Interview

„Der Umbruch ist nicht abgeschlossen“

Arianna Huffington, eine mächtige Frau im Internet, über Journalismus und Bezahlung

Sie schlendert elegant, ganz ohne Eile durch die Lobby eines Berliner Luxushotels. Und so wie sie sich bewegt, redet sie auch – langsam, bedächtig. Arianna Huffington, Chefin der umstrittenen, aber erfolgreichen Nachrichten-Website „Huffington Post“. Die gebürtige Griechin und Wahl-Amerikanerin will über ihr neues Buch reden. „Die Neuerfindung des Erfolgs“ heißt es – und verkündet im Prinzip das Gegenteil von dem, was sie sonst macht: Sinnsuche und Entschleunigung statt Erhöhung der Klickzahlen im Internet.

Berliner Morgenpost:

Ms. Huffington, Sie stecken voller Gegensätze. Gerade geben Sie in Ihrem neuen Buch Ratschläge zur Entschleunigung, zum „digitalen Detox“ – tatsächlich haben Sie selbst mit Ihrer Website den Nachrichtenkonsum im Netz enorm beschleunigt. Ich möchte Ihre Widersprüche gerne mit einem Assoziationsspiel ergründen.

Arianna Huffington:

So eine Art Aufwärmübung? Okay.

Ich nenne Ihnen je zwei Begriffe. Sie müssen sich für einen entscheiden: Arnold Schwarzenegger oder Robert Redford?

Robert Redford. Weil er mehr als Schwarzenegger für Themen steht, die ich liebe und die mir wichtig sind. Redford hat einen Blog in der „Huffington Post“ über nicht eingelöste Umweltschutzversprechen der Obama-Administration geschrieben. Umweltschutz ist seine große Passion.

Zwei Filme: „Die Unbestechlichen“, in dem Redford und Dustin Hoffman die Watergate-Enthüller spielen oder „The Social Network“, über den Aufstieg von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg?

„The Social Network“ – es fühlt sich frischer an.

Frischer als Redford, der in seiner Rolle als Journalist noch in die Schreibmaschine hacken musste, um Nixon zu stürzen?

Ja.

Die „Washington Post“ oder die US-Nachrichten-Website „Politico“?

(lacht). Das Großartige am digitalen Zeitalter ist, dass ich heute alles online lesen kann. Ich muss mich nicht für das eine oder das andere entscheiden. Bei gedruckten Zeitungen dagegen müsste ich entscheiden, welche ich kaufe.

Paulo Coelho oder Umberto Eco?

Paulo Coelho. Ich liebe den „Alchimisten“, das ist für mich ein wichtiges Buch. Wir haben uns kürzlich auf einer Konferenz getroffen. Ich liebe es, mich mit ihm auszutauschen.

In Ihrem neuen Buch wollen Sie Wege zum inneren Frieden zeigen – Yoga, mehr Schlaf, digitaler Entzug und Entschleunigung seien da hilfreich. Damit sind Sie ja auf einer Linie mit Coelhos esoterischen Lebensweisheiten.

Ja. Da haben Sie recht. Es gibt da allerdings ein Dilemma: Wir können uns sicher alle darauf einigen, wie wichtig es ist, Stress in unserem Leben zu verringern, ihm mehr Sinn zu geben, et cetera. Es ist allerdings viel schwieriger, solche Veränderungen im Alltag zu verankern, denn wir sind alle süchtig nach dem gegenwärtigen „way of life“ in einer sich ständig verändernden digitalen Welt. In der Hinsicht sind wir alle wie Alkoholiker.

Nun haben Sie aber als Mitbegründerin und Chefredakteurin der „Huffington Post“ selbst das Tempo forciert und den Online-Nachrichten-Konsum auf die Überholspur gebracht: schneller als andere sein, 24 Stunden lang. Wie passt das zur Entdeckung der Langsamkeit, die Sie uns jetzt empfehlen wollen?

Ich würde nicht vom Langsamerwerden sprechen. Es geht darum, die Verbindung zu sich selbst nicht zu verlieren und sich wieder neu zu finden.

Geht es ein bisschen konkreter?

Das bedeutet für unterschiedliche Leute ganz unterschiedliche Sachen. Ich bin 2007 in meinem Arbeitszimmer zusammengebrochen, dabei im Fallen auf die Kante meines Schreibtisches gestoßen und fand mich dann in einer Blutlache wieder. Die Gründe waren ein absoluter Erschöpfungszustand, großer Schlafmangel. Seitdem habe ich einiges umgestellt in meinem Leben: Ich achte darauf, genug Schlaf zu bekommen, ich meditiere, bewege mich viel. Wenn ich das berücksichtige, bin ich auf der Arbeit viel effektiver und schneller. Bei dem Wort „Langsamkeit“ denke ich eher an jemanden, der sich unter einen Mangobaum legt. Das meine ich aber nicht. Mein Buch soll eine Brücke sein – eine Überleitung, von dem Bewusstsein, dass wir etwas ändern müssen, hin zu tatsächlichen Verhaltensänderungen.

Sie haben gerade in Österreich in einer Rede eine goldene Zukunft des Journalismus beschworen. Zeitgleich wurde in Deutschland, und nicht nur dort, vermeldet, dass regionale wie überregionale Verlage drastisch Stellen abbauen müssen.

Es gibt einen gewaltigen Umbruch in der Medienbranche, und er ist noch nicht abgeschlossen. Ich habe die Perspektive aus den Vereinigten Staaten, wo die digitale Revolution weiter fortgeschritten ist. Viele US-Journalisten aus den traditionellen Medien sind ins Digitale gewechselt. Bill Keller, der frühere Chef der „New York Times“, startet jetzt eine Online-Medienseite.

Keller war Ihr größter Kritiker. Von ihm stammt der Satz: „In Somalia würde man so etwas wie die ‚Huffington‘ Post als Piraterie bezeichnen. In der neuen Medienwelt ist es ein respektiertes Geschäftsmodell.“

Keller war uns gegenüber sehr kritisch. Jetzt hat er sich den digitalen Medien angeschlossen, die er die ganze Zeit kritisiert hat. Dieser Wandel ist unvermeidlich. Wir können mit dem Finger darauf zeigen, wie Bill Keller es gemacht hat, oder wir können die Veränderungen forcieren und beschleunigen. Es wird noch eine Explosion von Kreativität und Einfallsreichtum geben, darin, wie wir künftig Journalismus anbieten.

Man muss ihn aber finanzieren können. Warum sind Sie gegen Bezahlmodelle?

Bin ich gar nicht. Paid Content ist großartig – für traditionelle Zeitungen, deren Leser es gewöhnt waren, dafür zu bezahlen. Für eine werbefinanzierte Seite wie die „Huffington Post“ ist es kein Modell. Ich sage nicht, dass es für die „Welt“ oder die „New York Times“ schlecht sei. Für die „New York Times“ sind Paywalls inzwischen eine gute Einnahmequelle.

Als Sie mit der „Huffington Post“ anfingen, wurden Sie als IT-Pionierin gelobt. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Man wirft Ihnen den Ruin des Journalismus vor, wie wir ihn kennen. Man hat den Eindruck, da hätte sich eine einst edle Jedi-Ritterin zu einer Art Darth Vader des Digital-Zeitalters verwandelt.

Also, das, das ... ist doch total absurd. Ich, Darth Vader! Das ist grotesk. Ich weiß nicht, wo diese Kritiker sitzen, die so was sagen. Jedenfalls nicht in den Vereinigten Staaten.

Das war ja nur eine popkulturelle Zuspitzung. Von deutschen Verlegern werden Sie sehr kritisch gesehen, weil Sie deren Inhalte mit aufsaugen und verlinken, ohne zu bezahlen.

Mein Eindruck ist, dass Sie der letzte Falke sind. Das ist absurd und bizarr. Diese Kritik hat keine Grundlage. Die „Huffington Post“ expandiert weltweit, wir beschäftigen über 800 fest angestellte Leute. Wir schauen den Mächtigen auf die Finger, haben Reporter in Krisengebieten, wir zeigen auch positive Entwicklungen. Und wir helfen Menschen mit Online-Specials dabei, wie sie ein erfüllteres, stressfreieres Leben führen können. Wo ist das Problem? Ich sehe es nicht.