Gesundheit

Ärzte wollen fünf Milliarden Euro mehr

Mediziner klagen über „Unterfinanzierung“. Krankenkassen weisen die Forderung zurück

Zwischen den Kassenärzten und Krankenkassen in Deutschland zeichnen sich harte Honorarverhandlungen für das Jahr 2015 ab. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bekräftigte am Montag, sie sehe eine „Unterfinanzierung“ der 150.000 niedergelassenen Ärzte von 5,3 Milliarden Euro. Diese Lücke müsse geschlossen werden, forderte KBV-Chef Andreas Gassen. Er machte deutlich, dass dies auch schrittweise geschehen könnte.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hielt dagegen: Die GKV-Einnahmen der Ärzte seien zwischen 2007 und 2011 um 13 Prozent gestiegen. „Seither kamen Jahr für Jahr weitere Honorarerhöhungen dazu“, sagte GKV-Sprecher Florian Lanz. „Welche anderen freien Berufe können das für sich verzeichnen?“ Es wäre erfreulich, so Lanz, wenn die Ärzteverbände das gleiche Engagement bei der Verringerung der Wartezeiten für die Patienten aufbringen würden wie bei dem Bemühen, ihre eigenen Honorare weiter zu erhöhen. Im vergangenen Jahr überwiesen die Kassen für die ambulante Behandlung rund 32 Milliarden Euro an die Ärzte. Die Honorarverhandlungen beginnen in dieser Woche. Offiziell müssen sie bis zum 31. August beendet sein.

KBV-Chef Gassen klagte, zehn Prozent der ärztlichen Leistungen würden von den Kassen überhaupt nicht bezahlt. „Jede zehnte Behandlung geht aufs Haus.“ Im vergangenen Jahr seien den Kassenärzten so 2,3 Milliarden Euro entgangen. Die Ärzte können die Leistungen nicht abrechnen, da die gedeckelten Budgets ausgeschöpft seien. Die Budgetierung müsse aufgehoben werden. „Wir brauchen endlich feste Preise“, forderte Gassen. Sonst könnten für begrenzte Gelder auch nur begrenzte Leistungen angeboten werden. Als ersten Schritt müssten Fachärzte Basisleistungen außerhalb des Budgets vergütet bekommen. Die Debatte über zu lange Wartezeiten in Arztpraxen müsste an die Aufhebung der Budgetierung geknüpft werden. Denn hinter kürzeren Wartezeiten stecke auch die Erwartung, Leistungen schneller zu erbringen.

Auf ein Plus von weiteren drei Milliarden Euro kommt die KBV, wenn sich die Einkommen der niedergelassenen Ärzte an den Tarifgehältern der Oberärzte in den Kliniken orientieren würden. Statt 105.000 Euro im Jahr stünden den Kassenärzten 133.000 Euro zu. Bei diesem „kalkulatorischen Arztgehalt“ geht die KBV davon aus, dass ein niedergelassener Arzt 51 Stunden in der Woche arbeitet. Für Hausärzte fordert die KBV darüber hinaus Zuschläge, etwa für teure Geräte oder den Einsatz von mobilen Arzthelferinnen, die bislang nur in Regionen mit Ärztemangel finanziell unterstützt werden. Um den Beruf des Hausarztes für den Nachwuchs attraktiver zu machen, müsse mehr Honorar fließen. Die Krankenkassen hätten derzeit Beitragsüberschüsse in Milliardenhöhe einbehalten, kritisierten die Ärztevertreter. Dieses Geld sei nicht Eigentum der Kassen, sondern diene der Fürsorge der Bürger. Die Versicherten müssten ihre Beiträge in Form medizinischer Leistungen zurückbekommen.

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes erzielte ein niedergelassener Arzt im Jahr 2011 einen Ertrag von 166.000 Euro. Dabei würde aber die tatsächliche Arbeitszeit der Ärzte nicht berücksichtigt, klagt die KBV. Zudem kämen nur noch 69 Prozent der Einnahmen von den Krankenkassen, 28 Prozent stammten von Privatpatienten. 2003 lag das Verhältnis zwischen gesetzlichen und privaten Einnahmen noch bei 75 zu 22 Prozent.