Fluggesellschaften

100 Millionen Euro Schaden

Der Piloten-Streik wird für die Lufthansa zu einem Problem – Verkehrsminister beunruhigt

Noch vor Ende des massiven Streiks drohen die Piloten der Lufthansa mit neuen Ausständen in den nächsten Tagen. „Wir schließen weitere Streiks in dieser Woche explizit nicht aus, falls sich die Lufthansa nicht bewegt“, sagte Markus Wahl, Vorstand der Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit, am Dienstag. Er hoffe aber, dass die Fluggesellschaft bald ein neues Angebot in dem Streit über die Frührenten-Regelung für die 5400 Flugzeugführer vorlege. Europas größter Luftfahrtkonzern hingegen setzt auf Gespräche und signalisiert bislang keine neue Offerte. „Es ist noch kein Tarifkonflikt durch Streiks gelöst worden“, sagte ein Unternehmenssprecher. In der Bundesregierung wächst derweil die Sorge vor negativen Folgen für die Konjunktur in Deutschland.

Mit einem 35-stündigen Streik erhöhten die Flugzeug-Kapitäne in dieser Woche den Druck in dem monatelangen Arbeitskampf. Seit Montagmittag bestreikten die Piloten innerdeutsche Verbindungen und Europa-Flüge und seit dem frühen Dienstagmorgen auch Langstreckenflüge. Am zweiten Streiktag der Lufthansa-Piloten sind rund 80 Flüge von und nach Berlin-Tegel ausgefallen. „Es findet so gut wie nichts statt“, sagte ein Unternehmenssprecher am Dienstag in Berlin. Lediglich vier oder fünf Lufthansa-Verbindungen nach Frankfurt sollten bedient werden.

Ab Frankfurt fielen fast alle Interkontinental-Verbindungen aus. Auch ein Großteil der Kurz- und Mittelstreckenflüge am größten deutschen Flughafen wurde annulliert. Die Folgen waren offensichtlich: Vor den Check-In-Schaltern in Frankfurt bildeten sich teils lange Schlangen.

Rückgang der Flugbuchungen

Von den geplanten 2330 Lufthansa-Flügen fielen etwa 1500 aus. Rund 166.000 Passagiere waren betroffen. „Die Streikbeteiligung ist sehr hoch – wir sind zufrieden“, sagte Cockpit-Vorstand Wahl. Noch mehr Ausfälle, nämlich 3800, hatte die Lufthansa lediglich im April zu verkraften. Damals legten die Flugzeugkapitäne die Arbeit für drei Tage komplett nieder. Luftfahrt-Experten beziffern den direkten Schaden für die Lufthansa aus dem siebenmonatigen Arbeitskampf bislang auf 100 Millionen Euro. Ein Rückgang der Flugbuchungen in Folge der Ausstände ist noch nicht mitgerechnet. Um den jüngsten Streik in letzter Minute zu verhindern, hatte die Lufthansa gegen Cockpit geklagt. Der Antrag auf ein Verbot der Arbeitsniederlegung wurde jedoch vom Hessischen Landesarbeitsgericht abgeschmettert.

Auch nach Ende des mittlerweile achten Piloten-Ausstands in diesem Jahr – um Mitternacht – konnte die Lufthansa nicht sofort zum Normalbetrieb zurückkehren. Für Mittwoch wurden bereits rund 60 Verbindungen annulliert. Die Flugzeugführer kämpfen für die Beibehaltung der Frührentenregelung. Die Lufthansa sieht sich wegen harter Konkurrenz außerstande, die im Branchenvergleich großzügigen Vorruhestandsregeln weiter zu finanzieren. Bislang konnten die Piloten frühestens mit 55 Jahren das Steuer aus der Hand legen – durchschnittlich starten sie mit 59 Jahren in die Rente. Die Lufthansa will den Schnitt auf 61 Jahre erhöhen. Zudem kämpfen die Piloten gegen Pläne der Konzernleitung für eine neue Billig-Fluglinie.

Da derzeit neben den Lufthansa-Piloten in Deutschland auch immer wieder die Lokomotivführer streiken, warnte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt am Dienstag vor einer weiteren Ausdehnung der Arbeitskämpfe. „Eine Dauerblockade würde der Konjunktur schaden“, sagte der CSU-Politiker der „Bild“-Zeitung. Die Verkehrswege seien das zentrale Nervensystem Deutschlands und seiner Wirtschaft. „Dieses Nervensystem darf nicht lange lahmgelegt werden“, warnte er. Bisher aber hätten die Streiks noch keine nachhaltigen Schäden verursacht.

Wirtschaftsvertreter und Ökonomen teilen die Ansicht. „Die Streiks sind sicherlich im Einzelfall hinderlich und ärgerlich für Reisende. Selbstverständlich verzögern sie auch bestimmte Lieferketten“, sagte Eckart Tuchtfeld, Konjunktur-Analyst der Commerzbank. Aber bisher seien die Ausstände eher punktueller Natur gewesen. „Insofern gehen wir bisher von recht begrenzten Auswirkungen auf die Konjunktur aus.“ Falls es aber zu weiteren Streiks vor allem bei der Bahn komme, könne sich das rasch ändern. Insbesondere die Streiks im Güterverkehr machen nach Aussagen des Außenhandelsverbands BGA einigen Branchen zu schaffen.