Geschäftsklima

Berliner Firmen setzen auf Kreative

Mittelstand bewertet ihr Potenzial laut einer Umfrage der Berliner Sparkasse besonders hoch

Wirtschaftlich läuft es in der Hauptstadt seit einiger Zeit erstaunlich gut. Die Folgen der Finanzkrise 2008 belasteten vor allem den Süden der Republik; die Berliner Wirtschaftsleistung wächst seit Jahren stärker als die der gesamten Republik; und die Stimmung der Unternehmen ist optimistisch. Doch die Mittelstandsumfrage der Berliner Sparkasse zeigt: Der Aufwärtstrend bei der Bewertung des Geschäftsklimas in den letzten beiden Jahren ist vorerst gestoppt. Die Zahl der Unternehmen, die das Geschäftsklima nicht mehr ganz so rosig sehen, nimmt zu.

Im Schnitt bewerten die Firmen ihre Lage derzeit mit 6,2 von zehn Punkten. Vor einem Jahr lag der Durchschnitt noch bei 6,6 Punkten. Genau genommen, nennen noch 54,3 Prozent der Firmen einen Wert von sieben bis zehn. Deutlich zugenommen hat die Zahl der Unternehmen, die nur eine Zwei bis Fünf vergeben. Gleichzeitig rechnen 47,2 Prozent der Firmen mit mehr Umsatz, 2013 waren es 43 Prozent.

Für die Berliner Sparkasse befragte DIW Econ, das Beratungsinstitut des DIW, knapp 1800 Inhaber, Geschäftsführer und leitende Angestellte kleiner und mittlerer Berliner Unternehmen. Mehr Umsatz, aber schlechtere wirtschaftliche Lage, wie passt das zusammen? Für Hans Jürgen Kulartz ist das kein Widerspruch. Er ist im Vorstand der Berliner Sparkasse für Firmenkunden zuständig. Die Unternehmen hätten gut gefüllte Auftragsbücher, die für die kommenden Monate weiter steigende Umsätze anzeigen. Vermutlich sei es derzeit aber schwieriger, Folgeaufträge zu bekommen. Ein weiterer Grund könnten sinkende Preise sein.

Der Unternehmer beobachtet zudem die politische Lage: Krisenherde in Europa und weltweit können die Erwartungen ebenso dämpfen wie Kaufzurückhaltung der Kunden oder veränderte Exportbedingungen. Der Ukraine-Konflikt zum Beispiel spiele eine Rolle, sagt Kulartz, etwa für Firmen, die direkt oder indirekt mit Russland Geschäfte machten. In die Bewertung des Geschäftsklimas fließe viel Meinung ein. „Die Zahlen geben die Stimmung wieder, sie sind aber kein Indikator, dass es auch so kommen muss.“

Die größten Geschäftshemmnisse sehen die Berliner Mittelständler der Umfrage zufolge in Bürokratie und gesetzlichen Rahmenbedingungen. Gut 45 (im Vorjahr 41) Prozent der Befragten wünschen sich hier weniger Aufwand. Auf Rang zwei nennen die Firmen die Steuer- und Abgabenlast. Mehr als 40 Prozent der Befragten sehen sie als zu hoch an, vor einem Jahr waren es unter 20 Prozent. Ein überraschend starker Sprung, wenn man bedenkt, dass sich zum Jahreswechsel nichts Wesentliches geändert hat.

Für Kulartz sind die Zahlen ein Zeichen für die guten Geschäfte: „Die Firmen haben in den vergangenen zwei, drei Jahren mehr Gewinn gemacht, darauf müssen sie auch mehr Steuern zahlen. Das Finanzamt legt auf Basis dieser Gewinne höhere Steuervorauszahlungen fest.“ Da rücke die Steuerlast stärker in den Fokus als vorher.

Grundsätzlich geht es der Berliner Wirtschaft gut. Sie wird auch in diesem Jahr stärker zulegen als der Bundesschnitt. Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) erwartet, dass die Wirtschaftsleistung um 2,0 Prozent steigen wird, nach 1,4 Prozent im vergangenen Jahr. Das gesamte deutsche Bruttoinlandsprodukt soll 2014 der Prognose der Bundesregierung zufolge um 1,2 Prozent zulegen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin geht noch von 1,5 Prozent aus.

Unterstützung für Gründer

Dass Berlin deutlich besser abschneidet als andere Bundesländer, hat für Kulartz mit der besonderen Situation in der Stadt zu tun. So sei sie industriell eher kleinteilig und breit aufgestellt, es gebe keine Zusammenballung großer Weltunternehmen. Vom Boom einzelner Branchen profitiere Berlin daher nur unterproportional, im Gegenzug belaste eine lahmende Konjunktur die Berliner aber nur unterproportional.

Zudem habe sich Berlin auf verschiedenen Gebieten erstaunlich entwickelt. Die Struktur der Stadt wandelt sich, was zum Beispiel am Wissenschaftsstandort Adlershof sehr gut zu sehen sei. Der Standort habe einen regelrechten Gründungsboom erlebt. Die Unternehmen seien dort auf Hochtechnologie spezialisiert, sagt Kulartz. Vor Jahren hatte dort eine Firma vielleicht vier Mitarbeiter, inzwischen seien es 16, vielleicht würden es bald 100. Auch als Gesundheitsstadt habe sich Berlin mit seinen Spezialkliniken und Forschung einen Namen gemacht. Nicht zuletzt habe sich Berlin zum wichtigsten Standort für Film, Fernsehen, Medien, Unterhaltung im weitesten Sinn entwickelt. Talkshows würden in Berlin produziert, die Stadt diene immer häufiger als Filmkulisse für große internationale Produktionen – alles Dinge, die Kulartz zufolge das Wachstum und die Anziehungskraft Berlins vergrößern.

Überhaupt das Kreativpotenzial. Es bekommt bei den Firmen übrigens die besten Werte. In einer Extrafrage sollten die Unternehmen verschiedene Aspekte, die die Wirtschaftsregion prägen, mit Schulnoten von eins bis sechs bewerten. Das Kreativpotenzial kam auf 2,49, die Standortbedingungen erhielt eine 2,59, das Forschungsumfeld eine 2,61, das Gründungsumfeld war den Unternehmen eine 2,82 wert. Die Förderbedingungen schnitten am schlechtesten ab: 3,42. Haben die Banken hier versagt? Kulartz meint Nein. Das Finanzierungsumfeld für Gründer sei hier eigentlich ideal. Es gebe Bundesmittel, Landesförderung, die KfW Förderbank, die Investitionsbank Berlin, Business Angels, die den Gründern helfen könnten, dazu die klassischen Banken und die Sparkasse – „Eigentlich haben wir alles. Was es nicht gibt, sind Geldgeschenke, also Zuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen.“