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Wie hundert Firmen in einem kleinen Hinterhof residieren können

ClevverMail stellt Briefkästen in Mitte bereit und fordert große Anbieter heraus

In der Borsigstraße 9 in Berlin-Mitte können kaum mehr als 15 Parteien wohnen – größer ist das Haus nicht. Am Klingelschild aber stehen hundert Namen. Manche lesen sich wie ganz normale Firmen. Andere heißen Khyber Money Exchange Ltd., was nach Geldwäsche im Gebirge zwischen Pakistan und Afghanistan klingt. Sie alle residieren scheinbar im Hinterhaus, einem kleinen Bau, der so tief im Hof sitzt, dass die Fenster im Erdgeschoss nie direktes Sonnenlicht sehen.

Wer etwas über die IARIN GmbH oder besagte Khyber Money Exchange wissen will, kann im Internet bei www.unternehmensregister.de nachsehen. Oder er ruft Sven Hecker an. Der erklärt einem zwar nicht, was es mit dem pakistanischen Geschäftsmann mit Sitz in London auf sich hat. Aber er weiß, warum vorn an die kleine Eingangstür ein Türschild mit hundert Namen geschraubt ist. Hecker ist Geschäftsführer und Miteigentümer von ClevverMail, einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, für kleine Firmen und Privatleute einen riesigen Briefkasten anzubieten. Hecker nimmt die Post nicht nur entgegen. Er öffnet sie, digitalisiert sie, leitet sie weiter an den Empfänger.

Die Anmeldung bei ClevverMail kostet nichts. Je nach Account-Art werden dann die Kosten für die einzelnen Dienstleistungen berechnet: 50 Cent kostet ein Brief, wenn er ankommt. Das Scannen des Umschlags schlägt mit 20 Cent zu Buche, ein Euro kommt für den Briefinhalt dazu. Bei ClevverMail Pro und Business werden monatliche Grundgebühren von 4,95 beziehungsweise 9,95 Euro fällig. Der Preis für die einzelnen Dienstleistungen sinkt dafür.

Regus, ein deutlich größerer Anbieter Anbieter mit internationalen Kontakten, verlangt deutlich mehr. Je nach Lage für die Büroadresse und die damit fällige Büromiete von Regus berechnet das Unternehmen seine Preise: 199 Euro pro Monat kostet ein Konto am Potsdamer Platz, 299 Euro am Kudamm 21. Für das Geld hat man dann nicht nur eine luxuriöse Geschäftsadresse in einem respektablen Gebäude. Regus mietet auch Büros für Konferenzen an, organisiert Videokonferenzen und Verpflegung – man kann sich aber natürlich auch, wie bei ClevverMail, nur die Post scannen und als Mail senden lassen. „Virtual Office“, nennt Geschäftsführer Michael Barth das Ganze. „Wir können Sie mit der ganzen Welt verbinden“, wirbt er.

Hecker behauptet das auch, nur zu anderen Preisen und auf einem beschaulicheren Niveau. Vor fünf Monaten ging sein Unternehmen online. Jetzt läuft es auf vietnamesischer Software, geordert bei einem Programmierer über die Internetseite Freelancer.com. 1500 Kunden hat ClevverMail, 85 Prozent davon aus dem Ausland. „Wir wachsen nach Businessplan“, sagt Hecker. Was aber passiert, wenn Geldwäscher eine 1000-Euro-GmbH gründen und sich dann bei ihm mit einem Briefkasten einmietet? „Ich kann nicht ausschließen, dass da jemand zu betrügen versucht“, sagt Hecker. Schwierig wäre das wohl kaum.

Wer bei Regus ein virtuelles Büro betreiben will, muss mit der Anmeldung vom Registergericht und dem Personalausweis vorstellig werden. „Wer eine Eintragung in einer unserer deutschen Büroadressen will, muss einen Handelsregistereintrag in Deutschland haben“, sagt Barth. „Da reicht ein Zettel aus Katar nicht.“ Aber auch Barth gibt zu, dass sein Unternehmen nicht jedem Gauner von vornherein auf die Schliche kommen kann. „So etwas kommt immer wieder mal vor.“ Der Regelfall sei das aber nicht.

„Jeder Vertrag wird sofort beendet, wenn wir auch nur ein Anzeichen haben, dass da etwas Unrechtes geschieht“, sagt Hecker. So stehe es auch in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Mehr muss er als Anbieter vieler Briefkästen laut Gesetz auch gar nicht tun, wie ein Urteil des Kölner Oberlandesgerichts von 2011 zugunsten der Deutschen Post zeigt (Az. 6 W 199/10). Damals hatte der Deutsche Verbraucherschutzverein versucht, die Post juristisch daran zu hindern, Postfächer an Scheinfirmen zu vermieten. Das OLG wies die Klage zurück.