Einkommensarmut

Singles geraten schneller in die Armutsfalle als Paare

Überschuldungsreport: Geringe Einkommen werden zunehmend zu einem Problem

Alleinlebende landen immer häufiger in der Schuldenfalle. Im vergangenen Jahr lebten 57 Prozent aller Menschen, die eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchten, allein. Sie hatten weder einen Lebenspartner noch Kinder. Vor allem für Männer gilt, dass Überschuldung oft ein einsames Schicksal ist. Der Anteil ratsuchender Männer ohne Partner oder Nachwuchs stieg von 34 Prozent auf gut 36 Prozent. Der Anteil alleinlebender Frauen, die sich in einer Finanzkrise befinden, blieb mit knapp 21 Prozent stabil. Das geht aus dem „Überschuldungsreport 2014“ des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF) hervor, der der Morgenpost exklusiv vorliegt.

Als überschuldet gilt, wer seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, ohne die eigene Grundversorgung zu gefährden. Zahlungsverzug, Kredit- und Kontokündigungen sind Anzeichen. Die Ergebnisse der IFF-Studie beruhen auf der Situation von 50.670 Menschen, die seit 2004 um Hilfe bei Schuldnerberatungsstellen baten.

Trotz der zuletzt erfreulichen Entwicklung der Konjunktur und des Arbeitsmarktes gehen die Autoren von einer unveränderten Zahl überschuldeter Haushalte aus. Sie schätzen, dass nach wie vor rund 3,3 Millionen Haushalte betroffen sind. Besonders verbreitet ist das Thema in der Gruppe der 20- bis 40-Jährigen.

In diesem Alter stehen mit Berufseinstieg, Familiengründung und Hausbau wichtige Entscheidungen an – und mit Arbeitslosigkeit und Scheidung können gravierende Ereignisse eintreten. Das Durchschnittsalter aller Besucher der Beratungsstellen ist der Studie zufolge seit 2004 von 39 auf 41 Jahre gestiegen.

Die durchschnittlichen Forderungen fielen dagegen mit 31.431 Euro auf den niedrigsten Stand seit 2008. Das sei zwar positiv, heißt es in der Studie. Für Entwarnung gebe es aber keinen Grund. Denn die absolute Höhe sage wenig über die finanzielle Situation aus. „Wo das Einkommen unbeständig und gering ist, reichen auch geringe Schulden aus, um eine finanzielle Krise auszulösen.“

Dies zeigt ein Blick auf die Höhe der Verschuldung in den einzelnen Altersgruppen: Bei Menschen unter 25 Jahren reichten zuletzt durchschnittlich schon 8443 Euro, um eine Beratungsstelle aufsuchen zu müssen. Niedrigere Einkünfte und geringere Sicherheiten in jungen Jahren werden als Grund genannt. Bei den 25- bis unter 65-Jährigen liegt der Durchschnittswert bei 33.508 Euro. Ratsuchende, die 65 Jahre oder älter sind, haben durchschnittlich 42.214 Euro Schulden.

Noch eine Beobachtung spricht aus Sicht des IFF eher für eine Zementierung der angespannten Überschuldungssituation im Land: Zu geringe oder unregelmäßige Einkommen – Stichwort Minijobs – werden deutlich häufiger als Hauptgrund für die Überschuldung genannt als noch vor wenigen Jahren. Arbeit allein hilft nicht allen Menschen. Gaben 2010 nur 4,3 Prozent in den Schuldnerberatungsstellen „Einkommensarmut“ als Hauptauslöser der Überschuldung an, waren es 2013 schon 6,8 Prozent, im ersten Quartal 2014 sogar 9,2 Prozent. Damit rangiert Einkommensarmut erstmals vor Konsumverhalten (9,0 Prozent), Scheidung/Trennung (8,8 Prozent) und Krankheit (7,1 Prozent). Häufiger genannt wurden im ersten Quartal nur noch Arbeitslosigkeit (28,1 Prozent) und gescheiterte Selbstständigkeit (9,4 Prozent).

Als Hauptbetroffene der Einkommensarmut haben die Studienautoren alleinerziehende Eltern und Familien mit drei und mehr Kindern ausgemacht. „Außerplanmäßige Ausgaben oder ein unerwarteter Einkommensrückgang werfen solche Haushalte bereits bei verhältnismäßig geringen Schulden aus der Bahn“, heißt es. Demnach lagen die Schulden alleinerziehender Mütter, die sich in einer Beratungsstelle meldeten, 2013 lediglich beim 1,1-Fachen ihres ohnehin geringen Jahresnettoeinkommens. Kinderlose können dagegen höhere Schulden verkraften. Bei kinderlosen Paaren musste der Schuldenberg zuletzt auf das 2,5-Fache des Nettoeinkommens steigen, bevor sie in eine finanzielle Krise gerieten.

Banken bleiben mit einem Anteil von 44 Prozent die wichtigsten Gläubiger. Es folgen die öffentliche Hand, etwa Städte oder Sozialämter, mit 15 Prozent und Inkassounternehmen mit zwölf Prozent. Bei den unter 25-Jährigen kommen direkt hinter Banken Telekommunikationsunternehmen. Die Durchschnittsschulden bei ihnen summieren sich auf 1523 Euro. Die über 65-Jährigen haben dagegen bei Telefongesellschaften nur Ausstände in Höhe von 280 Euro (0,6 Prozent).