Unternehmen

Kostspieliges Schnäppchen

Karstadt-Sanierung könnte den neuen Eigentümer eine Milliarde Euro kosten

Die Sanierung von Karstadt wird für René Benko zu einem finanziellen Kraftakt. Der Umbau des Warenhauskonzerns mit bundesweit 83 Filialen zu einem profitablen Unternehmen kann eine Milliarde Euro oder mehr kosten, wie erste Einschätzungen zeigen. Arno Peukes, Vertreter der Gewerkschaft Verdi im Karstadt-Aufsichtsrat, bezifferte die Schließungskosten je Filiale auf durchschnittlich 15 Millionen Euro. Das deckt sich mit Erfahrungen aus der Branche.

„Für jedes Haus müssen zehn bis 20 Millionen Euro einkalkuliert werden“, sagte ein erfahrener Warenhaus-Insider. Das Geld muss für Sozialpläne, meist langfristige Mietverpflichtungen oder Standortkosten aufgewendet werden. Nach Andeutungen von Aufsichtsratschef Stephan Fanderl stehen etwa 20 Filialen auf dem Prüfstand. Danach könnten auf Benkos Firma Signa Retail allein Ausgaben von bis zu 400 Millionen Euro für die Trennung von defizitären Häusern zurollen. Dazu kommen Investitionen, um die verbleibenden etwa 60 Filialen wieder zu attraktiven Einkaufsstätten zu machen. Zehn Millionen Euro pro Haus gelten keinesfalls als übertrieben komfortables Budget.

„Karstadt ist in einer sehr schwierigen Situation. Benko muss etwas gelingen, was in den vergangenen 15 Jahren keiner geschafft hat: die Sanierung von Karstadt“, sagte Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Er macht hausgemachte Fehler für die Lage des Unternehmens verantwortlich: „Karstadt hat eine Zeit krassen Missmanagements hinter sich.“ Hauptverantwortlicher sei der frühere Firmenchef Andrew Jennings, der eine verfehlte Markenpolitik gefahren habe. Er hatte versucht, mit neuen, aber hierzulande eher unbekannten Marken jüngere Käufer anzulocken.

Gleichzeitig ist in den vier Jahren unter Nicolas Berggruen ein riesiger Investitionsstau aufgelaufen. Nicht nur die Filialen, sondern auch die dahinter stehende Technik wie Warenwirtschaftssysteme und IT gelten als dringend modernisierungsbedürftig, während der Konkurrent Kaufhof nach eigenen Angaben jährlich rund 100 Millionen Euro investiert.

Aufschluss über Benkos Pläne erwarten die Beschäftigten von einer Aufsichtsratssitzung an diesem Donnerstag. Die Gewerkschaften wollen möglichen Einschnitten ins Filialnetz nicht tatenlos zusehen, sagte Peukes: „Karstadt kann mit allen 83 Warenhäusern erfolgreich am Markt agieren.“ Wer Schließungspläne hege, müsse zudem erst einmal ein strategisches Konzept vorlegen.

Bei Spekulationen über ein schnelles Zusammengehen von Karstadt mit dem Rivalen Kaufhof zu einer „Deutschen Warenhaus AG“ winken Insider denn auch ab. Kaufhof-Chef Lovro Mandac hatte Ende 2013 erklärt, er sei an einer Fusion nicht interessiert – höchstens an einzelnen Filialen des Wettbewerbers, und auch die nehme er nur geschenkt. Die Aussage gelte nach wie vor, so Konzernkreise jetzt.

Unter dem neuen Eigentümer kann Karstadt das Rennen wieder aufnehmen – und wird dies nach Einschätzung von Roeb auch tun. „Benko ist ein strategischer Investor. Er hat hohes Interesse am Wohlergehen des Unternehmens und verfügt offenbar über die notwendigen finanziellen Mittel für Investitionen“, sagte Roeb. Die Karstadt-Beschäftigten müssten sich dennoch auf weitere Einschnitte einstellen.