Banken

Eine Deutsche Legende wackelt

Der Sparerfreibetrag wird in der Null-Zins-Phase zur Farce

Eine Institution wird faktisch überflüssig. Der Sparerfreibetrag, ein Kind der 70er-Jahre, und treuer Begleiter vieler Sparergenerationen versinkt in der Irrelevanz. Nach den Bundesschatzbriefen, Tagesgeld- und Festgeldkonten ist er das nächste Opfer der Nullzinstragödie.

Die Deutschen bekommen kaum noch Zinsen auf ihr Erspartes. Schlimmer noch: Die ersten Banken erheben sogar Minuszinsen für Geld auf dem Konto. Damit wird der Sparerfreibetrag, der seit 2009 Sparerpauschbetrag heißt, faktisch obsolet. Denn kaum ein Bundesbürger erhält nennenswerte Erträge, um den Sparerpauschbetrag auszunutzen, der für Ledige bei 801 Euro und für Verheiratete beziehungsweise Partner bei 1602 Euro liegt. Laut einer Erhebung des Vergleichsportals Verivox bieten die Tagesgeldanbieter im Schnitt gerade noch 0,19 Prozent. Um den Pauschbetrag von 801 Euro voll auszuschöpfen, müsste ein Sparer bei dem aktuellen Zinssatz eine Summe von 421.579 Euro anlegen. Doch ein solches Vermögen dürfte kaum ein Bundesbürger auf dem Tagesgeldkonto haben, schon allein, weil der Betrag über jenen 100.000 Euro liegt, die pro Bank und Kunde in Europa gesetzlich geschützt sind.

„Es werden bei uns immer weniger Klienten, die mit reinen Zinsanlagen über den Sparerpauschbetrag kommen“, sagt Uwe Rauhöft vom Neuen Verband der Lohnsteuerhilfevereine. Das würde höchstens jene betreffen, die gerade etwas verkauft haben und eine größere Summe Bargeld geparkt hätten. „Kunden, die über solche hohen Vermögen verfügen, lassen das Geld ohnehin nicht auf dem Sparbuch oder Tagesgeldkonto liegen“, sagt Rauhöft.

Das hat auch Folgen für den sogenannten Freistellungsauftrag, den Sparer bei ihrer Bank einreichen, damit nicht auch noch von den wenigen Zinsen ein gutes Viertel an Abgeltungssteuer und Solidaritätszuschlag an den Fiskus automatisch überwiesen wird. Mussten die Bundesbürger früher den Sparerpauschbetrag von 801 Euro auf ihre verschiedenen Konten bei einzelnen Instituten genau abzirkeln, ist dies jetzt nicht mehr nötig. Faule Zeitgenossen können einfach bei jeder Bank, bei der sie ein Sparkonto unterhalten, einen Freibetrag über die volle Summe einreichen.

Zwar werden die einzelnen freigestellten Beträge beim Bundeszentralamt für Steuern zentral gesammelt. Doch die Banken melden nicht die von den Sparern angegebenen Freistellungsaufträge, sondern lediglich die Zinseinkünfte, die tatsächlich von der Abgeltungssteuer freigestellt worden sind.

Selbst wer etwas mehr verdient und vielleicht 0,8 Prozent Zins gut geschrieben bekommt, muss insgesamt gut 190.000 Euro auf der hohen Kante haben. Aufpassen müssen lediglich Aktien- und Fondssparer. Denn Dividendeneinnahmen oder Erträge aus Kursgewinnen werden ebenfalls auf den Sparerpauschbetrag angerechnet.

Die Situation war vor wenigen Jahren noch vollkommen anders. Da mussten die Sparer jedes Jahr aufs Neue ihre Freibeträge genau auf die einzelnen Konten verteilen. Zwar ist bei einem fehlenden oder falschen Freistellungsauftrag das an den Fiskus überwiesene Geld nicht unwiederbringlich futsch. Allerdings mussten Anleger dann umständlich in der Einkommensteuererklärung das Geld nachträglich frei stellen lassen. Und das war gar nicht so einfach. Noch im Jahr 2009 lag der durchschnittliche Tagesgeldzinssatz bei 3,5 Prozent. Da war das Sparersteuerlimit bereits bei einer Anlagesumme von gut 40.000 Euro erreicht. Bei einem Zinssatz von fünf Prozent, den damals einige Institute boten, war der Pauschbetrag bereits bei 30.000 Euro erschöpft.

Doch diese Zeiten sind längst passé. Nun sehen sich einige Kunden sogar mit Minuszinsen konfrontiert. Die Altenburger Skatbank, die Commerzbank oder die WGZ Bank erheben für größere Einlagen Minuszinsen. Die Sachlage ist so neuartig, dass es dazu noch keine klare Rechtsmeinung gibt, wie solche Strafzinsen steuerlich behandelt werden, sagt Rauhöft. „Der Logik nach müssten diese als negative Einnahmen berücksichtigt werden, die sich mit positiven Kapitalerträgen verrechnen lassen“, sagt der Steuerexperte. Doch um diese Verluste verrechnen zu können, müssten die Sparer erst mal Erträge erwirtschaften, die über dem Pauschbetrag von 801 Euro liegen. Im Zweifel könne man die Verluste in die kommenden Jahre mitschleppen, bis sich die Zinssituation wieder verbessert habe.

Wer nicht so lange warten möchte, stellt besser sein Anlageverhalten um. So lassen sich mit Aktien noch ordentliche Dividendenerträge erwirtschaften. Die 30 Dax-Aktien werfen im Durchschnitt 3,5 Prozent ab. Aber Aktien bergen auch Kursrisiken und der Sparerfreibetrag der 70er-Jahre sollte vor allem dem Zinssparen dienen.