Gründerzeit

Der besondere Berliner Spieltrieb

Jürgen Stüber über die boomende Branche in der Hauptstadt und die Suche nach dem richtigen Personal

Anja Popp hatte die Wahl: Die Personalchefin des Spieleentwicklers King (Candy Crush Saga) erhielt mehr als 3000 Bewerbungen für die freien Stellen im neu eröffneten Berliner Büro – viele aus dem Ausland. King will in Berlin zunächst zwei neue Spiele entwickeln. Die Stadt ist in der Branche beliebt. Berlin genießt weltweit als Standort der digitalen Gaming-Industrie Anerkennung. Und das nicht nur wegen der Rutsche im neuen Firmenbüro von King an der Jägerstraße in der Nähe des Gendarmenmarktes.

„Unsere Mitarbeiter finden in Berlin perfekte Überlebenschancen“, sagt Popp. Die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich zu anderen deutschen und europäischen Metropolen noch niedrig. „Viele sind auch wegen der Underground-Szene gekommen.“ Berghain, Badeschiff und Beachbars sind für die Entwickler und andere Start-up-Angestellte nach Feierabend und am Wochenende wichtig, weniger das Luxuskaufhaus KaDeWe.

Popp appelliert daran, kreative Flächen in der Stadt zu erhalten. Diese Freiräume seien für die junge Generation, die bei den Start-ups Arbeit finde, bedeutsam. „Sie sind das Alleinstellungsmerkmal von Berlin“, sagt Popp.

Immer mehr Spiele-Unternehmen strömen nach Berlin, denn kein anderer Ort in Deutschland bietet eine vergleichbare Infrastruktur. Außer King sind es Kabam (Kingdoms of Camelot) und Shanda Games (Dragon Nest). Shanda Game ist mit mehr als 70 Spielen einer der größten Spieleentwickler in China und hat seine Europazentrale in Berlin-Mitte angesiedelt.

Mehr als 200 Firmen und Entwickler sind in der Berliner Spielebranche aktiv. Neben den Entwicklern wie Wooga, die Spiele entwerfen, programmieren und vermarkten, sind es Marketingplattformen wie ad2games und AppLift aus der Berliner Hitfox-Gruppe oder GameGenatics.

Einer Studie zufolge stieg der Umsatz des Berliner Gaming-Clusters in den vergangenen zehn Jahren um 125 Prozent, die Zahl der Beschäftigten um 148 Prozent, wie Elmar Giglinger, Geschäftsführer des Medienboards Berlin-Brandenburg, sagt. Entwicklungen seit 2013 sind in der Untersuchung noch nicht berücksichtigt. Das kürzlich vorgelegte Medienbaromater lässt eine Fortsetzung dieses Trends erahnen: 85 Prozent der befragten Unternehmen aus der Gamesbranche rechneten im vergangenen Jahr mit steigenden Umsätzen (2012: 75 Prozent).

Allein Seven Games, die Spiele-Sparte des Fernsehkonzerns ProSiebenSat.1, hat in den vergangenen sechs Monaten hundert Mitarbeiter eingestellt, wie Tung Nguyen-Khac, Chef der ProSiebenSat.1 Games GmbH, sagt. Sowohl die Zahl der Mitarbeiter als auch der Umsatz solle sich bis 2015 verdoppeln, lautet seine Prognose.

Tung Nguyen-Khac sieht Berlin als eine Art Schmelztiegel der Gaming-Industrie, was internationale Mitarbeiter betrifft. Bei Even Games in Kreuzberg seien inzwischen mehr Franzosen als Deutsche beschäftigt. Personal zu finden werde zunehmend schwerer. Er spricht sogar vom „War of Talent“, dem Kampf um qualifizierte Mitarbeiter – diesmal allerdings in der realen Welt.

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