Altersvorsorge

Bürger haben Angst vor der Rente mit 63

Junge und gebildete Bürger wollen länger arbeiten können – aus Furcht vor Altersarmut

Es muss sich etwas ändern, im Rentensystem, da ist Deutschland sich einig: 91 Prozent der Bürger halten die bisherigen Reformen für nicht ausreichend, um die gesetzliche und private Rente auf eine sichere Grundlage zu stellen. Allerdings gehen die Vorhaben der Politik an den Wünschen der Bürger vorbei. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie zum Thema „Rente, Reformen und Zukunftsängste 2014“ des Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Gothaer Versicherung. Die Meinungsforscher haben im September 2014 bundesweit 1513 Bürger zwischen 20 und 70 Jahren befragt.

Vom Grundsatz her hält das Gros der Deutschen (61 Prozent) den Generationenvertrag – also den Solidar-Vertrag zwischen der älteren und jüngeren Generation auf dem das Umlageverfahren der gesetzlichen Rente fußt – zwar für gerecht. Doch müsse einiges verändert werden, damit das Rentensystem gegen die Herausforderungen, die die Zukunft bringt, bestehen könne.

Was die gesetzliche Rente angeht, spricht sich denn auch eine Mehrheit für Reformen aus. „Die Studie zeigt deutlich, dass den Bürgern immer stärker bewusst wird, dass das deutsche Rentensystem in seiner heutigen Form an seine Grenzen stößt“, sagt Karsten Eichmann, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Versicherungen, mit Blick auf die Studienergebnisse. Was die Politik allerdings anbiete, gehe an der Lebenswirklichkeit vorbei.

Am Montag hatte die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf eine Studie des „Instituts Arbeit und Qualifikation“ der Uni Duisburg-Essen berichtet, dass selbst Durchschnittsverdiener in den kommenden Jahrzehnten damit rechnen müssen, nur noch eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu erhalten. Danach muss ein Beschäftigter mit einem Durchschnittslohn von rund 2900 Euro beim Rentenbeginn 2015 schon 28,3 Jahre gearbeitet haben, um eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu bekommen. Sie liegt mit der Leistungen für Wohnung und Heizung zurzeit im Schnitt bei 690 Euro pro Monat.

Wegen des sinkenden Rentenniveaus seien beim Rentenbeginn im Jahr 2030 aber schon 31,6 Arbeitsjahre mit Durchschnittslohn nötig. Wer nur 80 Prozent vom Durchschnittslohn (rund 2300 Euro) verdient, müsste 2030 schon 39,5 Jahre für die Rente in Grundsicherungshöhe arbeiten. Bei einem Arbeitnehmer mit einem Einkommen in Höhe des halben Durchschnittslohns (1450 Euro) wären 63,2 Arbeitsjahre für die Rente in Hartz IV-Höhe nötig.

Insbesondere die jüngeren und gut gebildeten Befragten sehen etwa die Pläne zur Rente mit 63 kritisch: 48 Prozent der 20- bis 30-Jährigen geht der Forsa-Studie zu Folge davon aus, dass das Vorhaben das Rentensystem und die öffentlichen Kassen mittelfristig überfordern werde. 43 Prozent der Jungen hingegen halten die Rente mit 63 finanziell für vertretbar. Von den Befragten mit Abitur oder Studium sehen 49 Prozent eine mittelfristige Überforderung der Sozialkassen (gegenüber 43 Prozent). Über alle Altersschichten hinweg geht immerhin eine knappe Mehrheit (56 Prozent) davon aus, dass die öffentlichen Kassen eine Rente mit 63 stemmen werden. Doch für sich selbst in Anspruch nehmen will man sie nicht: 58 Prozent der Bürger können sich sogar vorstellen, länger als bis zum 65. Lebensjahr zu arbeiten. Auch hier ist es die junge Generation, die sich euphorisch zeigt. 73 Prozent der 20- bis 30-Jährigen gibt an, es sich vorstellen zu können, über die gesetzliche Rentenaltersgrenze hinaus zu arbeiten.

Statt eines starren Renteneintrittsalters wünschen sich Bürger einen flexiblen Übergang ins Rentendasein, zeigt die Studie. Auf die Frage „Sollte es für Erwerbstätige grundsätzlich die Möglichkeit geben, auch über die gesetzliche Rentenaltersgrenze hinaus weiter zu arbeiten, wenn sie das möchten, oder sollte es wie bisher eine für alle verbindliche Rentenaltersgrenze geben?“, antworteten 88 Prozent mit „Ja“. „Eine überwältigende Mehrheit ist der Auffassung, dass es für Erwerbstätige möglich sein sollte, auch über die gesetzliche Rentenaltersgrenze hinaus weiter zu arbeiten“, fassen die Studienautoren zusammen.

Es sind auch Sorgen, die Entscheidung dahingehend beeinflussen. Knapp die Hälfte (47 Prozent) hat Angst vor Armut im Alter. Doch schwerer wiegen die (sehr) große Angst vor Pflegebedürftigkeit (63 Prozent), der Verlust an Selbstständigkeit (61 Prozent), Angst vor Krankheiten und Gebrechen (58 Prozent) sowie die Abhängigkeit von einem anderen Menschen (53 Prozent).