Unglück

Total-Chef stirbt bei Flugzeugunfall

De Margerie zählt zu den bekanntesten Wirtschaftsführern in Frankreich. Jet kollidiert in Moskau mit Schneepflug

Er war einer der Schwergewichte der Börse von Paris – im vielleicht wahrsten Sinne des Wortes. Denn Christophe de Margerie war nicht nur ein Mann von beeindruckender Leibesfülle. Zugleich war er Chef des mit einer Marktkapitalisierung von 102,16 Milliarden Euro zweitgrößten Unternehmens an der Börse von Paris nach dem Pharmakonzern Sanofi. Nun ist der Chef des französischen Ölkonzerns Total Christophe de Margerie tödlich verunglückt. Der 63-Jährige starb bei einem Unfall in der Nacht zu Dienstag. Sein Privatjet des Typs Falcon 50 sei beim Start mit einem Schneepflug zusammengeprallt, erklärte eine Sprecherin des Moskauer Flughafens Wnukowo. Bei dem Unglück seien auch die drei Crew-Mitglieder ums Leben gekommen. Der Fahrer des Schneepflugs soll russischen Ermittlern zufolge betrunken gewesen sein. „Ärzten zufolge befand sich der Mann im Alkoholrausch“, sagte Wladimir Markin von der Ermittlungsbehörde der Agentur Interfax. Laut russischen Medien hatte der Pilot des Businessjets nach dem Start noch ein Notsignal abgegeben, dass ein Triebwerk Feuer gefangen hätte und der Rumpf beschädigt sei.

Ein Sprecher von Total erklärte: „Die Total-Gruppe bestätigt mit großer Ergriffenheit und tiefer Traurigkeit, dass ihr CEO Christophe de Margerie diese Nacht am Moskauer Flughafen Wnukowo bei einem Flugzeugunfall als Folge eines Zusammenstoßes mit einem Schneepflug gestorben ist. Die ersten Gedanken des Direktoriums und der Angestellten der Total-Gruppe gelten der Ehefrau, den Kindern und Angehörigen von Christophe de Margerie und den Familien der anderen Opfer.“

Die Wetterbedingungen sollen in Moskau zum Zeitpunkt des Absturzes sehr schlecht gewesen sein. Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass mussten allein 18 Flugzeuge wegen dichtem Nebel zu anderen Flughäfen umgeleitet werden. „Warum sich der Fahrer des Schneeräumfahrzeugs entschieden hat, die Start- und Landebahn vor dem startenden Flugzeug zu überqueren, muss eine Untersuchungskommission klären“, sagte ein Ermittler.

Der unverletzte Fahrer wurde am Dienstag festgenommen. Fluglotsen sollen als Zeugen vernommen werden. Russlands Vizeverkehrsminister Waleri Okulow sagte: „Für diese Schlamperei habe ich keine Worte.“ Noch am Dienstag sollten drei französische Ermittler in Moskau eintreffen.

Präsident Hollande geschockt

In Paris reagierte Frankreichs Präsident François Hollande schockiert. De Margerie habe der französischen Industrie und der Entwicklung des Total-Konzerns sein Leben gewidmet, hieß es in einer Mitteilung. Er habe das Unternehmen auf weltweites Spitzenniveau geführt. Hollande würdigte de Margerie als unabhängigen Charakter mit origineller Persönlichkeit und Hingabe für sein Land.

Der Enkel von Pierre Taittinger aus der gleichnamigen Champagner-Dynastie war einer der bekanntesten Firmenchefs Frankreichs. Umstritten, da der Ölkonzern Total in Umweltskandale wie dem Unglück des Öltankers Erika vor der bretonischen Küste 1999 verwickelt war, aber auch beliebt wegen seiner herzlichen und bodenständigen Art.

Christophe Gabriel Jean Marie Jacquin de Margerie lautete sein offizieller Name. Doch nicht nur in Frankreich war der Manager, der im Sommer letzten Jahres in einem Korruptionsprozess zum früheren Irak-Hilfsprogramm „Öl gegen Lebensmittel“ zusammen mit 19 anderen Angeklagten freigesprochen wurde, wegen seines markanten Bartes unter dem Spitznamen „big moustache“ bekannt. In China soll er sogar bei Vorträgen an Universitäten um Autogramme gebeten worden sein, berichtete das Wirtschaftsmagazin „Challenges“ unlängst.

Dabei hat de Margerie im Gegensatz zu anderen französischen Konzernchefs nicht an den Kaderschmieden ENA oder École Polytechnique studiert, sondern an der Wirtschaftshochschule ESC Paris. Anschließend begann er 1974 in der Finanzabteilung von Total, wo er 1995 zum Chef der Region Mittlerer Osten aufstieg. 2007 wurde er Generaldirektor des französischen Ölkonzerns, dessen Aufsichtsratsvorsitzender er 2010 zusätzlich wurde. Nach enttäuschenden Halbjahresergebnissen senkte Total im September seine Produktionsziele.

Er sei ein engagierter Unternehmenschef, lobte Marc Ladreit de Lacharrière, Chef des Mutterkonzerns der Ratingagentur Fitch. Denn de Margerie sprach – im Gegensatz zu manch anderem französischen Firmenchef – gerne Klartext, unabhängig von der Ausrichtung der jeweiligen Regierung. Dabei war der Whisky-Liebhaber für Überraschungen gut. Er galt als Anhänger des früheren konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy, unterhielt dank seiner Cousine Brigitte Taittinger, der Gattin des Generalsekretärs des Élysée-Palast Jean-Pierre Jouyet, auch gute Beziehungen zu Sarkozys sozialistischem Nachfolger François Hollande. Er sei ein Freigeist, eine starke Persönlichkeit mit großem Einfluss, lobten andere Konzernlenker wie Pernod Ricard-Chef Pierre Pringuet.