Interview

„Wir müssen alle wirtschaftlich denken“

Michael Kors ist Top-Designer – und er weiß, seine Ideen zu vermarkten. Das Unternehmen schaffte es bis an die Börse

Mr Moneybag. So nennen sie ihn. Oder den Drei-Millionen-Dollar-Taschen-Mann. Oder einfach Michael. Michael Kors, 54, ist der All-American-Man, vom „Time“-Magazin unter die „100 einflussreichsten Männer“ gewählt, seit vergangenem Jahr aufgenommen in den Milliardärsklub von „Forbes“. Sein Stil und ganz besonders seine Handtaschen mit dem baumelnden MK-Goldlogo sind mittlerweile auch in Europa allgegenwärtig.

Schon in seiner Kindheit deutete er an, dass er das Zeug hatte, ein ganz Großer zu werden: Der junge Michael hatte einen Sinn für Mode, fertigte Skizzen, kaum, dass er einen Bleistift halten konnte, ging ausgesprochen gern mit der Mutter einkaufen. Nicht in Spielzeugläden, sondern in Boutiquen. Ständig beobachtete er Mensch und Umwelt und überlegte, wie das Erscheinungsbild zu verbessern wäre. Auch das eigene. Das Unternehmen, das er schuf, die nach ihm benannte Holding, hat inzwischen weltweit mehr als 570 Läden, und ist seit Dezember 2011 börsennotiert.

Berliner Morgenpost:

Mr Kors, was war der erste Schritt auf Ihrem Weg zum Unternehmer?

Michael Kors:

Ich war als Einzelkind umgeben von sehr starken Frauen. Und die waren von Mode besessen und hatten alle ihren eigenen Stil. Die Ansichten meiner Mutter unterschieden sich von denen meiner Großmutter, auch meine Tanten hatten ihren eigenen Kopf. Aber auch die Männer meiner Familie beeinflussten mich. Mein Großvater war in der Textilbranche, mein Onkel in der Modebranche. Nur mein Vater hatte mit dieser Welt nichts zu tun. Er führte eine Tankstelle. Ich lernte durch meine Familie von klein auf, dass Mode nicht nur frivoler Zeitvertreib war, mit ihr bestritt man auch seinen Lebensunterhalt. Mit zwölf eröffnete ich einen Laden im Haus meiner Eltern, im Erdgeschoss.

Nahmen Ihre Eltern Sie ernst?

Meine Mutter fand das großartig. Ich hatte keine Ahnung, ob irgendjemand etwas kaufen würde. Doch sie taten es. Ich stellte Ledertaschen her, Schmuck aus Kupfer, färbte und batikte Dinge. Und zugleich ging es ums Geschäft. Wenn ich meiner Familie zuhörte, war das oft so. Wenn der Onkel zum Beispiel über eine neue Kollektion sprach, mit der er zu tun hatte, und er kommentierte, dieser und jener Mantel würde sich fantastisch verkaufen. Dadurch lernte ich früh, dass es eine aufregende Sache ist, etwas zu entwerfen, herzustellen und dann zu sehen, dass es jemanden gibt, der es tatsächlich nicht nur kauft, sondern auch im Alltag nutzt. Und so ging es also von Anfang an darum, etwas zu schaffen, mit dem Ziel, dass es verkauft würde.

In Ihrer Jugendzeit gab es Couture für einige wenige oder einfache Kleidung. Da war noch nicht dieses verbreitete Interesse an Mode, oder?

Ja, heute ist es viel demokratischer, was Mode angeht. Als ich begann, Geld mit meiner Arbeit zu verdienen, war ich besessen davon, das zu besitzen, wovon ich träumte. Und ich sparte, bis ich mir mit 16 Jahren eine Uhr von Cartier kaufte. Ich bin nicht in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen. Ich musste für alles, was ich besitzen wollte, selbst arbeiten. So kannte ich das Gefühl, von etwas zu träumen. Ich wuchs in einem Vorort von New York auf und ich ging mit vielen Mädchen zur Schule, die verrückt nach Mode waren. Ich war ein Tagträumer, Wissenschaft war nicht meine Sache. Ich saß in der letzten Reihe und machte Skizzen von Schuhen. Und die Mädchen kamen zu mir und sagten: „Zeig uns deinen neuesten Schuh!“ Ich wuchs ja nicht in einer Gegend auf wie, sagen wir mal, Idaho, wo Leute sagen: „Mode, was ist das denn?“ Ich war doch in New York, ein ganz anderes Pflaster.

Selbst damals war New York schon eine Art von Catwalk?

Das Unglaubliche an New York ist, dass es immer war und ist wie ein Laufsteg, hier kommen so viele verschiedene Menschen zusammen. Ich fuhr oft nach Manhattan, seit dem 13. Lebensjahr, entweder allein oder mit Freunden. Wir waren furchtlos, sind in die exklusivsten Läden hineinspaziert. Dieses Erlebnis, die Einkaufstüte, das Straßentheater, all das war aufregend und hat mich als Junge fasziniert und infiziert.

Hatten Sie eine Strategie?

Als ich jung war, wusste ich um meine Leidenschaft, aber ich hatte ja keine Ahnung, wie es tatsächlich ablaufen würde, davon hatte ich doch gar keine Vorstellung. Ich ging zur Universität und dachte, ich werde meinen Abschluss machen, dann Assistent eines Designers werden, ich werde ihm Kaffee kochen, Nadeln für ihn aufheben und mich allmählich hocharbeiten. Und irgendwann meine eigene Kollektion haben. Aber ich startete dann gleich ein eigenes Geschäft. Ich hatte keinen Businessplan, ich hatte keine Vorstellung, keine Ahnung, wie man Verkaufsphasen von Kleidung und anderen Waren organisiert. Alles basierte nur auf diesem Grundsatz: „Dies ist, woran ich glaube, meine Ansicht als Designer.“ Und außerdem hatte ich durch meine Arbeit in der angesagten Boutique Lothar’s einen Verkaufshintergrund und sah, dass es Frauen gab, die meine Entwürfe tragen wollten.

Und?

Ich lieh mir also Geld von Freunden und Verwandten und verkaufte von meiner Einzimmerwohnung in Chelsea aus. Wir schnitten alle Kleider per Hand, ich hatte kein Geld für ein elektronisches Schneidegerät. Und ich lieferte meine erste Saison zu Bergdorf Goodman auf dem Rücksitz des Mercedes-Benz meiner Tante aus. Dort waren sie irritiert, dass ein 25-Jähriger bereits genau verstand, was erwachsene, wohlhabende Damen interessierte. Ich dachte damals schon und denke heute noch, dass glamouröse Dinge nicht over the top sein müssen. Ich war bekannt für Luxussportswear.

Warum wechselten Sie dann doch als Designer zu Céline – und damit als erster Amerikaner zu einer europäischen Marke?

Marc Jacobs und ich kamen zusammen nach Paris, er ging zu Louis Vuitton. Als ich begann, hätte niemand gedacht, dass Mode global werden könnte. Das Einzige, was damals vielleicht wirklich global war, war der Parfümmarkt. In den späten Achtzigerjahren bedeutete für uns amerikanische Modemacher „international“ nichts anderes als Kanada. In den Neunzigern begann ich mit Projekten, die mir in gewisser Weise die Augen öffneten für die Möglichkeiten. Bei Céline erkannte ich die Macht von Accessoires und dass die Globalisierung real war. Die wenigsten amerikanischen Designer dieser Zeit dachten, dass sie ihre Arbeiten jemals in Europa würden zeigen können.

Warum gingen Sie wieder?

Das soll jetzt gar nicht witzig gemeint sein, aber ich glaube, ich verließ Céline zur selben Zeit, als die Flüge der Concorde eingestellt wurden. Alles ungeplant. Aber ich musste ständig hin und her fliegen über den Atlantik, und es wurde für mich körperlich immer anstrengender, da mein Unternehmen ja auch wuchs. In dieser Zeit arbeiteten wir etwa am Abschluss unserer New Yorker Kollektion und zeitgleich an der Pariser Kollektion. Und sobald die eine Show beendet war, musste ich zum Flughafen aufbrechen, um zur nächsten zu eilen. All dies war schon ein Vorbote dessen, was später kam, nämlich dass sich die Welt immer schneller drehte. Ich begann bei Céline zu einer Zeit, als das Internet immer wichtiger wurde und auch die Modewelt beeinflusste. Alles wurde globaler, demokratischer. Man musste nicht mehr in einer großen Stadt leben, um zu verstehen, was in der Mode vor sich ging.

Ist das Internet gut für Ihr Geschäft?

Nach mehr als 30 Jahren im Geschäft muss man als Designer zu einem gewissen Grad zäh sein, aber auch Neugierde bewahren. Wenn ich also heute eine Kollektion schaffe, muss ich in der Lage sein, die Stimmung der Kollektion in einem Satz zu beschreiben. Und mit einem Bild auf dem Smartphone muss die ganze Stimmung einer Kollektion sichtbar sein. Wir müssen ja alle in wirtschaftlichen Kategorien denken. Geschwindigkeit gehört nun dazu.

Ihre Holding ist börsennotiert. Hier gibt es Veröffentlichungspflichten, Sie müssen Zahlen liefern.

Zahlen sind nicht mein Gebiet. Ich habe in einer kleinen Boutique auf der 57th Street in New York begonnen, und dann war es ein globales Unternehmen. Aber immer ging es um die Beziehung zwischen mir und den Kunden. Zu Beginn meiner Karriere sah ich vielleicht 20 Frauen bei Bergdorf Goodman in der Trunkshow, jetzt sind es Millionen Menschen in sozialen Medien, mit denen wir kommunizieren. Es hat sich nicht so viel verändert, solange man offen bleibt im Dialog. Ich frage Kunden niemals, was sie sich von mir wünschen. Meine Aufgabe ist es, dies zu erkennen, bevor die Kunden es wissen. Aber zugleich muss man auch darauf achten, wie die Wirkung ist. In Europa würde eine Frau niemals auf die Idee kommen, einen Fremden anzusprechen und ihn zu fragen: „Was tragen Sie da, von wem ist diese Jacke? Wie viel kostet sie? Wo haben Sie sie gekauft?“ In New York sind solche Fragen üblich. Solche Dialoge sind sehr gut für mich.

Sie entwerfen für alle Länder gleich?

Ja, das ist bemerkenswert, jahrelang gab es diese Vorstellung, dass es verschiedene Produkte für verschiedene Märkte geben müsste. Die Menschen sind mobil, Mode wird unabhängiger von den Jahreszeiten. Natürlich gibt es Varianten je nach Region, wir verkaufen zum Beispiel mehr Stiefel in Moskau als in Miami, kleinere Handtaschen in Seoul als in Stockholm, selbstverständlich. Aber es ist dieselbe Tasche in dergleichen Farbe. So verkaufen wir auch mehr Ready-to-wear-Mäntel in Deutschland als in Texas. Aber auch in Texas wünschen sich Kunden Mäntel.