Gesundheitsbranche

Mangel an Laboren bremst junge Firmen

Experten beklagen fehlenden Willen, Gesundheitswirtschaft zu fördern

Berliner Forscher sind stark in den sogenannten Lebenswissenschaften, die Universitätsklinik Charité und das Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin strahlen international, die Stadt kontrolliert mit Charité und Vivantes 60 Prozent des Berliner Krankenhausmarktes. Die Ausgangsbedingungen, Europas Gesundheitshauptstadt zu werden, sind ausgezeichnet. Dass die Potenziale aber nicht konsequent genutzt werden, machte am Dienstagabend eine hochkarätig besetzte Gesprächsrunde der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus deutlich.

Es mangele nicht nur an Offenheit in der streng regulierten Gesundheitsbranche, guten Bedingungen für Investoren oder am Gründungsgeist gut bestallter Wissenschaftler der öffentlich geförderten Institute. Sondern auch am unbedingten politischen Willen der Berliner Politik, die Stadt an die Spitze dieser Zukunftsbranche zu setzen, diagnostizierte die Runde. „Der neue Regierende Bürgermeister muss dieses Ziel vorgeben, und alle anderen Politikbereiche müssen ihm folgen“, forderte CDU-Fraktionsvize Gottfried Ludewig.

Deutschlands wichtigster Finanzier von neuen Biotech-Firmen, Thomas Strüngmann, beklagte, die Politik in Deutschland „versagt total“ wenn es darum gehe, jungen Start-ups die Finanzierung zu ermöglichen, bis ihre Erfindungen in Produkte umgesetzt werden. Die steuerlichen Voraussetzungen seien viel schlechter als anderswo.

Der künftige Aufsichtsratschef der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner, Andreas Eckert, nannte es eine „optische Täuschung“ zu glauben, durch viel Forschung werde automatisch eine leistungsfähige Wirtschaft für Gesundheitsprodukte aus dem Boden gestampft. Der Gründer und Chef des Medizintechnik-Unternehmens Eckert & Ziegler mahnte vor der Gefahr, dass etwa mit der Gründung des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG) durch Charité und MDC die Forscher „nur das Wirtstier wechseln“. Weg vom klammen Land Berlin hin zum solventen Bund. Die Bundesregierung pumpt 80 Millionen Euro in das BIG, das sich vorgenommen hat, Forschungsergebnisse schneller ans Krankenbett zu bringen und in Präparate und Diagnosemethoden umzusetzen. Dieses Ziel sei in der Struktur des BIG nicht abgesichert, kritisierte der Unternehmer. Der Charité-Chef widersprach. Die Wissenschaft sei „keine Abzockgemeinschaft“; sagte Karl Max Einhäupl: „Wo heute Wissenschaft ist, wird in 20 oder 30 Jahren Wirtschaft sein“, sagte der Professor. Das Problem sei, dass Politiker aber nur in Legislaturperioden dächten.

Sonja Jost, die an der Technischen Universität ein neues Verfahren zur Produktion von Wirkstoffen entwickelt hatte und dann ihre Firma DexLeChem gründete, beklagte das Fehlen von Laborplätzen für junge Wissenschaftler, die ihre Entwicklung Richtung Marktreife vorantreiben wollen. Dieser Mangel eines Gründungszentrums für technische Start-ups bremse das Entstehen innovativer Unternehmen. Ex-Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner bestätigte das: „Man braucht Räume, in denen junge Leute arbeiten können.“ Für CDU-Mann Ludewig belegt dieser Missstand mangelnden politischen Willen: „Wenn wir Gesundheitshauptstadt werden möchten, kann es nicht sein, dass Laborplätze fehlen.“