Energie

Die Null-Entlastung

Obwohl erstmals die Ökostrom-Umlage sinkt, rechnen Experten mit steigenden Tarifen

Trotz der erstmals sinkenden EEG-Umlage für die Förderung von Ökostrom dürften die Stromrechnungen der Verbraucher in Deutschland langfristig weiter steigen. Immerhin würden große Strompreissprünge wie in der Vergangenheit in Zukunft tendenziell unwahrscheinlicher, sagten Energiemarkt-Experten der „Welt“. Die vier für die Verwaltung des Ökostrom-Kontos verantwortlichen Übertragungsnetzbetreiber hatten zuvor mitgeteilt, dass die von den Verbrauchern zu zahlende EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms im kommenden Jahr erstmals leicht sinken wird. Grund für den leichten Rückgang ist unter anderem ein Überschuss auf dem Ökostromkonto der Netzbetreiber von knapp 1,4 Milliarden Euro zum 30. September. Ein Jahr zuvor hatte dort ein Defizit von 2,2 Milliarden Euro gestanden.

Die nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) zu zahlende Umlage wird 2015 von 6,24 auf 6,17 Cent pro Kilowattstunde zurückgehen. Dieser Rückgang wird bei einem durchschnittlichen Haushaltsverbrauch von 3500 Kilowattstunden aber nur 2,45 Euro weniger im Jahr ausmachen. Insgesamt subventioniert der Stromverbraucher die Produzenten von Ökostrom im kommenden Jahr mit 21,82 Milliarden Euro.

„Weitere Preissteigerungen bei den Energiekosten sind absehbar“, erklärte Klaus Müller, Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv): „Viele Verbraucher kommen schon jetzt bei den monatlichen Energiekosten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Deshalb brauchen wir auch mehr Investitionen für mehr Energieeffizienz.“ „Um die Kosten der Energiewende gerecht zu verteilen, sollten wir über einen steuerfinanzierten Fonds nachdenken“, forderte der Verbraucherschützer.

Das Preisvergleichsportal Verivox.de rechnet im kommenden Jahr mit einer uneinheitlichen Entwicklung des Strompreises in Deutschland. Wegen der sinkenden Großhandelspreise an der Strombörse EEX könnten einige Stadtwerke, Regionalversorger und Weiterverteiler zwar Spielraum für Preissenkungen haben, sagte ein Verivox-Sprecher: „Entscheidend ist, dass die Verbraucher die Preise im Internet vergleichen und ihren Versorger entsprechend wechseln.“ Allerdings sei auch mit steigenden Netznutzungsentgelten zu rechnen, die regional höchst unterschiedlich ausfallen können. „In einigen Regionen könnten die steigenden Netzentgelte auch die fallende EEG-Umlage überkompensieren, so dass es unter dem Strich erneut zu steigenden Strompreisen kommen könnte.“

Im Zuge der Umstellung auf dezentrale, wetterabhängige Energien muss das Stromnetz in Deutschland mit Milliardenkosten ausgebaut werden. Mittel- bis langfristig erwartet Verivox zwar keine so starken Preissprünge wie in der Vergangenheit. Tendenziell würden die Stromkosten allerdings eher steigen als sinken, erklärte der Unternehmenssprecher. Dies sei auf den weiteren Zubau erneuerbarer Energien zurückzuführen, die nach wie vor subventioniert werden müssen. Auch die Netz- und Systemkosten würden eher steigen.

Die deutsche Industrie, die über die EEG-Umlage ebenfalls mit Milliardensummen zur Förderung von Ökostrom beiträgt, sieht die Entwicklung skeptisch: „Die minimale Absenkung der EEG-Umlage bringt leider nur eine Atempause, keine Trendumkehr“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber. „Eine Seitwärtsbewegung auf dem vorhandenen bereits sehr hohen Niveau hilft nicht weiter.“ Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zu sichern, sei es dringend nötig, die Energiekosten wirklich zu senken, erklärte Kerber. „Zumal sich derzeit schon andeutet, dass weitere Kosten auf die Stromkunden zukommen dürften – etwa für den Leitungsausbau oder durch die Finanzierung der Stilllegung von Kohlekraftwerken.“ Der Bundesverband Erneuerbare Energien sieht in der niedrigeren EEG-Umlage dagegen ein Vorzeichen für stabile Energiekosten: „Die Zeiten deutlich steigender EEG-Umlagen sind vorbei“, sagte Geschäftsführer Hermann Falk. „2015 sollten die Stromkonzerne die seit Jahren fallenden Börsenstrompreise endlich an alle Stromkunden weitergeben.“

Die Verbraucher zahlen die Ökostrom-Umlage als Teil ihrer Stromrechnung auf ein EEG-Konto ein, das von den Übertragungsnetzbetreibern geführt wird. Weil das Konto noch aus dem vergangenen Jahr einen Überschuss enthielt, konnte die Umlage für 2015 etwas geringer angesetzt werden. Offenbar fielen Einspeisevergütungen für Ökostrom-Arten wie Fotovoltaik und Windkraft in diesem Jahr geringer aus, weil wetterbedingt weniger Strom produziert wurde.