Pharmazie

Grüne Chemie spart Rohstoffe

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Jürgen Stüber

Das Berliner Start-up DexLeChem sucht umweltfreundliche Wege zu Medikamenten und wird dabei von Bayer unterstützt

Grüne Chemie – das klingt wie ein Widerspruch. Sonja Jost sieht das anders. Für sie ist Grüne Chemie die Zukunft. Sie will mit ihrem Team von DexLeChem die Produktion von Arzneimitteln revolutionieren und – stark vereinfacht – Erdöl durch Wasser ersetzen. Denn das schont die Umwelt und spart Kosten – erst recht, wenn der Rohstoff Öl einmal knapper wird. DexLeChem betreibt nachhaltige Pharmazie.

DexLeChem ist eines von vier Pharma-Start-ups im Berliner Colaborator der Bayer AG. Auf dem Campus des Pharma-Konzerns finden junge Unternehmen einen geschützten Raum, um an ihren Projekten zu arbeiten. Bayer vermietet den Start-ups Laborräume samt Infrastruktur. So können sie sich auf ihre Forschung konzentrieren. DexLeChem mit inzwischen acht Angestellten kann insgesamt drei Jahre in dem Mitte 2014 eröffneten Colaborator arbeiten und dort testen, ob das Geschäftsmodell des Unternehmens funktioniert.

Die Bayer AG versucht auf verschiedenen Ebenen, Gründer-Know-how für den Konzern zu erschließen. Neben dem Colaborator, der Infrastruktur anbietet, gibt es in Berlin auch einen Accelerator. Mit fünf Start-ups hat der Accelerator Grants4Apps der Bayer AG im August 2014 seine Arbeit aufgenommen. Die jungen Unternehmen entwickeln auf dem Firmengelände von Bayer HealthCare an der Müllerstraße in Wedding digitale Gesundheitsprogramme.

DexLeChem will der chemisch-pharmazeutischen Industrie kostengünstige Produktionsprozesse anbieten. „Um ein Kilogramm Arzneiwirkstoff herzustellen, braucht man mehrere 1000 Kilo andere Chemikalien, hauptsächlich erdölbasierte Lösungsmittel“, erläutert Sonja Jost. Diese Lösungsmittel lassen sich durch Wasser ersetzen, was die Kosten des Produktionsprozesses um bis zu 82 Prozent und die Emission des Treibhausgases Kohlendioxid um mehr als das Hundertfache senkt.

Ferner spart das von DexLeChem entwickelte Verfahren sündhaft teure Katalysatoren ein, mit denen die chemischen Reaktionen für die Arzneimittelproduktion in Gang gebracht werden: Dabei handelt es sich um Edelmetalle wie Rhodium, Iridium oder Palladium. Die Feinunze (ca. 30 Gramm) Rhodium kostet derzeit 1200 Dollar. Sie sind gewöhnlich nur einmal verwendbar, beim neuen Verfahren des Berliner Start-ups jedoch mehrfach.

„Wir haben die Vision, Wirkstoffe auf den Markt zu bringen, die abbaubar sind“, sagt Jost und nennt ein Beispiel. „Bestimmte Wirkstoffe haben große negative Auswirkungen für die Umwelt. Sie sind nicht abbaubar, wie zum Beispiel das an sich harmlose Schmerzmittel Diclophenac, welches als Rheumamittel im Handel ist.“ Es soll in Indien ganze Geierpopulationen ausgerottet haben, die sich von den Kadavern mit Diclophenac behandelter Kühe ernährten. Manche Forscher nennen die Auswirkungen schlimmer als die von DDT.

Sonja Jost forscht seit 2006 an Themen der Grünen Chemie. Zusammen mit Martin Rahmel, Fabian Spittank und Regina Böttcher hat sie das Unternehmen 2013 aus der Technischen Universität Berlin ausgegründet.

Chemie-Start-ups sind selten

DexLeChem hat gegenüber vielen Start-ups aus dem Bereich der Informationstechnologie, wo ständig Geschäftsmodelle kopiert werden, einen Vorteil. „Man kann uns nicht kopieren, weil keiner das Wissen hat“, sagt Sonja Jost. Chemie-Start-ups seien ohnehin selten und ein Konkurrenzunternehmen gebe es überhaupt nicht. Nur mit einigen Forschungsgruppen an Universitäten stehe man in Kontakt, die ebenfalls Themen der Grünen Chemie erforschen. Auch in einem anderen Punkt unterscheidet sich DexLeChem von IT-Start-ups: Fremdkapital im größeren Stil will das Unternehmen nicht nutzen. „Wir versuchen, es selbst zu schaffen“, sagt Jost. Die Gründer sehen sich trotz ihrer jungen Firmengeschichte als Familienunternehmen, das nicht den kurzen wirtschaftlichen Erfolg und den schnellen Verkauf an einen Konzern sucht. Die Gründer wollen die volle Kontrolle über ihr Unternehmen behalten und so wachsen, wie sie forschen – nachhaltig.

Die Gründerin bewertet die Kooperation mit dem Pharmakonzern Bayer, in dessen Inkubator sie arbeitet, positiv. „Bayer redet auf Augenhöhe mit uns“, sagt Jost. Der Colaborator sei eine Bereicherung für beide Seiten. Das Start-up habe durch die Aufnahme an Reputation in dem eher konservativen Industriezweig gewonnen. Und der Konzern lerne das unternehmerische Denken aus der Sicht eines Start-ups kennen und die neue Art, Innovation zu entwickeln.

DexLeChem hat den ersten Kunden gewonnen, das Schweizer Pharmaunternehmen Lonza. Es dauere lange, das Vertrauen der Pharmaindustrie zu gewinnen und zu zeigen, dass man Geschäfte mit einem Start-up machen kann.

Besucher im Labor

„Wir nehmen an der Health Week teil, weil wir Berlin etwas zurückgeben wollen. Denn wir haben viel Unterstützung erhalten“, sagt Sonja Jost. DexLeChem will Besuchern im Labor zeigen, wie Arzneimittel produziert werden und wie man diese Produktion anders gestalten kann. „Wir wollen Nachhaltigkeit und unsere Visionen für Zukunft zeigen“, sagt Sonja Jost.