Studie

Digitale Welt stresst die Jugend

Europaweite Umfrage unter jungen Erwachsenen. Deutsche fürchten um Jobs und wollen nicht für Start-ups arbeiten

Zwar blicken die meisten jungen Deutschen optimistisch in die Zukunft. Drei von vier behaupten das zumindest von sich selbst. Doch nicht einmal jeder Zweite von ihnen glaubt, dass er es im Leben einmal besser haben wird als seine Eltern. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation, die vom Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführt wurde. Die Studie gehört zu den größten Befragungen der Altersgruppe zu Arbeitsmarkt, Bildung und Digitalisierung. Insgesamt wurden 6000 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren in Deutschland, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Spanien und der Tschechischen Republik befragt. In Deutschland nahmen 1000 junge Erwachsene an der Studie teil, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Demnach ist diese Generation längst in der digitalen Welt angekommen. Gut acht von zehn nutzen ein Smartphone, 76 Prozent besitzen ein Notebook und fast jeder dritte junge Erwachsene ein Tablet. Zwar sehen fast 70 Prozent der Deutschen in der digitalen Revolution mehr Vorteile als Risiken. Aber drei von vier Befragten fühlen sich durch die zunehmende Digitalisierung immer mehr gestresst. Fast genauso viele sehen die Gefahr der Verletzung ihrer Privatsphäre. Überhaupt setzen sich junge Erwachsene auch kritisch mit der Digitalisierung auseinander. So glauben fast vier von zehn Befragten in Deutschland, dass die digitale Revolution Jobs kosten wird. Nur 13 Prozent in Deutschland sind der Meinung, dass sie zusätzliche Arbeitsplätze schaffen kann. Mehr als jeder Dritte ist überzeugt, das sich der Charakter der Arbeit durch die Digitalisierung verändert.

Die Briten sind der Digitalisierung gegenüber etwas aufgeschlossener. Dort sehen 86 Prozent der Befragten mehr Vorteile als Risiken. In Spanien sind es drei von vier Befragten. Auch die Tschechen und Italiener liegen mit 73 und 70 Prozent noch vor Deutschland, wo der Wert 69 Prozent beträgt. Zwar sieht die Mehrheit der jungen deutschen Erwachsenen in der Branche für Informations- und Telekommunikationstechnologie die besten Jobaussichten. Doch würde immerhin jeder Dritte auf keinen Fall in der digitalen Wirtschaft arbeiten wollen. Nur 13 Prozent würden dort gern ihre Karriere beginnen.

Offenbar sind Start-ups für viele junge Erwachsene wenig attraktiv. Mehr als drei von vier Befragten aus Deutschland würden kein Start-up in der digitalen Wirtschaft gründen wollen. 70 Prozent wollen noch nicht einmal dort arbeiten. Spanier und Italiener sind eher bereit, für Start-ups zu arbeiten oder selber welche zu gründen. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in den eingeschränkten Möglichkeiten auf den heimischen Arbeitsmärkten. Sie sehen daher auch etwas pessimistischer in die Zukunft. Somit prägt die wirtschaftliche Lage in den einzelnen Ländern die Ergebnisse der Vodafone-Befragung stark. So glaubt noch nicht einmal jeder vierte Italiener, dass er es besser haben wird als seine Eltern. Bei den Spaniern sind es knapp 30 Prozent, und in Großbritannien ist es jeder Dritte. Mit 43 Prozent ist der Wert in Deutschland noch am größten.

Geht es um die Gründung von Unternehmen, steht bei den Deutschen die Selbstverwirklichung an erster Steller der wichtigsten Gründe. Trotzdem lassen sich die meisten Deutschen abschrecken. Als Hauptgrund gegen eine Gründung wird am häufigsten zu viel Arbeit genannt, gefolgt von einer falschen Balance von Arbeit und Privatleben. Einig sind sich die Europäer darin, dass digitale Fähigkeiten in Zukunft eine noch größere Rolle auf dem Arbeitsmarkt spielen werden. Italiener und Spanier meinen häufiger als andere, dass das Programmieren zu den wichtigsten Fähigkeiten zählen wird. Deutsche trauen den Unternehmen bei der Vermittlung digitaler Kenntnisse am meisten zu: Gut jeder Vierte denkt, dass die Unternehmen die Vermittlung digitaler Kenntnisse federführend übernehmen sollten. In Großbritannien sagen dass nur drei Prozent. Dass allgemeinbildende Schulen am schlechtesten auf den digitalen Arbeitsmarkt vorbereiten, ist übrigens in allen Ländern eine weit verbreitete Meinung.

Mehr Ausbildung gefordert

Insgesamt sind die jungen Erwachsenen der Meinung, dass Europa mehr in die Ausbildung digitaler Fähigkeiten investieren sollte, um nicht hinter andere Weltregionen wie die Vereinigten Staaten von Amerika zurückzufallen. Europa könne sogar eine führende Rolle in der Forschung und Entwicklung digitaler Technologien einnehmen. Geht es aber um das eigene Land, sehen die Befragten die Wettbewerbsfähigkeit sehr unterschiedlich. In Spanien fürchtet jeder Zweite um die Wettbewerbsfähigkeit, in Italien sind es sogar 60 Prozent. In Deutschland haben die Befragten noch im Vergleich der in der Studie untersuchten Länder das größte Vertrauen, dort ist es nur jeder Dritte, der sich Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit des eignen Landes macht.

Die wirtschaftliche Situation zwingt junge Erwachsene zur Flexibilität. So planen gut 60 Prozent der befragten Italiener, ins Ausland zu gehen, weil dort die Jobchancen besser sind. Bei den Spaniern liegt der Wert bei 58 Prozent. In Deutschland erwägt mit 27 Prozent mehr als jeder vierte einen solchen Schritt. Ob es dazu kommt, ist eine andere Frage. Tatsächlich ist ein großer Teil der jungen Generation als mobile Europäer aufgewachsen. So hat bereits einer von fünf Erwachsenen der Studie zufolge im Ausland gelebt. Aber es gibt nationale Unterschiede. Bei den Niederländern waren es nur 17 Prozent. Junge Deutsche scheinen am mobilsten zu sein, jeder Vierte hat im Ausland gelebt.

Ein Vorurteil konnte die Vodafone-Studie zumindest widerlegen: Junge Erwachsene wählen ihren Arbeitsplatz nicht vorrangig wegen der Bezahlung aus. Nur jeder dritte berufstätige Befragte aus Deutschland nannte dies als Hauptgrund. Mit 56 Prozent sagte mehr als jeder zweite Berufstätige in Deutschland, er habe seinen aktuellen Job gewählt, weil er daran Interesse habe.