Personalien

Spitzenleichtathlet mit Kontakten an den Golf

Der neue Chef von Air Berlin arbeitete unter anderem bei der Lufthansa

Noch vor einer Woche hat Wolfgang Prock-Schauer erstmals öffentlich das Sanierungsprogramm für Air Berlin vorgestellt – am Konzept hat sich inzwischen nichts geändert, doch Prock-Schauer wird es nicht mehr umsetzen, jedenfalls nicht als Chef. Überraschend trat der 57-Jährige zu Ende Januar 2015 zurück. Den Nachfolger hatten Branchenexperten irgendwie nicht mehr recht im Blick: Stefan Pichler arbeitete zuletzt in Asien, wo er in den vergangenen Jahren mehrere Fluglinien saniert und zügig stramm auf Rendite getrimmt hat – was bei Air Berlin dringend nötig ist.

Der ehemalige Spitzen-Leichtathlet war in den 90er-Jahren bei der Lufthansa sehr schnell aufgestiegen und wurde vom damaligen Konzernchef Jürgen Weber entdeckt. Der förderte den Absolvent der französischen Eliteuni INSEAD wohlwollend, vielen galt der damals extrem zielstrebige Pichler als Kronprinz für die Nachfolge Webers. Er baute den Reisekonzern Thomas Cook, damals eine Beteiligung der Lufthansa, zur Nummer zwei hinter TUI auf. Das Unternehmen rutschte aber wegen der Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 in die roten Zahlen. 2004 musste Pichler gehen.

Er half zunächst, Virgin Blue in Australien zu sanieren, dann Jazeera Airways in Kuwait und zurzeit Fiji Airways auf den Fidschi-Inseln, wo er auch das Tourismusboard leitet. Pichler hat gute Kontakte am arabischen Golf.

Hinter den Kulissen war zu hören, dass Prock-Schauers Rücktritt vielleicht nicht ganz freiwillig war. Prock-Schauer ist anders als sein Vorgänger Hartmut Mehdorn kein lautstarker, bulliger Mensch. Ihm liegen keine scharfen Töne. Offenbar war mehr Druck gewünscht. Die Neustrukturierung bekomme mit Pichler einen zusätzlichen Schub, hieß es. Auf Prock-Schauer und seine Qualitäten wollte der Aufsichtsrat allerdings nicht verzichten – der Manager kümmert sich künftig um das, was ihn vor seiner Berufung Anfang 2013 zum Chef schon einmal beschäftigt hat: das Netz und die Strategie.

Mehdorn hatte den Chefsessel bei Air Berlin im September 2011 übernommen, im Januar 2013 dann Prock-Schauer. Trotz verschiedener Sparprogramme war es weder Mehdorn noch Prock-Schauer gelungen, Air Berlin nachhaltig in die schwarzen Zahlen zu bringen. Prock-Schauer hat das zuletzt für 2016 angekündigt.

Bis dahin muss auch etwas Ruhe in der Führungsetage der Fluggesellschaft eintreten. Im September war Finanzvorstand Ulf Hüttmeyer dem Ruf der staatlichen Fluggesellschaft Etihad aus Abu Dhabi gefolgt. Dort soll er sich unter anderem um die Finanzen der Beteiligungsgesellschaften kümmern – zusätzlich zu seinem Job bei Air Berlin. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sich der 41-Jährige komplett zu Etihad verabschiedet. Die Araber halten mehr als 29Prozent an Air Berlin und haben die Fluggesellschaft bereits mehrfach finanziell unterstützt. Seit Ende Oktober arbeitet Arnd Schwierholz, 44, als stellvertretender Finanzvorstand. Es ist wahrscheinlich, dass er Hüttmeyers Posten übernimmt.

Zum 1. Juli hatte bereits Götz Ahmelmann, 43, als Vorstand für Vertrieb und Marketing angefangen. Der Restrukturierungsvorstand Marco Ciomperlik, 39, hat am 1. Mai seine Arbeit aufgenommen. Einzig Arbeitsdirektorin Martina Niemann, 50, ist etwas länger dabei – seit Februar 2012.

Derzeit prüft das Luftfahrtbundesamt, ob Air Berlin überhaupt noch eine rechtlich einwandfreie Betriebsgenehmigung besitzt. Es geht um die Frage, ob Etihad die deutsche Fluglinie unternehmerisch beherrscht – werden die wichtigsten Entscheidungen in Berlin oder bei Etihad in Abu Dhabi getroffen? An der Frage hängen die Verkehrsrechte Air Berlins in Europa. Um diese zu behalten, muss das Unternehmen nach der EU-Luftfahrtverordnung mehrheitlich in der Hand von EU-Europäern bleiben. Aktuell weist Air Berlin 55,34 Prozent deutsche Eigentümer aus, was aber nicht das einzige Kriterium für Beherrschung ist. Das Untersuchungsergebnis soll in einigen Wochen vorliegen.