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Lehrberufe als Ladenhüter

Vielen Branchen fehlt Nachwuchs, weil die Bewerber um klassische Wunschjobs konkurrieren. Davon aber gibt es in Berlin nicht genug

In Berlin ergreifen immer weniger Jugendliche einen Lehrberuf. Im jüngsten Ausbildungsjahr waren es nur noch 20.913 junge Menschen in der Hauptstadt. Doch trotz dieser sinkenden Zahlen hatten Ende September 1505 Jugendliche noch keinen Ausbildungsplatz gefunden. Gleichzeitig blieben 643 Plätze auf dem Berliner Ausbildungsmarkt unbesetzt. Zugleich sank auch die Zahl der Berliner Schulabgänger auf knapp 29.000, die allerdings qualitativ höhere Abschlüsse vorweisen können als noch vor zehn Jahren.

Doch selbst wenn sich diese jungen Menschen für eine Lehrstelle entscheiden, ist das Angebot gering: Nur 12,6 Prozent der dazu fähigen rund 90.200 Berliner Betriebe bilden aus – damit ist Berlin Schlusslicht im Bundesvergleich. Die Zahlen nannte Jutta Cordt, Chefin der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag. Sie forderte die Arbeitgeber auf, auch schwächeren Bewerbern eine Chance zu geben.

Konkurrenz um Wunschberufe

12.070 betriebliche Ausbildungsstellen waren den Berliner Arbeitsagenturen von Oktober 2013 bis September 2014 gemeldet worden. Das ist fast ein Prozent weniger als vor einem Jahr. Insgesamt gibt es 14.416 Lehrstellen. Doch trotz der Bandbreite von mehreren Hundert Ausbildungsberufen sind die Interessen einseitig; die Bewerber konkurrieren um wenige klassische Wunschberufe. Die meisten Jugendlichen wollen in den Verkauf oder Einzelhandel. Junge Frauen wollen Medizinische Fachangestellte werden, junge Männer liebäugeln mit einem Job als Kfz-Mechatroniker.

Dabei kann man aus finanziellen Gründen zum Einstieg in die Metall- und Elektroindustrie raten. Jedenfalls wies Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck von den Unternehmerverbänden Berlin-Brandenburg darauf hin, dass dort nach Tarif bezahlt werde: „900 Euro verdient ein Azubi im ersten Lehrjahr. Den Betrieb kostet der Ausbildungsplatz 70.000 bis 80.000 Euro. Er hat folglich ein hohes Interesse daran, die Fachkraft an sich zu binden, und gibt eine Garantie, sie nach der dreijährigen Ausbildung ein Jahr zu übernehmen.“ Die Unternehmen in dem Bereich hätten erkannt, dass sie heute etwas für den Nachwuchs tun müssen, um morgen noch Fachkräfte beschäftigen zu können. Die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Bezirk Berlin-Brandenburg, Doro Zinke, ergänzte, dass auch die Chemieindustrie ein begehrter Arbeitgeber unter Azubis sei: „Berlin Chemie gilt als Musterbetrieb. Dort wird auch nach Tarif bezahlt.“ Umgekehrt läge das Hotel- und Gaststättengewerbe am weitesten hinten in der Rangliste und weise die höchste Fluktuation auf.

Jutta Cordt besuchte am Donnerstag die Tiefbaufirma Frisch & Faust in Niederschönhausen – ein Vorzeigebetrieb: Das Unternehmen hat nach Angaben von Firmenchef Thomas Frisch bei insgesamt 170 Mitarbeitern 30 Auszubildende in fünf Berufen über drei Lehrjahre. Dieter Mießen, Prokurist der Firma, erklärte, dass sein Betrieb von dem umlagefinanzierten Berufsausbildungsverfahren innerhalb seiner Branche profitiere. Doro Zinke forderte, dass eine solche Umlage auf andere Branchen ausgedehnt werden sollte – auch weil mancher Betrieb, der nicht ausbildet, den Ausbilderfirmen später die Nachwuchs-Fachkräfte wegschnappe. Ihr Fazit: „Wer über Fachkräftemangel und demografischen Wandel klagt, sollte für die Zukunft vorsorgen und sich mit jungen Menschen Mühe geben.“

Vielleicht so, wie es bei Frisch & Faust geschieht. Beim Rundgang führte Mießen seine Gäste zu Baumaschinenschlosser Frank Löst, 59, der mit dem gerade erst eingestellten Azubi Tomy Wittig, 17, zusammenarbeitet. Die zwei haben eine verschlissene Bremsscheibe aus einem Baufahrzeug ausgebaut und wollen sie ersetzen. Der junge Mann mit dem Gesichtspiercing und neongrünen Ohrscheiben wirkt zufrieden. Er hätte vor einem Jahr eine andere Ausbildung begonnen, berichtet er, aber abgebrochen. „Das hier ist der bessere Job für mich“, so der Mechaniker-Azubi für Land- und Baumaschinentechnik.

Lehrstellen online suchen

Jugendliche, die noch keine Lehrstelle gefunden haben, sollen nicht verzagen. „Man kann sich online in der Lehrstellenbörse informieren“, betonte Ulrich Wiegand von der Handwerkskammer Berlin. Die 643 unbesetzten Lehrstellen stammen aus verschiedensten Branchen: Elektro- und Energietechnik, Sanitär, Heizung, Klimatechnik, Reinigung, Logistik, Handel und Verkauf und Gastronomie. Da ihnen Ende September noch 1505 „unversorgte Jugendliche“ gegenüberstanden, fordert Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) von den Unternehmen, mehr Plätze bereitzustellen. „Wir beobachten das Verhalten der Unternehmen auch in der Sonderkommission Ausbildungsplätze nun noch intensiver.“