Technik

Fahren, bitte!

Der Pkw der Zukunft fährt ferngelenkt, jeder wird seinen digitalen „Chauffeur“ haben. Das bedeutet weniger Unfälle und Staus

In einigen Jahren werden wir über den Zwist zwischen Taxigenossenschaften und dem Fahrdienstanbieter Uber den Kopf schütteln. Ein Streit darüber, wer Menschen im Pkw befördern darf? Wie seltsam. Denn schon bald wird jeder, der will, seinen eigenen Chauffeur besitzen – jederzeit, auf Knopfdruck. Man muss ihn nur zuvor im eigenen Auto „installieren“. Wir werden nicht mehr fahren, wir werden gefahren. In unserem Pkw. „Um das Jahr 2030 werden wir selbst gesteuerte Autos haben. Sie werden autonom unterwegs sein und zentral gesteuert, zum Beispiel an Ampeln. Dort wird das Fahrzeug von der zentralen Steuerung übernommen und durch die Kreuzung geführt, danach fährt es autonom weiter“, sagt Gerhard Fettweis, Leiter des Lehrstuhls für Mobile Nachrichtensysteme an der TU Dresden, voraus.

Diese Autos werden im Straßenverkehr klüger sein als wir. Sie werden schneller reagieren. Und sie werden Situationen einschätzen und damit Gefahren so früh erkennen, wie es einem Menschen nie möglich sein wird. Zum Beispiel ein hinter einer Kurve auf der Straßen liegendes Hindernis, dem man ausweichen muss.

Die Grundlagen für das „autonome Fahren“ haben Forscher bereits gelegt. Und den entscheidenden Schritt tun dabei weniger die Autoentwickler, sondern die Nachrichtentechniker. Es wird die nächste Generation des drahtlosen Netzes sein, das „taktile Internet“, das Übertragungen in Echtzeit ermöglicht und so das Zeitalter des fahrerlosen Fahrens einläutet. Das wird unsere Gewohnheiten verändern, wie wir unterwegs sind. Es wird den Straßenverkehr revolutionieren – am Ende sogar die Antlitz unserer Städte. Die Rolle der Automobilhersteller wird es dabei sein, die Systeme in die Fahrzeuge zu integrieren und dort zum Laufen zu bringen. Keine nachrangige Aufgabe. Aber die Schrittmacher beim Auto der Zukunft sind andere.

Es ist vor allem der Suchmaschinenriese Google, der die Autokonzerne mächtig unter Druck setzt. Vor rund drei Monaten hatten die Amerikaner ein erstes Modell vorgestellt, dass sich ohne Fahrer im Verkehr zurechtfindet. Das Google Car sieht aus wie ein noch runder gelutschter VW Käfer. Aber die Technik in diesem harmlos scheinenden Gefährt ist revolutionär: Der Zweisitzer hat weder Lenkrad noch Pedale, er fährt ausschließlich per Computersteuerung und die wird mit Daten von Sensoren gefüttert. Man kann darin fahren ohne selbst fahren zu müssen. Die Technik dafür ist also da, sie funktioniert – und Google ist damit nicht allein unterwegs.

In Deutschland lassen mehrere Forschungseinrichtungen autonome Testwagen durch die Städte fahren. Und natürlich sind die Autobauer mit eigenen Systemen am Ball. Audi lässt Roboterautos über Rennstrecken rasen, Volvo hat automatisierte Modelle. BMW arbeitet bei selbstfahrenden Autos eng mit dem Zulieferer Continental zusammen, und der große Durchbruch beziehungsweise die Massentauglichkeit der entwickelten Technologien steh kurz bevor.

Was heute schon möglich ist, zeigt beispielsweise Daimler mit der neuen E-Klasse. Die kann mit Radar, Spur- und Abstandhalte- oder Notbremsassistenten ausgestattet werden, außerdem mit 360-Grad- und Stereokameras, Radar, Totwinkelwarner sowie Fußgängererkennung. Die so hochgerüsteten Wagen fahren selbstständig an und können bei Bedarf ausweichen oder bremsen. Sie erkennen Verkehrszeichen, warnen beim Überfahren des Mittelstreifens oder bei zu dichtem Auffahren. Doch all diese Autos sind noch „Einzelkämpfer“, sie sind nicht mit allen anderen Verkehrsteilnehmern vernetzt. Das kommt erst noch.

Und nicht nur die Autos werden digital vernetzt, denn der fahrerlose Verkehr der Zukunft funktioniert nur, wenn alle Teilnehmer und technischen Einrichtungen wie Leitsysteme miteinander verbunden sind, wenn jeder mit jedem ständig kommunizieren kann. „Fußgänger werden ebenfalls in diesem Verkehrssystem vernetzt sein. Über ihr Handy werden die Systeme sie orten können und an Autos das Signal „Vorsicht“ weitergeben, falls einer der Fußgänger überraschend die Straße betritt und eine Kollision droht“, sagt Fettweis.

Möglich wird diese Vernetzung durch das „taktile Internet“, breitbandiges, mobiles Internet für Echtzeitanwendungen. Derzeit werden Daten über die Mobilfunknetze mit einer Verzögerung von 25 Millisekunden übertragen. Das wäre im Straßenverkehr aber viel zu langsam, um Unfälle zu verhüten. Man muss auf eine Reaktionszeit von einer Millisekunde kommen, um Fahrzeuge sicher im Verkehr zu führen. Theoretisch möglich ist das bereits. „Aber es wird noch circa zehn Jahre dauern, bis die Mobilfunktechnik das wirklich leisten kann“, schätzt Fettweis.

Aber wollen wir überhaupt praktisch wie ferngesteuert unterwegs sein? Die Vorteile der Lenkung durch Systeme liegen auf der Hand. Wenn Maschinen das Ruder übernehmen, wird die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten deutlich sinken. Zweitens werden durch autonom fahrende oder gesteuerte Fahrzeuge die Fahrzeiten verringert. Der Verkehr kann besser fließen, wenn Autos zentral geleitet werden, dadurch sinkt die Zahl der Staus. Drittens wird der Energieverbrauch sinken. „Autonom fahrende Autos können selbst auf Autobahnen mit einem Abstand von 30 Zentimetern zum Vordermann unterwegs sein; das heißt wir fahren im Windschatten des anderen. Das spart Energie, wenn alle in einer Art Kolonne unterwegs sind“, erklärte Fettweis. Darüber hinaus bieten Flotten gesteuerter Autos die Chance zur menschenfreundlicheren Umgestaltung der Städte. Ampeln und entsprechende Verkehrsinseln sind nicht mehr nötig, wenn Systeme die Fahrzeuge lenkten. So kann man Verkehrsflächen neu nutzten, versiegelte Flächen könnten zu Grünanlagen oder Fahrradwege werden.

Nur: Macht Auto fahren dann noch Spaß? „Ehrlich gesagt macht es mir heute keinen Spaß, mich morgens durch den Berufsverkehr zu quälen“, sagt Fettweis. Aber das macht das Auto ja künftig allein. Und wer dann mal wieder richtig aufdrehen und selber lenken wolle, werde wohl in ein Autodrom gehen müssen.