Stellenabbau

Bei Osram blitzt Widerstand auf

Belegschaft stellt sich gegen Sparprogramm. IG Metall vermisst klare Konzernstrategie

Es läuft gerade einiges falsch beim Lichtkonzern Osram. Grundlegend. Jedenfalls sehen das Arbeitnehmervertreter und IG Metall so. Ende Juli hat der Vorstand eine neue Sparrunde angekündigt, bereits die zweite seit 2012. Im Berliner Werk steht in den kommenden drei Jahren mindestens jeder fünfte Arbeitsplatz auf der Kippe, weltweit sind es 7800 der rund 34.000 Stellen. Sparen ist das eine, aber was, fragen sich Betriebsräte und Gewerkschaft, ist die Strategie des Vorstands? Wohin steuert der Konzern? Und sie wollen sich diesmal wehren. Es könnten ungemütliche Wochen werden im börsennotierten Lichtkonzern.

Die gesamte Branche steckt in einem tiefgreifenden und vor allem auch für Experten überraschend schnellen Wandel. Der Abschied von der klassischen Glühlampe ist da sogar schon weitgehend Geschichte, derzeit geht es vor allem hin zu Leuchtdioden sogenannten LED. Der Bereich hat große Zuwachsraten, der Umsatz mit LED-Produkten stieg im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2013/2014 (30. September) im Vergleich zum Vorjahresquartal um 21 Prozent. Das Geschäft mit klassischen Energiesparleuchten sank dagegen um 14 Prozent. Allerdings macht es noch einen größeren Teil des Konzernumsatzes von rund 1,3 Milliarden Euro im Quartal aus. Und es brachte Geld, während das LED-Geschäft noch rote Zahlen schreibt.

In dieser Situation will Osram-Chef Wolfgang Dehen jetzt erneut Personal streichen. 1700 sollen in den acht deutschen Werken und der Zentrale in München gehen. Es trifft den Plänen nach vor allem die Zentrale in München sowie die Werke in Augsburg, Eichstätt und Berlin. Andreas Felgendreher hat langsam das Gefühl, dass vor allem das Hauptstadt-Werk seit dem Antritt von Osram-Chef Dehen 2011 unter besonderem Beschuss steht. Viele Bereiche seien gut ausgelastet. „Wir sind eigentlich vorne“, sagt der Spandauer Betriebsratschef.

2008 arbeiteten noch 2200 Mitarbeiter in Berlin für Osram, damals gehörte der Lichtkonzern noch zu Siemens, ging dann 2013 an die Börse. In drei Stufen schrumpfte die Belegschaft auf jetzt 1271, womit der Standort immer noch einer der größten im Konzern ist. Bisher habe man es immer geschafft, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, sagte Thomas Wetzel, stellvertretender Betriebsratschef und Mitglied im Osram-Aufsichtsrat. Jetzt sei der Speck aufgebraucht. Und es sollen noch einmal 283 Stellen wegfallen. Wobei der Betriebsrat gar von 300 ausgeht.

Die letzte Sparrunde 2012 in deren Folge 1700 Stellen wegfielen, trug die Belegschaft noch mit – dank eines Zukunftskonzeptes, das Vorstand, Betriebsräte und IG Metall ausgehandelt hatten und das Stellenabbau und gleichzeitig Investitionen vorsah. Vor allem letztere vermissen Berliner Betriebsrat, die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und auch die IG Metall. Und eine Strategie, wo der Konzern hinwill. „Seit zwei Jahren wird geredet, davon ist aber nichts zu sehen“, sagte Felgendreher. „Was wir sehen, ist eine Dauerumstrukturierung und keine Strategie“, sagte Irene Schulz, Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der Gewerkschaft und im Osram-Aufsichtsrat. Bisher habe das Unternehmen auch nicht untersucht, welche Chancen und Potenziale die einzelnen Standorte hätten.

Betriebsrat und Gewerkschaft fürchten, dass der neuerliche Stellenabbau ganze Werke gefährden könnte. So sollten allein in Eichstätt 350 der 700 Mitarbeiter die Arbeit verlieren, sagte Schulz. Und auch in Berlin könnte es eng werden, die Produktion ist inzwischen sehr effizient aufgestellt. Weiterer Abbau werde den Standort drastisch treffen, sagte Wetzel. Es gehe an die Substanz, die das Werk für die Zukunft brauche.

In Berlin werden unter anderem klassische Halogenlampen für Museen, Industrie- und Straßenbeleuchtung gefertigt. Zudem stellt das Werk Xenon-Lampen für Autoscheinwerfer her sowie Speziallampen unter anderem für Kinoprojektion und Bühnenbeleuchtung. Bereiche, die wachsen. Außerdem gibt es das einzige Quarzglaswerk im Konzern. Der Standort ist Pilotstandort für die Industrie 4.0 innerhalb von Osram; es geht, vereinfacht gesagt, um vernetzte Fertigung.

Die größte Gefahr sehen die Arbeitnehmervertreter derzeit in der schlechten Stimmung im Konzern. Osram-Aufsichtsratsmitglied Schulz sprach von Demotivation hoch qualifizierter Mitarbeiter. „Die Leute wechseln einfach. Überall werden Fachkräfte gesucht.“ Ein gefährlicher Aderlass in einer von Innovation getriebenen Branche im Wandel. Und auch wenn der Arbeitsmarkt für Spezialisten in Berlin nicht so groß ist wie in Bayern: Die Mitarbeiter sind für Osram verloren.

Investition in neue Ideen

Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter gebe es reichlich Potenzial in Berlin, auch in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut und der technischen Universität. Statt weitere 450 Millionen Euro auszugeben, um die Belegschaft zu schrumpfen, könne man das Geld ja auch in neue Ideen investieren, ist der Tenor. Schließlich sei auch die neuartige Laserbeleuchtung im BMW-Topmodell i8 in Berlin entwickelt worden.

Die Zahlen, auf denen der Stellenabbau basiert, können die Arbeitnehmervertreter jedenfalls nicht nachvollziehen. Für die Aufsichtsratssitzung am kommenden Montag in Augsburg sind Großdemonstrationen in Augsburg selbst und in Berlin angekündigt. Der Betriebsrat will in Berlin auch den Senat für die Lage sensibilisieren und hofft auf politischen Druck. Und die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sind derzeit nicht bereit, Stellenstreichungen zuzustimmen, ohne eine klare Strategie. Auch das Wort Kampf wurde genannt.