfügbare Privatautos anzuzeigen, die gerade nicht genutzt werden: Transporter, Oldtimer, Kombis. Das französische Start-up Drivy bringt deren Besitzer mit potenziellen Nutzern zusammen. Eine Limousine ist für 20 Euro am Tag zu haben.

In Frankreich ist Drivy bereits seit vier Jahren und europaweit mit 350.000 Nutzern und 20.000 registrierten Autos erfolgreich. Jetzt ist der Dienst in Berlin verfügbar. 2015 soll er deutschlandweit angeboten werden. „Das nächste Auto steht meist in unmittelbarer Nähe der Mieter. Traditionelle Autovermietungen sind in den wenigsten Fällen direkt um die Ecke“, sagt Deutschland-Geschäftsführer Gero Graf. Per App oder im Web lassen sich verfügbare Fahrzeuge gebührenfrei eintragen und finden.

„Die meisten in Deutschland zugelassenen Autos stehen fast 23 Stunden am Tag still“, sagt Graf. „Sie werden durchschnittlich nur 15 Tage im Jahr genutzt. Warum also sollte die übrige Zeit nicht auch genutzt werden?“ Er sieht Drivy dabei nicht als Konkurrenz zu traditionellen Autovermietungen oder innerstädtischen Carsharing-Anbietern wie Car2Go oder DriveNow. Der Service sei weniger für kurze Fahrten gedacht als für Anmietungen von zwei bis vier Tagen. Ein Auto wird mindestens für einen Tag gebucht. „Es ist außerdem persönlich“, ergänzt Graf. „Du erhältst immer das eine Auto von nur dem einen Autobesitzer.“

Versicherung von der Allianz

Für die Sicherheit von Vermieter und Mieter greift eine eigens entwickelte Ad-hoc-Versicherung der Allianz. Sie deckt sowohl Haftpflicht- als auch Teil- und Vollkaskoversicherung ab. Der 24-Stunden-Pannendienst ist inklusive. 30 Prozent des Mietpreises gehen an Drivy und den Versicherer.

Doch nicht jeder kann mühelos eines der Fahrzeuge mieten. Je nach Wagentyp muss der Mieter ein Mindestalter und eine Mindestfahrpraxis erreicht haben. So kann ein VW Golf ab 21 Jahren und zweijährigem Führerscheinbesitz gemietet werden.

Eine Gefahr scheinen die Autohersteller in Unternehmen wie Drivy oder der Mitfahrzentrale BlaBlaCar nicht zu sehen. „Inzwischen sind die Hersteller selbst bei alternativen Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing-Firmen gut dabei“, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA).

In den fünf deutschen Städten Berlin, München, Köln, Düsseldorf und Hamburg sowie in der österreichischen Hauptstadt Wien hat der Carsharing-Anbieter DriveNow, hinter dem der Autokonzern BMW und der Autovermieter Sixt stehen, derzeit mehr als 350.000 Kunden. Ihnen stehen rund 2800 Fahrzeuge zur Verfügung.

Jede zweite Sekunde wird beim globalen Marktführer Car2Go ein Auto gemietet. Der zum Mercedes-Bauer Daimler gehörende Dienstleister ist neben Berlin in weiteren 28 Städten in sieben Ländern auf zwei Kontinenten präsent – zuletzt expandierte der Verleiher in den New Yorker Stadtteil Brooklyn. Noch bedeutet der wachsende Markt an Mobilitätsalternativen keinen Nachteil für den Autobauer Daimler: Inzwischen werden knapp ein Drittel aller in Deutschland zugelassenen Neuwagen als Firmenfahrzeuge oder als Mietwagen, wie sie Autoverleiher oder Carsharing-Anbieter nutzen, zugelassen. So wundert es nicht, dass die Ursprungsidee 2007 von Daimler selbst entwickelt wurde. In weiser Voraussicht sollten Geschäftsmodelle erarbeitet werden, die das Kerngeschäft Automobilbau und -verkauf ergänzen sollten. Car2Go entstand.

Ein Jahr später legte die Finanz- und Wirtschaftskrise den europäischen Automarkt brach. Langfristig wird es nie mehr so gut wie vor 2008: „Die Konjunkturaussichten haben sich zuletzt stark verdüstert, was auch die Autobranche belasten wird”, urteilt Peter Fuß von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Ungebremstes Wachstum

Ob nun wirtschaftliche Zwänge, Umweltbewusstsein oder Bequemlichkeit das neue ökonomische Modell befördern – Fakt ist, dass der Mobilitätssektor als der am stärksten wachsende Bereich innerhalb des Trends zum Teilen gilt. BlaBlaCar zum Beispiel ist mit über zehn Millionen Mitgliedern Europas größte Mitfahr-App. Monatlich nutzten mehr als zwei Million Menschen die Zentrale. In Deutschland vermittelt BlaBlaCar seit April 2013 Fahrer und Mitfahrer – bisher noch ohne Vermittlungsgebühr.

Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger sieht für die Branche ungebremstes Wachstum voraus: Bis zum Jahr 2020 soll der Bereich um etwa 35 Prozent jährlich zulegen – auf ein weltweites Marktvolumen von etwa 5,2 Milliarden Euro. Wie stark Investoren an den Mobilitätsboom glauben, zeigt der Aufstieg des umstrittenen Taxi-Rivalen Uber. Das Start-up aus dem kalifornischen San Francisco vermittelt über eine App Fahrten mit Chauffeuren und mit privaten Fahrern. In mittlerweile vier deutschen Städten, darunter Berlin, ist der Dienst bereits gestartet – Weltweite Nutzerzahlen nennt das Unternehmen nicht. Gleichwohl bewerten Investoren das Unternehmen auf mittlerweile 40 Milliarden Dollar.