Versicherungen

Auf den zweiten Blick

Medizin-Start-ups sind nicht unumstritten. Das Gutachter-Portal Medexo arbeitet allerdings mit den Kassen zusammen

Nicht nur beim Fußball, auch bei chirurgischen Eingriffen ist Deutschland Weltmeister: 87 Prozent der Rückenoperationen seien unnötig, heißt es in einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK). Auch im aktuellen Krankenhaus-Report der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) werden die „lukrativen Eingriffe wie Rückenoperationen“ gegeißelt, die nicht nur aus medizinischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen durchgeführt würden. Zirka 10.000 Euro kostet eine solche OP.

Gesundheitskosten von insgesamt 22 Milliarden Euro pro Jahr könnten in Deutschland vermieden werden, sagt Jan-Christoph Loh. Er ist Geschäftsführer der Medexo GmbH, die ein Onlineportal für medizinische Zweitmeinung betreibt. 18 deutsche Krankenversicherer kooperieren bereits mit dem Kreuzberger Start-up und übernehmen die Kosten für das Einholen einer zweiten Meinung.

Gewöhnlich tun sich Krankenkassen schwer, mit Internet-Start-ups zusammen zu arbeiten. Wie Unternehmen berichten, fängt das mit dem Finden des richtigen Ansprechpartners an. Es endet mit dem Nachweis eines Nutzens beziehungsweise einer Ersparnis durch eine neue digitale Leistung und ihrer Verankerung in der Gebührenordnung. Die Kassen testen sich vorsichtig an das neue Feld der Internet- und Telemedizin heran, etwa im Feldversuch der AOK Nordost mit dem Potsdamer Diabetes-Monitor Emperra, den 300 Versicherte testen durften. Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht

Medizin-Apps nicht unumstritten

Uneingeschränkte Kooperationen zwischen Start-ups und Kassen, die Leistungen einschließen, sind dagegen eher selten. Beispiele wie die Online-Sehschule Caterna, die von der Barmer GEK als Leistung anerkannt wird, gelten als Ausnahme.

Noch schwerer haben es Unternehmen, die ausschließlich mit medizinischen Smartphone-Apps auf dem Markt sind. Ein Beispiel ist Klara. Mit der App, die sich früher Goderma nannte, sendet der Patient eine Art Selfie von Hautveränderungen zur Beurteilung an einen Vertrags-Dermatologen der App. Für 29 Euro erhält er zwar keine Diagnose, das wäre illegal, aber eine fachliche Beurteilung und einen Rat für das weitere Vorgehen.

Klara zog sich den Ärger von Ärzten zu, die in dem Angebot einen Verstoß gegen der sogenannte Fernbehandlungsverbot sehen. Es besagt, dass Ärzte niemanden behandeln dürfen, den sie nicht mit eigenen Augen sehen. An eine Kooperation mit Kassen ist hier nicht zu denken. In den USA, wo die Berliner jetzt ein Tochterunternehmen eröffnet haben, gibt es diese Probleme nicht. Im Gegenteil: Dort konkurrieren gleich mehrere ähnliche Apps.

Probleme dieser Art hat Jan-Christoph Loh von Medexo nicht, denn die Zahlen seines Unternehmens werden von Krankenkassen verstanden und tragen zu massiven Einsparungen bei. Jede fünfte ärztliche Diagnose ist laut TK-Studie falsch. 51 Prozent der Zweitmeinungs-Gutachten von Medexo rieten von einer Operation ab. Und das Wohlbefinden von 86 Prozent der Patienten, die sich an die Empfehlung der Gutachter hielten, verbesserte sich binnen eines Jahres.

Gutachter behandeln nicht

Ganz wichtig ist für Loh, dass seine Gutachter unabhängig entscheiden und nicht von ihrem Votum profitieren können. Deshalb ist vertraglich ausgeschlossen, dass sie den Patienten selbst behandeln. Erlaubt sind für den Gutachter nur das Studium der Krankenakte, Telefongespräche und Videochats.

Patienten, die mit einer ärztlichen Diagnose hadern und eine zweite Meinung hören wollen, füllen zunächst einen Online-Fragebogen aus, in dem sie ihr Leiden präzisieren. Ist die Kostenübernahme durch eine teilnehmende Versicherung geklärt, sendet beziehungsweise mailt der Patient seine Krankenakte an Medexo beziehungsweise den Gutachter. Dessen Gutachten erhält der Patient innerhalb von sieben Werktagen. Medexo rechnet direkt mit der teilnehmenden Kasse ab. Für Selbstzahler fallen Kosten von 300 bis 480 Euro pro Gutachten an. Die Ärzte erhalten für ihre Leistungen Honorare gemäß der offiziellen Gebührenordnung (GOÄ).

Bei den Gutachtern (zur Zeit sind es 69) handelt es sich um erfahrene Fachärzte für Orthopädie, Herzerkrankungen, Gynäkologie, Urologie, Kinderchirurgie und Radiologie. Weitere Fachrichtungen sollen demnächst folgen. In operativen Fächern müssen die Mediziner mehr als 2000 Eingriffe absolviert haben sowie aktiv in der Forschung, bei der Fortbildung und in Fachgesellschaften unterwegs sein. „Sie helfen, eine Entscheidung zu treffen, auf die sich der Patient verlassen kann“, sagt Loh. Insbesondere bei lebensverändernden Diagnosen sind Zweitmeinungen hilfreich. Sie erklären alle Alternativen und helfen dem Patienten, seine Krankheit zu verstehen. „Doch die Entscheidung können wir ihm nicht abnehmen.“