Personalien

Frau Davis, übernehmen Sie!

Die Amerikanerin im Siemens-Vorstand soll das Energiegeschäft nach vorne bringen, mit Folgen für Berlin

Technologisch sind sie eines der Spitzenprodukte im Siemens-Konzern, energieeffizient, stark. Doch vor allem in Deutschland und Europa sind sie derzeit kaum zu verkaufen, die riesigen Gasturbinen der H-Klasse aus dem Berliner Werk in der Huttenstraße, Moabit. Der Konzern hat seinem Energiebereich deshalb eine Runderneuerung verordnet: Hin zu kleineren Turbinen zu intelligenter Netzsteuerung. Noch schreibt das Energiegeschäft schwarze Zahlen bei Siemens, doch die Gewinne sinken und der Auftragseingang schrumpft. Gegensteuern soll jetzt Lisa Davis, erstes Vorstandsmitglied des Siemens-Konzerns im Ausland. 98 Tage ist die ehemalige Shell-Managerin jetzt im Konzern und arbeitet aus den USA.

Siemens-Konzernchef Joe Kaeser ließ in der Berliner Hauptverwaltung bei der Vorlage der Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr 2013/2014 (30. September) keinen Zweifel daran, dass im Energiegeschäft gehandelt werden muss. Wegen der Energiewende ist der Markt für große Gasturbinen in Deutschland eingebrochen. Energiekonzerne setzen auf erneuerbare Energien, planen, ihre Kohlekraftwerke abzuschalten, Investitionen in vergleichsweise teure Gaskraftwerke mit großen Turbinen wie der H-Klasse werden verschoben oder gar gestrichen. Auch europaweit sieht es nicht besser aus. Und, wie Davis sagte, kämpfen alle Hersteller mit Überkapazitäten, deshalb ist der Wettbewerb in der Branche hoch, was auf die Preise drückt.

Das Geschäft mit großen Gasturbinen sei seit 2008 rückläufig, sagte Davis. Der Bereich müsse effizienter werden. Sie skizzierte jetzt, was in den kommenden Monaten geschehen soll: Mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren, um schneller neue Produkte zu entwickeln und sie auch schneller auf den Markt zu bringen. Da sei Siemens nicht so gut wie die Konkurrenz. Der Vertrieb soll ausgebaut werden, außerdem will sie die Kostenbasis der tatsächlichen Nachfrage anpassen, wie es im Managerdeutsch heißt. Das bedeutet: Weil weniger gekauft wird, muss mehr gespart werden – wohl auch beim Personal.

Gespräche über Stellenabbau

Für den Standort Berlin, an dem rund 3800 Mitarbeiter sich mit Turbinen beschäftigen, darunter rund 1500 mit Service, hat das Management offenbar 150 bis 200 Stellen genannt, die möglicherweise zu viel sind – insgesamt sollen es 1200 in Deutschland sein. Offiziell will Siemens die Zahl nicht bestätigen. Und ob sie tatsächlich wegfallen, ist nicht klar. Zunächst soll es Gespräche mit dem Betriebsrat geben.

Ob sich Siemens tatsächlich von Mitarbeitern in Berlin trennt, ist noch offen. Zum einen sind sie hoch qualifiziert, und auch der Technologiekonzern spürt die Folgen des Fachkräftemangels. Zum anderen hat sich der Konzern verpflichtet, nicht betriebsbedingt zu kündigen. In Berlin mit seinen rund 12.000 Konzernmitarbeitern ist es zudem einfacher, andere Aufgaben für die Mitarbeiter zu finden als an kleineren Standorten.

Das Spitzenprodukt H-Klasse wird es wohl weiter geben; doch konzentriert sich Siemens mehr auf kleinere Gasturbinen, wie Kaeser sagte. Zuletzt hatte der Konzern von Rolls Royce das Geschäft mit mittelgroßen Turbinen gekauft.

Der Sektor Energie insgesamt setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr 24,6 Milliarden Euro um, nach 26,6 Milliarden Euro ein Jahr zuvor. Mehr als die Hälfte davon entfiel auf Power Generation mit den Turbinen. Dort schrumpfte das Geschäft um neun Prozent, während allerdings der Gewinn vor Steuern leicht um drei Prozent stieg. Der Gewinn des gesamten Energiesektors fiel von 1,96 auf 1,57 Milliarden Euro, vor allem weil das Geschäft mit Stromübertragung tief in die roten Zahlen rutschte. Die Umsatzrendite vor Steuern sank von 7,4 auf 6,3 Prozent. Kaeser hatte ein Ziel von elf bis 15 Prozent vorgegeben.

Die anderen drei Sektoren machten dem Konzern mehr Freude. Vor allem bei Infrastruktur & Cities, in denen unter anderem das Bahngeschäft und die Gebäudetechnologie gebündelt waren, legte bei 21 (Vorjahr 21,9) Milliarden Euro Umsatz beim Gewinn vor Steuern von 0,29 auf 1,49 Milliarden Euro zu – dank des Bahngeschäfts.

Insgesamt schrumpfte der Umsatz von 73,5 auf 71,9 Milliarden Euro, der Vorsteuergewinn stieg von 5,8 auf 7,4 Milliarden Euro, vor allem wegen Verkäufen und weil der Konzern gespart hat. Für 2015 ist Kaeser eher zurückhaltend. Er rechnet mit einem Umsatz auf Vorjahresniveau. „Hat Siemens ein Wachstumsproblem? Offensichtlich schon, wenn man zwei Jahre hintereinander nicht wächst“, sagte er. Erst von 2016 an soll es beim Umsatz wieder aufwärts gehen – wenn der Konzernumbau greift.

Neue Konzernstruktur

Kaeser hat Siemens zum 1. Oktober grundlegend umstrukturiert: Er löste die vier Sektoren und ordnete das Geschäft in neun neue Divisionen, etwa Power & Gas, in der die Erzeugung zusammengefasst ist, und Energy Management, die sich um Stromübertragung kümmert. Die Division Digital Factory soll sich mit der Zukunft der Produktion unter dem Stichwort Industrie 4.0 beschäftigen. 2015 will Kaeser zur Konsolidierung nutzen. Und es wird verkauft und zugekauft. So trennt sich Siemens vom Anteil am Hausgerätehersteller BSH. Die Hörgerätesparte geht an den Finanzinvestor EQT und die Familie Strüngmann. Zugekauft hat Siemens den US-Kompressorspezialisten Dresser-Rand.

Seit Monaten wird spekuliert, dass der Konzernumbau mehrere tausend Stellen vor allem in der Verwaltung kosten wird. Kaeser nannte keine Zahl. Aber er machte deutlich, dass er Siemens weiter umbauen wird: „Auf strukturelle wirtschaftliche Veränderungen, die unsere Geschäfte betreffen, müssen wir reagieren. Und wir müssen unsere Ressourcen darauf ausrichten, wo Bedarf ist.“