Statistik

Spielerisches Wachstum in Berlin

Bei den audiovisuellen Medien in der Region boomt vor allem die Games-Branche

Mit Bonbons beschäftigt sich der Berliner U- und S-Bahnfahrer gern – vor allem mit virtuellen. Beim Smartphone-Spiel „Candy Crush Saga“ muss er die bunten Süßigkeiten in Reihen und Spalten sortieren, um Punkte zu bekommen. King, der Entwickler des Spiels aus London, hat seit Kurzem auch ein Büro in Berlin, direkt am Gendarmenmarkt in Mitte. Der US-Spieleentwickler Kabam („Fast & Furious 6: The Game“) baut seinen Standort in Prenzlauer Berg kräftig aus. Und ProSiebenSat.1 hat gerade seine Spielesparte von München nach Kreuzberg verlagert.

Die Beispiele aus den vergangenen Monaten zeigen, dass vor allem die Games-Branche in Berlin wächst. Der Standort ist für Unternehmen attraktiv – wegen der vielen verschiedenen Techfirmen in der Stadt und wegen des guten Zugangs zu Talenten, die wiederum nach Berlin kommen, weil hier viele interessante Unternehmen ansässig sind, der Onlinespielehersteller Wooga („Jelly Splash“) in Prenzlauer Berg zum Beispiel oder Yager aus Kreuzberg, der einzige Entwickler von aufwendigen Computerspielen, sogenannten Blockbustern, in Deutschland. Die Branche wächst also kräftig. Und auch in den vergangenen Jahren hat sie überdurchschnittlich stark zugelegt, wie aus dem neuen Medienindex des Medienboards Berlin-Brandenburg hervorgeht.

158 Prozent mehr Unternehmen

Demnach legte die Zahl der Unternehmen in der Spielebranche von 2004 bis 2012 um 158 Prozent auf 1433 zu. Der Gesamtumsatz kletterte in der gleichen Zeit um 122 Prozent auf 964 Millionen Euro. Die Zahl der Beschäftigten stieg zwischen 2004 und 2013 um 47 Prozent auf 10.230. Der Medienindex untersucht erstmals genau, wie viele Firmen sich in Berlin und Brandenburg mit audiovisuellen Produktionen beschäftigen, wie viele Menschen für sie arbeiten und wie viel sie umsetzen. Games sind ein Teil davon. Künftig soll er jährlich erscheinen. Das Berliner Unternehmen House of Research hat dafür im Auftrag des Medienboards die Umsatzsteuerstatistiken der Finanzämter herangezogen und Daten der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg analysiert. Die Zahlen enthalten alle Unternehmen mit mehr als 17.500 Euro Umsatz, erfasst sind auch Freiberufler als Unternehmer, die diese Grenze überschritten haben. Eingerechnet sind anteilig auch Medienunternehmen, die eine audiovisuelle Sparte haben. Die neusten Steuerdaten stammen von 2012. Der Trend der vergangenen zehn Jahre werde sich angesichts der Ansiedlungen in den vergangenen 18 Monaten allerdings fortsetzen, sagte Elmar Giglinger, Geschäftsführer des Medienboards.

Insgesamt beschäftigte die Branche in den Sparten Film, Fernsehen, Web, Mobile und Games 2013 rund 62.000 Mitarbeiter, im Vergleich zu 2004 ein Plus von 44 Prozent. Sie setzten 5,7 Milliarden Euro um, was rund 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung der beiden Bundesländer von 206,7 Milliarden Euro im Jahr 2012 entspricht. 2004 setzte der Wirtschaftsbereich dem Medienindex zufolge 3,2 Milliarden Euro um. Der Handel in Berlin setzte nach Angaben des Statistischen Landesamtes im selben Zeitraum rund sechs Milliarden Euro um.

Die mit Abstand meisten Unternehmen sind dabei im Bereich Web entstanden: 4352 waren es 2012, acht Jahre zuvor noch 2146. Die Ergebnisse des Medienindex seien sehr erfreulich, sagte Giglinger. Auch in Branchen, die Unter Druck seien wie Film und TV, sei die Zahl der Firmen und der Umsatz gestiegen. Allerdings ist die Zahl der Mitarbeiter beim Film um rund 15 Prozent und bei TV um rund 18 Prozent gesunken. Giglinger vermutet, dass das mit neuen Technologien, Kostendruck und interner Optimierung zu tun hat. Die Branche muss sich ohnehin auf etwas härtere Zeiten einstellen, weil die Deutsche Filmförderung von 60 auf 50 Millionen Euro gekürzt wird, was die international renommierten Filmstudios Babelsberg als einen der wesentlichen Filmarbeitgeber in der Region treffen wird. Insgesamt gab es 2012 bundesweit rund 310 Millionen Euro Fördergeld von Bund und Ländern für rund 600 Produktionen.

Gerade bei Film und TV ist Berlin-Brandenburg ein starker Standort. Hoch qualifiziertes Personal, exzellente Infrastruktur, kreatives Umfeld attestierte die Stärken-Schwächen-Analyse der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mitte des Jahres. Allerdings fehle ein großer Fernsehsender oder elektronischer Medienkonzern. Und es gebe die Gefahr, dass Fachkräfte in die wichtigen Zentren Nordrhein-Westfalenund Bayern abwanderten. Für die stark wachsende Games-Industrie bemängelte die Analyse fehlende politische und finanzielle Förderung.