Streik

Neue Geduldsprobe für Berliner Pendler

Dritter Lokführer-Streik behindert Nahverkehr noch bis in den Mittwochvormittag hinein

Der Zug in Richtung Dessau fährt in den Hauptbahnhof ein. Der Lokführer streckt den Kopf aus dem Fenster. „Sie fahren durch bis Dessau?“, fragt eine Frau von der Verkehrsaufsicht. Der Mann nickt, die Frau hebt anerkennend den Daumen. Es ist Dienstagabend, kurz nach 21 Uhr, seit wenigen Minuten streiken in Deutschland die Lokführer. „Der wird wohl nicht in der GDL gewesen sein“, sagt die Frau später mit Blick auf die Gewerkschaft, die ihre Mitglieder zur Arbeitsniederlegung aufgerufen hat.

Die meisten Lokführer scheinen sich an die Streikvereinbarung gehalten zu haben. Auf der Anzeigetafel am Hauptbahnhof laufen durchgängig die Worte „Zug fällt aus“. Die Bildschirme an den Rolltreppen, die hoch zu den S-Bahngleisen führen, sind dunkel. Nur selten ist das Quietschen der Bremsen auf den Gleisen zu hören. Wo normalerweise die ICE abfahren, ist es menschenleer. Im gesamten Stadtgebiet fallen die Ringbahn, die S3 und die S75 komplett aus. Die S1, die S5 und die S7 fahren nur im 20-Minuten-Takt.

Es sind Szenen aus dem dritten Streik innerhalb weniger Wochen. Von 21 Uhr am Dienstag bis zum Mittwochmorgen um 6 Uhr legten die Lokführer ihre Arbeit nieder. Die beiden vorangegangenen Streiks hatten jeweils nur drei Stunden gedauert. Betroffen war auch dieses Mal der Regional- und Fernverkehr sowie der Güterverkehr in ganz Deutschland, ebenso die S-Bahnen in Hamburg und Berlin. Die Bahn hatte nur wenig Zeit, sich darauf einzustellen. Die GDL hatte bereits in der Vorwoche angekündigt, zwar nicht mehrtägig zu streiken, sich aber „Stück für Stück“ zu steigern. Den Zeitpunkt ließ sie offen, erst am Dienstagmorgen ging die Ankündigung raus. „Es war verdammt schwierig, ein Konzept zu entwickeln“, kritisierte ein Sprecher der Berliner S-Bahn. Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) sprach von „spürbar dramatischen Eingriffen im Personennahverkehr“.

Die BVG kündigte an, ihr „Möglichstes“ zu tun, um die Auswirkungen für die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten. Allerdings könne man massive Ausfälle bei der S-Bahn nicht eins zu eins ausgleichen. Ein Ersatzverkehr mit Bussen sei logistisch nicht möglich, da nicht vorhersehbar sei, wann und wo Züge stehen blieben.

Am schlimmsten waren die Berufspendler in den Außenbezirken am Mittwochmorgen betroffen, die nicht auf U-Bahn oder Bus ausweichen konnten. Die S-Bahn bemühte sich nach eigenen Angaben, die Außenäste irgendwie zu bedienen, die meisten Fahrten fielen dennoch aus. „Die Züge müssen erst wieder dahin gebracht werden, wo sie hingehören“, so ein Sprecher. Die S-Bahn empfahl, regelmäßig auf ihrer Webseite der S-Bahn nach aktuellen Abfahrtszeiten und Entwicklungen zu schauen. Fahrgäste können sich zudem unter der kostenlosen Servicenummer 08000 996633 und via Twitter informieren. Wichtige Berliner Reiseziele wie der Hauptbahnhof, der Zentrale Omnibusbahnhof und die Flughäfen lassen sich auch über Bus und U-Bahn erreichen.

Sollten sich Bahn und GDL im schwelenden Tarifkonflikt nicht bald einigen, müssen sich Deutschland und Berlin auf weitere Streiks einstellen. Die GDL bleibt dabei: Fünf Prozent mehr Lohn, die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 37 Stunden und bessere Schichtpläne. Kern des Konflikts ist aber, dass die Gewerkschaft dies nicht mehr allein für die 20.000 Lokführer fordert, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Diese will jedoch die Konkurrenzgewerkschaft EVG weiter vertreten.

Zudem hat die EVG im Gegenzug angekündigt, nun auch für alle ihre Mitglieder in der gesamten Bahn-Belegschaft, inklusive Lokführer, sprechen zu wollen. Die Bahn lehnt konkurrierende Verhandlungen über dieselbe Beschäftigtengruppe ab. Vier Verhandlungsrunden brachten bislang kein Ergebnis.