Technik

3D wird menschlich

Scannen und drucken: Jeder kann sich selbst als Miniaturfigur bestellen. Zwei Berliner Unternehmen sind dabei Pioniere

James Herold ist einer der größten Linkin-Park-Fans des Planeten. Seine Wohnung hat er mit Postern, Fotos, Alben und allen Arten von Fan-Devotionalien der kalifornischen Band dekoriert. Sogar ein Linkin-Park-Snowboard steht in seinem Wohnzimmer. Seit den 90er-Jahren hat er nur eine Tour der Band verpasst. Bei der laufenden US-Tour will der New Yorker auf insgesamt vier Konzerte gehen und reist der Gruppe an der Ostküste hinterher. Heute Abend ist der Open-Air-Gig in Holmdel, New Jersey, an der Reihe – 70 Kilometer südwestlich von Manhattan.

Der 38-Jährige steht vorm Eingang der Konzertarena und hält eine kleine Tonfigur in den Händen. „Das ist Phoenix, der Bassist, war schon immer mein Favorit“, sagt Herold. Eine maßstabsgetreue Miniversion von ihm und Phoenix, Arm in Arm, wird schon bald in Herolds Wohnzimmer stehen. „Voll die geniale Idee“, findet der Amerikaner.

Die „geniale Idee“ hatte das erst im Juni gegründete Berliner Unternehmen Staramba, das mit einem großen gelben Truck die Tour von Linkin Park begleitet. Die Firma will den Merchandising-Markt revolutionieren. Statt lahmer T-Shirts oder Tassen des angebeteten Stars will Staramba naturgetreue Miniaturversionen von Musikern und Spitzensportlern vertreiben. Möglich macht das die neue 3-D-Druckertechnologie, die sonst vor allem im Maschinenbau und in der Medizintechnik verwendet wird.

Linkin Park sind die ersten Künstler, die einen Vertrag mit Staramba unterschrieben haben. Bei ihrer laufenden USA-Tour können Fans nicht nur Miniaturfiguren der Band kaufen, sondern sich auch selbst als Tonfigur verewigen lassen. Im Inneren des Staramba-Trucks befindet sich ein 3-D-Scanner, der mit 140 Kameras gleichzeitig aus allen denkbaren Winkeln Fotos des Fans machen. Die 140 einzelnen Aufnahmen werden später in Berlin von einem Bildbearbeitungsspezialisten zu einem dreidimensionalen Model zusammengeführt. Mit ein paar Computertricks wird der Arm des Fans um seinen Lieblingsstar gelegt.

Enorm hoher Detailgrad

Die fünf Bandmitglieder von Linkin Park hatte Staramba schon vor Beginn der Tour eingescannt. Ein 3-D-Drucker in Spandau erstellt schließlich das fertige Ton-Figur-Pärchen im Maßstab eins zu 20. Der Detailgrad der kleinen Figuren ist enorm. Sie gleichen ihrem Alter-Ego bis aufs Haar, selbst der Gesichtsausdruck, Wimpern und Falten in der Kleidung lassen sich darstellen.

Ausgedacht hat sich das neue Merchandising-Konzept ein Mann, der bislang eher in der Fußballwelt zu Hause war. Christian Daudert arbeitet als Vermögensmanager für ehemalige Fußballer wie Fredi Bobic, Hasan „Brazzo“ Salihamidžić, Marko Rehmer oder Oliver Neuville. Er hilft den Sportlern nach dem Ende ihrer Profikarriere, ihr Geld richtig anzulegen und neue Beschäftigung zu finden. „Vor drei Jahren hatten wir die Idee, eine Holding-Firma zu gründen, die im Sport-Bereich nach neuen Geschäftsfeldern sucht“, sagt der 48-jährige Finanzberater. Social Commerce Group SE (SCGSE) heißt die im Freiverkehr an der Berliner Börse gelistete Holding. Staramba ist eines der drei Unternehmen unter dem Dach der SCGSE.

Rund zwei Millionen Euro hat die Holding bisher in Staramba investiert. „Für die Fußballer ist Staramba ein interessantes Risikoinvestment, gleichzeitig können sie mit ihrem Netzwerk dem Projekt zum Fliegen verhelfen“, sagt Daudert. Grundsätzlich gelte im Showgeschäft: „Wer Fußballer kennt, kennt alle.“ Denn egal ob Schauspieler, Musiker oder Künstler, Fußball-Fan sei eben fast jeder Promi und suche daher die Nähe der Spitzensportler.

Ursprünglich hatte Daudert vor, sich mit den 3-D-Figuren auf Sportler zu konzentrieren. Ein Berliner Künstlerberater hatte jedoch von der Geschäftsidee gehört und Linkin Park davon erzählt. „Linkin Park saßen drei Stunden vor unserer Eröffnungsparty bei mir auf dem Sofa“, sagt Daudert. Die Musiker seien sehr technikaffin und sofort überzeugt von der Idee gewesen. Bevor die Feier los ging, war der Vertrag für die Linkin-Park-Tour schon unterschrieben.

Daudert selbst kann sein Glück kaum fassen. Mit Staramba scheine er auf eine Goldader gestoßen zu sein, sagt er. Die 3-D-Figuren von Linkin Park hätten sich in der Musikszene schnell herumgesprochen. „Ich habe so viele Anfragen von Künstlern, dass ich aus Kapazitätsgründen gar nicht alle annehmen kann.“ „Einige, weitere Top-Stars aus der internationalen Film- und Musikszene“ hätten sich bereits einscannen lassen. Namen dürfe er aus rechtlichen Gründen noch nicht nennen, aber es handle sich klar um „die Erste Liga“.

Satte 36 Prozent Gewinnmarge

Daudert hat große Pläne für Staramba: 2015 will er schon 30 Millionen Euro Umsatz machen, im Folgejahr dann knapp 58 Millionen Euro. Als Gewinnmarge kalkuliert er für 2016 satte 36 Prozent. Bislang werden die Figuren alle am Firmensitz in Spandau hergestellt. „Wir schauen uns aber nach weiteren Produktionsstandorten in den USA um.“

Die Ergebnisse der Linkin-Park-Tour seien vielversprechend. „Allein in den ersten zwei Tagen haben wir Bestellungen im Wert von über 10.000 Euro entgegengenommen.“ Und das, obwohl die Figuren nicht billig sind. Ein Modell im Maßstab eins zu 20 kostet 150 Dollar (113 Euro), ein 3-D-Selbstporträt mit einem Bandmitglied 295 Dollar. Die 3-D-Selbstporträts der Fans sieht Daubert mehr als Marketing-Aktion für seine Firma. „Mit der Massenproduktion der Star-Figuren lässt sich viel mehr Geld machen.“ Das Feld der 3-D-Selbstporträts überlässt er gern anderen Unternehmen, bei denen er sich die Idee abgeguckt hat.

Den Trend angestoßen hat 2013 ein anderes Berliner Unternehmen. Der deutsche Werberegisseur Timo Schädel gründete 2013 Twinkind. Ursprünglich als Hobby hatte sich der 36-Jährige mit 3-D-Druckverfahren beschäftigt und war dabei auf Omote in Tokio gestoßen. Die Japaner waren vermutlich die ersten, die 3-D-Selbstporträts für Kunden anboten. „Omoto hat aber noch einen damals handelsüblichen Handscanner benutzt“, sagt Schädel. Damit musste der Kunde bis zu 20 Minuten Zentimeter für Zentimeter abfotografiert werden.

Schädel hatte die Idee, statt mit einer Kamera 100 Bilder nacheinander zu machen, mit 100 Kameras 100 Bilder gleichzeitig zu schießen. Er baute den ersten 360-Grad-Scanner. Der Einfall ist so simpel und gleichzeitig genial, dass Twinkind binnen weniger Tage zum Geheimtipp bei Techblogs weltweit wurde.

Nicht nur Kunden gaben sich in Twinkinds Ladenlokal an der Berliner Auguststraße die Klinke in die Hand, auch Konkurrenten schickten Spione. „Wir hatten sogar einen Chinesen mit einer versteckten Kamera in unserem Showroom.“ Mittlerweile gibt es weltweit mehrere Dutzend Firmen, die Schädels Idee kopiert haben. Der Berliner findet das nicht schlimm. „Es gibt so viel Nachfrage weltweit, der Markt ist groß genug.“ Twinkind selbst bereitet sich gerade auch auf die internationale Expansion vor.