Handel

Der Kampf der Bio-Giganten

Auch in Berlin boomt der Handel mit ökologischen Lebensmitteln. In der Branche herrscht ein Verdrängungskampf

Das Logo prangt neongrün an der Glasfassade der Schönhauser Arcaden: denn’s Biomarkt. Eingebettet in die leuchtenden Schilder von Kaiser’s, Penny und H&M wirbt der Naturkostladen für einen Abstecher ins klimatisierte Einkaufszentrum. Es gab Zeiten, in denen Biomärkte in erster Linie kleine Läden an der Ecke waren, in denen Kunden sich beim Inhaber über Agavendicksäfte und umweltfreundlich hergestelltes Palmöl informieren konnten. Mittlerweile gehören sie zum alltäglichen innerdeutschen Stadtbild wie Discounter, Drogerien oder Textilketten.

Nirgendwo zeigt sich diese Entwicklung besser als auf der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Auf einer Strecke von 600 Metern buhlen gleich drei Biomärkte um umweltbewusste Kunden: Neben den Filialen der Ketten denn’s und Alnatura bietet hier Kiepert&Kutzner Bio-Lebensmittel und Naturkosmetik an. Nun mögen die Biomärkte in Prenzlauer Berg im deutschen Vergleich besonders leichtes Spiel haben. Hier, wo junge Eltern ihre Babys in Leinentaschen vor dem Bauch tragen und die Bioäpfel in recyclebaren Tüten zu ihren Fahrrädern tragen und wo der erste vegane Supermarkt Deutschlands eröffnet hat, ist der Boden für Biosupermärkte fruchtbar.

Doch den Einkäufern auf der Schönhauser Allee entgeht nicht, dass der Kampf um die Kunden in der Bio-Branche längst entfacht ist – zwischen den Großen und den Kleinen, aber auch bei den Großen untereinander. „Früher bin ich eher zum kleinen, sympathischen Laden gegangen, bei dem man sogar den Inhaber kennt”, sagt Marlon Drees, nachdem er sich bei Alnatura mit Bio-Gemüse eingedeckt hat. „Aber die Preise bei den Ketten sind einfach günstiger.” Hinter ihm wirbt eine Schiefertafel für Bio-Pesto, am Eingang preist Alnatura das Hirsebrot für 1,69 Euro an. In einem Aufstellregal liegen Heftchen mit den Angeboten der Woche. Alles wie beim Discounter.

Umsatz soll sich verdoppeln

Der Einzelhandel mit den Biogütern boomt gewaltig. In immer schnellerem Takt schießen in deutschen Städten neue Läden aus dem Boden. Ein lohnendes Geschäft, wie die Umsatzzahlen belegen: Zwischen 2012 und 2013 stieg der Umsatz mit Öko-Lebensmitteln um 7,2 Prozent auf etwa 7,6 Milliarden Euro. Was nach viel klingt, ist tatsächlich aber noch ausbaufähig, sagt Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg: „Die Umsatzzahlen steigen zwar kontinuierlich. Aber tatsächlich ist Bio immer noch in einer Nische angesiedelt, auch wenn es sich in vielen deutschen Großstädten anders anfühlt.” Vom gesamten Umsatz der Lebensmittelbranche schaffen es Biolebensmittel auf 4,4 Prozent, und davon wird auch nur die Hälfte in Fachmärkten verkauft, die andere Hälfte erwirtschaften Discounter mit ihren Bioprodukten. „Die Branche hat insgesamt aber großes Potenzial, in den kommenden Jahren das Doppelte oder sogar Dreifache von dem bisherigen Umsatz zu erwirtschaften”, schätzt Wimmer.

Der Ton in der Nische aber ist rauer geworden. Die großen Händler fahren die Krallen aus, für einen Kampf, in dem es neben Kunden hohe Umsätze und gute Standorte zu erobern gilt. Ihre Waffen: Schöne große Verkaufsflächen, hochrangige Mitarbeiter, die die Seiten wechseln, um den ehemaligen Rivalen mit internen Informationen zu versorgen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Bio-Markt umgekrempelt. 2003 war die durchschnittliche Verkaufsfläche halb so groß wie heute. Und: Nur drei Prozent aller Biohändler gehörten zu einer Kette. Inzwischen ist es jeder fünfte Händler.

Denn’s Biomarkt ist eine dieser Ketten, die sich im letzten Jahrzehnt rasant verbreitet haben. Gestartet 2003 im bayerischen Geretsried, betreibt die Dennree-Gruppe mittlerweile deutschlandweit 147 Filialen. Nach den heutigen Standort-Kriterien würde ein 24.000-Einwohner-Stätdchen wie Geretsried vermutlich nicht mehr für eine neue Filiale ausgewählt werden, denn es müssen mindestens 30.000 Einwohner im Einzugsgebiet wohnen, so die Dennree-Philosophie. „Im Rahmen der Expansion achten wir darauf, dass wir nachhaltig und organisch wachsen, aber mit ausreichender Geschwindigkeit ein überlebensfähiges Netz aus Märkten bilden”, sagt Dennree-Sprecherin Antje Müller. Über die wachsende Zahl an Mitstreiter „freue man sich”.

Ähnlich äußert sich auch Alnatura. 593 Millionen Euro Umsatz hat der Konzern zuletzt erwirtschaftet, ein Plus von 15 Prozent. Vor zehn Jahren zählte Alnatura noch 15 Filialen, vor fünf Jahren waren es 50, heute sind es 88 in 41 Städten. Und es sollen noch mehr werden: „Wir könnten viel schneller wachsen, wenn wir entsprechende Flächen hätten”, sagte Firmenchef Götz Rehn dem „Handelsblatt“. „Es scheitert wie immer am Wettbewerb.” Das Unternehmen ist durch die Drogeriekette dm zu dem geworden, was es heute ist. „Wir wählen unsere Standorte dort aus, wo unsere Kunden uns erwarten“, sagt Stefanie Neumann von Alnatura. Allerdings müsse man, auch als nachhaltig und ökologisch orientierter Betrieb, wirtschaftlich denken.

12.000 Produkte in den Regalen

Die in München beheimatete Bio-Kette Basic betreibt zwar nur 26 Filialen, ist aber neben denn’s und Alnatura der dritte überregionale Anbieter. Vor einigen Jahren drohte die Insolvenz, Basic musste eine umfangreiche Sanierungsphase mit geschlossenen Filialen und entlassenen Mitarbeitern durchleben. Inzwischen erwirtschaftet das Unternehmen rund 111 Millionen Euro Umsatz, vier Millionen mehr als in 2012. Rund 750 Mitarbeiter arbeiten für die Kette. Mit Filialen von bis zu 1.100 Quadratmetern und 12.000 Produkten führt Basic das Wettrennen um die größte Produktpalette an. Ein Insider berichtet über Mitarbeiter, die von Basic zu Alnatura gewechselt sind und dem neuen Arbeitgeber berichtet haben, welche Filialen besonders gut laufen und wo die umsatzstärksten Gebiete sind. „Die Folge war, dass Basic in allen lukrativen Gebieten auch umgehend einen Alnatura-Markt begrüßen durfte”, sagt der Experte. „Das ist schon ein sehr aggressives Vorgehen.”

Wer das Filial-Wettrüsten gewinnt und ob es in ein paar Jahren nur noch große Bio-Ketten geben wird, istnoch nicht entschieden. Klaus Braun berät seit 25 Jahren kleine und mittelgroße Biohändler und hat die Entwicklung in der Branche verfolgt. Er glaubt: „Natürlich haben Alnatura oder denn’s Vorteile, denn sie können im Zweifel auch mal eine Filiale eröffnen, die sich erst einmal nicht rentiert.” Aber: Die meisten Bio-Supermärkte seien als inhabergeführte Einzelbetriebe gestartet. Und da liege auch nach wie vor die Stärke der Branche: „Viele Biokunden möchten sich immer noch persönlich identifizieren können.” Deshalb rät er kleinen und mittelgroßen Händlern, sich zu spezialisieren – egal ob mit einem guten Bio-Weinsortiment oder einer bekannten Käsetheke.

Es gibt aber auch noch andere Mitspieler als Einzelbetriebe und die Riesen: Viele Biomarkt-Ketten konzentrieren sich auf eine bestimmte Region. Das beste Beispiel dafür ist die Berliner Bio Company: Die erste Filiale eröffnete 1999 in Charlottenburg. Mittlerweile sind es 37 Märkte rund um die Hauptstadt. „Wir sind Marktführer in Berlin und Brandenburg und sehen uns auch in Zukunft so”, sagt Geschäftsführer Georg Kaiser. 60 Märkte sollen es noch werden – so viele, dass jeder Berliner maximal zehn Minuten Fußweg hinter sich legen muss, um einen Markt aufzusuchen.