Raumfahrt

Kameras überall

Junge amerikanische Firmen beginnen, mit Kleinstsatelliten jeden Winkel der Erde aus dem Weltall zu beobachten

Als jüngst vor der US-Ostküste eine unbemannte Rakete kurz nach dem Start explodierte, ging auch ungewöhnliche Nutzlast verloren. Mit an Bord waren 26 kleine Aufklärungssatelliten der US-Firma Planet Labs. Die Minisatelliten sind nicht größer als eine Flasche Wein, können aber vom Weltraum aus Gegenstände auf der Erde von der Größe eines Autos fotografieren.

Planet Labs hat seit Frühjahr 2013 in sechs Starts bereits die unglaubliche Anzahl von 71 kleinen Kamerasatelliten, die als Doves bezeichnet werden, in den Weltraum gebracht. Keine andere Raumfahrtfirma hat eine ähnlich große Flotte von Spähern im All. Von den 71 Satelliten kreisen aktuell 25 um die Erde, 29 sind nach wenigen Monaten bereits wieder in der Atmosphäre verglüht, 16 warten in kanisterförmigen Behältern an Bord der ISS noch auf ihre Mission, ein Start ist gescheitert. Anfang September kam es sogar zu einem ungeplanten Start von vier der Kleinstsatelliten von der ISS. Für Planet Labs war auch das kein Zwischenfall, sondern eine „erfreuliche Überraschung“, wie es in einem Blog des Unternehmens heißt. Planet Labs produziert und startet Kleinstsatelliten, wie andere Flugzeuge – in Serie und in hohen Stückzahlen. Wenn mal was schiefgeht, gehört es zum Lernprozess.

Spirit aus dem Silicon Valley

Das Unternehmen aus San Francisco gehört zur neuen Generation von Space-Firmen, die vor allem in den USA gegründet werden. Unerschrocken, mit visionären Ideen und nicht mit dem Anspruch, alles selbst entwickeln zu müssen. Lieber schnell und pfiffig, als behäbig und von Bedenken gelähmt. Die Firmen wollen den Spirit, der aus der Silicon Valley-Region bekannt ist, auf Anwendungen im All übertragen. Sie sehen ihre große Chance in neuen Technologien. Durch Elektroantriebe können Satelliten kleiner werden. Hinzu kommen leistungsfähigere Computerchips und neue Sensoren. Die Branche hat den Begriff CubeSat als Umschreibung für Kleinstsatelliten in der Größe eines Päckchens geprägt. Zuerst nutzten sie Wissenschaftler für kleine Experimente.

Die US-Firma Nanoracks hat Kanister entwickelt, aus denen Dutzende von CubeSats in eine Umlaufbahn ausgestoßen werden können. Mitte Juni brachte eine russische Dnepr-Rakete allein 37 CubeSats unterschiedlicher Betreiber ins All. Es gibt bereits Diskussionen, ob die CubeSats, die in etwa 400 bis 600 Kilometer Höhe die Erde umkreisen, womöglich eine Kollisionsgefahr für andere Satelliten darstellen. Je nach Höhe der Umlaufbahn bleiben die Kleinstsatelliten nur ein paar Monate im All.

Die jungen Firmen, die meist durch Risikokapitalgeber finanziert werden, brechen die alten Strukturen auf. Was dem Milliardär Elon Musk mit seiner Firma SpaceX bei Raketen gelang, wird auf nun den Satellitenbereich übertragen. Neben Planet Labs gehört auch die Firma Skybox Imaging zur Gruppe der jungen, ambitionierten Raumfahrtfirmen. Die 2009 gestartete kalifornische Firma hat derzeit zwei Satelliten im All, im nächsten Jahr sollen fünf weitere hinzukommen. 2017 sollen es insgesamt 24 sein. Die Satelliten können nicht nur Fotos machen, sondern auch hochauflösende Videos liefern. Der Google-Konzern wurde auf Skybox Imaging aufmerksam und übernahm die Firma mit 125 Beschäftigten für 500 Millionen Dollar. Anfang August wurden die Verträge unterzeichnet. Google kann sich vorstellen, die Bilder aus dem All für seinen Kartendienst Google Maps zu nutzen.

Zu den neuen Firmen im All gehört auch das kleine Unternehmen Spire mit Sitz in San Francisco. Deren Chef Peter Platzer spricht von einem „Paradigmenwechsel, wer und wie jemand Zugang zum Weltraum bekommt“, also einem grundlegenden Wandel. Die neuen Satelliten würden „statt Hunderte Millionen Dollar, ein paar Hunderttausend Dollar kosten. Statt mehrerer Tonnen, wiegen sie nur ein paar Kilogramm“. Spire bezeichnet sich als die schnellst wachsende Raumfahrtfirma. In nur 18 Monaten sei es gelungen, von der Idee bis zur Umsetzung vier Minisatelliten in den Weltraum zu bringen. Spire kann sich künftig eine Flotte von über hundert Erdbeobachtungssatelliten vorstellen. Die jetzt von Google übernommene Firma Skybox Imaging spricht von „Earth Observation 2.0“ und meint damit den breiten, unkomplizierten Zugang für jedermann zum Blick aus dem All auf eine x-beliebige Stelle der Erde. Die inzwischen annähernd 100 Satelliten von Planet Labs, die nur zehn Zentimeter hoch und breit, 34 Zentimeter lang und fünf Kilo schwer sind, können auf der Erde Gegenstände in der Größe von drei bis fünf Meter Länge unterscheiden.

Bilderflut wird ausgewertet

Bislang teilen sich wenige Unternehmen den kommerziellen Markt der vom Weltraum aus aufgenommenen Bilder von der Erde. Mit Abstand führend ist die börsennotierte US-Firma DigitalGlobe mit über 1200 Beschäftigten und gut 600 Millionen Dollar Umsatz. Großkunde sind Militärs und andere Behörden.

Nach Ansicht von Experten werden künftig nicht allein detailreiche Foto- und Filmaufnahmen von der Erde im Mittelpunkt stehen, sondern vielmehr die Auswertung der Daten. Im Thema „Big Data from Small Satellites“ werden viele Geschäftschancen gesehen. Die neue US-Firma SpaceKnow will beispielsweise automatisiert, permanent Weltraumfotos auswerten. So lasse sich etwa aus der Zahl der Autos auf den Parkplätzen von Einkaufszentren der Umsatz hochrechnen. Die europäische Weltraumagentur ESA veranstaltet Mitte November eine Konferenz mit dem Titel „Big Data from Space“. Dabei werden Themen wie die Aufbereitung der künftig immensen Bilderflut diskutiert.

Um welche Dimensionen es dabei geht, wird an einer Äußerung von Ilya Golubovich deutlich. Er ist Mitgründer der US-Risikokapitalgesellschaft I2BF Global Ventures, die vor allem in neue Raumfahrtfirmen investiert. Golubovich geht davon aus, dass bis Ende des Jahrzehnts etwa 2000 bis 2750 Kleinstsatelliten in eine Umlaufbahn kommen. Derzeit umkreisen knapp 2300 Satelliten die Erde. „Die meisten der neuen Satelliten haben kommerzielle Anwendungen, vor allem zur Erdbeobachtung“, so der Experte. Denkbar sei künftig ein „Geo-App-Store“, bei dem der Blick aus dem Weltraum via Smartphone möglich wird. Auch Livebilder aus dem All bei der Anwendung Google Earth seien denkbar.