Verbraucher

Freizeit heißt in Deutschland Fernsehen

Studie zu den Gewohnheiten zeigt: Zwischen dem, was die Bundesbürger wollen, und dem, was sie tatsächlich tun, klafft eine große Lücke

Gut zwei Drittel des Jahres sind bei einem berufstätigen Deutschen fest verplant: arbeiten, schlafen, Körperpflege, einkaufen. Wie er das restliche Drittel gestaltet, zeigt der „Freizeitmonitor 2014“, den die Stiftung für Zukunftsfragen am Mittwoch vorgestellt hat. Danach haben die Deutschen ganz genaue Vorstellungen davon, was ihnen in ihrer Freizeit wichtig ist. Doch das unterscheidet sich aber dann dramatisch von dem, was sie auch tatsächlich tun. Dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist das auffälligste Ergebnis der Befragung von 4000 Bundesbürgern ab 14 Jahren. Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Studie, mahnte, die Menschen dürften sich nicht hinter der Routine des Alltags verstecken. Sie tun oft nicht das, was sie nach eigener Aussage zum Wohlfühlen brauchen.

74 Prozent der Deutschen geben an, dass ihnen Freunde in der Freizeit am wichtigsten sind. An zweiter Stelle der Wohlfühlfaktoren liegen gutes Essen und Trinken (65 Prozent). Erst an dritter Stelle folgt der Wunsch, Zeit mit dem Partner oder der Partnerin zu verbringen (63 Prozent). Ihre Ruhe zu haben, zu faulenzen, und das am besten im eigenen Bett, ist für 59 Prozent wichtiger, als Zeit mit den Kindern und der Familie zu verbringen (53 Prozent).

Handy für viele nicht so wichtig

Erst unter der 50-Prozent-Grenze tauchen Freizeitbeschäftigungen wie der Fernseher und das Radio auf. Zwar noch vor der Kultur (16 Prozent), aber trotzdem abgeschlagen, finden sich überraschend das Handy, Internet und Computer, die nur von rund einem Viertel der Menschen als wichtig für ihr Wohlbefinden erachtet werden.

Offensichtlich halten die Deutschen also zwischenmenschliche Aktivitäten in ihrer Freizeit für wichtiger als die passive Nutzung elektronischer Medien. Doch die Antwort auf die Frage, wie sie ihre Freizeit tatsächlich verbringen, ergibt ein ganz anderes Bild.

Die häufigste Freizeitbeschäftigung der Bundesbürger ist nach wie vor das Fernsehen. 97 Prozent der Deutschen schalten wenigstens einmal in der Woche ihr Gerät ein. Und das gilt für Frauen und Männer ebenso wie für Stadt- und Landbewohner. An zweiter Stelle folgt das Radio (90 Prozent). Zeitungen und Zeitschriften haben zwar über die Jahre weiter an Bedeutung verloren, rangieren aber mit 73 Prozent immer noch knapp vor dem Internet.

87 Prozent der Deutschen telefonieren mindestens einmal pro Woche in ihrer Freizeit, doch die erste Aktivität, die direkten Kontakt mit anderen Menschen beinhaltet – nämlich die Zeit mit dem Partner –, liegt fast 30 Prozentpunkte hinter dem Fernsehen. Und das, was die Deutschen als wichtigsten Wohlfühlfaktor angeben – nämlich ihre Freunde zu treffen –, taucht erst viel weiter unten in der Liste jenseits der 50-Prozent-Marke auf.

Ein Blick in die Geschichte des „Freizeitmonitors“ zeigt, dass das Fernsehen schon seit 1986 die prominenteste Freizeitbeschäftigung ist. Auch in fast allen Altersklassen liegt das Fernsehen ganz vorne, lediglich bei den unter 30-Jährigen steht die Beschäftigung mit dem Internet an erster Stelle. Altersübergreifend hat die Beschäftigung mit dem Internet seit 2004 deutlich um 38 Prozentpunkte auf 71 Prozent zugenommen. Dagegen lesen Deutsche weniger (Rückgang um zwölf Punkte auf 73 Prozent) und sie reden auch weniger über wichtige Dinge (Rückgang um elf Punkte auf 63 Prozent).

Die männlichen und weiblichen Rollenbilder werden in der Studie zumindest teilweise bestätigt. Während Frauen deutlich öfter shoppen gehen und telefonieren, gehen Männer in ihrer Freizeit eher zu Sportveranstaltungen oder in die Kneipe. Einig ist man sich dagegen bei der Spontanität: Öfter das zu tun, wonach einem gerade der Sinn steht, das befürworten über zwei Drittel der Frauen und Männer. Die Studie hat aber auch ermittelt, was die Deutschen über das Jahr verteilt nicht in ihrer Freizeit machen. So wurde gefragt, welche außerhäusigen Aktivitäten mindestens einmal pro Jahr ausgeübt werden. Der Umkehrschluss, was die Deutschen also kein einziges Mal getan haben, liefert unerwartete Ergebnisse.

Weniger Aktivitäten im Freien

Bei Jüngeren wie Älteren gilt, dass sie kaum noch Freizeit außer Haus verbringen. Immerhin 71 Prozent gehen mindestens einmal im Monat spazieren, gut die Hälfte unternimmt etwas mit Freunden, fährt Rad oder treibt Sport. „Aber wir haben bewusst nach monatlichen Aktivitäten gefragt, bei wöchentlichen hätten wir nicht viel aufzulisten gehabt“, sagt Studienleiter Professor Ulrich Reinhardt.

Drei Stunden und 56 Minuten Freizeit haben die Deutschen im Durchschnitt pro Tag – bei Familien sind es weniger als drei Stunden, während Ruheständler über fünf Stunden zur freien Verfügung haben. Geschrumpft ist das Budget vor allem bei den Jugendlichen – durch kürzere Schulzeit und mehr Ganztagsschulen. Zudem steigt die Zahl der Deutschen, die in ihrer Freizeit einen Nebenjob haben: Jeder fünfte verdient sich einmal monatlich etwas hinzu. So geht der Durchschnittsdeutsche zwar mindestens einmal pro Jahr ins Kino oder in die Bar, fast die Hälfte der Deutschen tut das aber eben nicht. Auch sportlich erreicht das Land keine Spitzenwerte: 37 Prozent der Befragten gaben an, nicht Fahrrad zu fahren, und sogar 41 Prozent treiben kein einziges Mal pro Jahr Sport.

Die allgemein verfügbare Freizeit, das stellte die Studie fest, hängt nicht von Geschlecht, Wohnort oder Einkommen ab, sondern vor allem von der Lebensphase. So sank im Vergleich zu 2010 die freie Zeit beispielsweise für Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren um eine halbe Stunde, für den Durchschnitt aber nur um sieben Minuten. Im Vergleich zu 2013 haben aktuell junge Erwachsene Einbußen hinnehmen müssen, der Durchschnittsdeutsche kann sich dagegen über ungefähr sechs Minuten zusätzliche Freizeit freuen.

Dieser Freizeitanstieg heißt aber nicht, dass die Menschen mit ihrem Mehr an Freizeit auch etwas Sinnvolles anstellen. Denn an einer Aktivität Spaß zu haben – auch das zeigte die Studie –, ist für mehr Leute wichtiger, als etwas Sinnvolles zu tun.