Migranten

Viele Zuwanderer wollen wieder weg

Rund 60 Prozent der hier arbeitenden Migranten planen eine Rückkehr. Gute Sprachkenntnisse als Anreiz zum Bleiben

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel setzt Deutschland große Hoffnungen in die Zuwanderung. In den vergangenen Jahren wurden die gesetzlichen Regeln für die Migration qualifizierter Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern erheblich gelockert. Zwar kommen jetzt mehr Qualifizierte hierher. Doch das Gros der Neuzuwanderer aus den Drittstaaten hat nicht die Absicht, sich dauerhaft in Deutschland niederzulassen, wie eine gemeinsame Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und des Bundesamtes für Bevölkerung zeigt.

Eine Umfrage der Forscher unter den Zuwanderern, die innerhalb der letzten fünf Jahre gekommen sind, ergab, dass lediglich 40 Prozent von ihnen längerfristig oder sogar für immer in der Bundesrepublik bleiben wollen. Unter den Herkunftsländern dominieren die westlichen Länder wie die USA oder Japan mit fast 30 Prozent. Fast jeder Fünfte stammt aus Russland, 16 Prozent kommen aus China. Die Untersuchung beschränkt sich auf die Migration aus Drittstaaten, die etwa ein Drittel der gesamten Einwanderung ausmacht, zumal für EU-Bürger Niederlassungsfreiheit gilt und eine Steuerung über Zuwanderungsregeln somit gar nicht möglich ist.

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass auch eine gute Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt nicht automatisch zu einer langfristigen Bleibeabsicht führt. So gaben 43 Prozent der Arbeitsmigranten mit einem Einkommen zwischen 25.000 und 55.000 Euro an, langfristig in Deutschland bleiben zu wollen. Unter den Gutverdienern mit über 55.000 Euro haben hingegen nur 38 Prozent eine dauerhafte Bleibeabsicht. Ein ähnliches Bild ergibt sich mit Blick auf die Qualifikation. So wollen 39 Prozent der neu zugewanderten Akademiker für immer bleiben, gegenüber 48 Prozent der Migranten ohne Hochschulabschluss.

Jobs oft befristet

Dabei gibt es je nach Herkunftsregion erhebliche Unterschiede. So gilt für die Einwanderer aus westlichen Industriestaaten, dass die Bindung an Deutschland umso geringer ist, je höher das Einkommen ist. Für die Arbeitsmigranten aus den anderen Drittstaaten verstärkt dagegen ein wirtschaftlicher Erfolg die Bleibeabsicht. Für die Migration zwischen den westlichen Staaten spielt nach Einschätzung der Forscher weniger der wirtschaftliche Nutzen des Arbeitnehmers eine Rolle als vielmehr die Personalpolitik der multinationalen Unternehmen. So werden oft gerade für Führungsaufgaben Experten aus den Zentralen in andere Länder entsandt. Solche Einsätze sind meist von vornherein zeitlich befristet.

Aus Afrika, Asien oder osteuropäischen Drittstaaten kommen dagegen viele Menschen in der Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche Perspektive. Ob die Migranten allerdings dauerhaft bleiben, hängt laut Studie nicht nur vom beruflichen Erfolg ab, sondern auch von sozialen und kulturellen Faktoren. Deutsche Sprachkenntnisse spielen dabei ebenso eine Rolle, wie die Frage, ob jemand ein Freundschaftsnetzwerk hat oder an Vereinsaktivitäten teilnimmt. „Während sich beispielsweise Investitionen in neue Berufsqualifikationen bei einer Rückwanderung vergleichsweise gut in das Herkunftsland transferieren lassen, gilt dies für soziokulturelle Ressourcen weniger“, so die Autoren der Studie.

Vor allem beim Lernen der deutschen Sprache belegt die Umfrage einen eindeutigen Zusammenhang: Je besser die Sprachkenntnisse sind, desto eher planen die Arbeitsmigranten langfristig bis dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Während nur jeder Vierte mit keinen oder nur geringen Sprachkenntnissen vorhat, hier zu bleiben, sind es bei den Personen mit sehr guten Deutschkenntnissen mit 57 Prozent mehr als doppelt so viele. Besonders deutlich ist dieser Effekt bei Personen, die erstmals in Deutschland arbeiten, zumal sich bei ihnen der Spracherwerb in der Regel als echte Investition mit Blick auf die neue Wahlheimat interpretieren lässt. Sesshafter sind zudem Einwanderer, die mit einem Partner in Deutschland einreisten.

Studenten umworben

Auch der rechtliche Aufenthaltstitel hat einen erheblichen Einfluss auf die Bleibeabsichten. So gelten für Selbstständige sowie für Hochqualifizierte bessere Möglichkeiten der Familienzusammenführung und der Erlangung eines dauerhaften Aufenthalts als für allgemeine Arbeitsmigranten. Und während fast zwei Drittel der zugewanderten Selbstständigen und 45 Prozent der Hochqualifizierten langfristig bleiben wollen, gilt dies nur für jeden dritten allgemeinen Arbeitsmigranten.

Ein großes Potenzial für die hiesige Wirtschaft stellen auch die hier studierenden Ausländer dar. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge besaßen 2013 rund 283.000 Drittstaatenangehörige einen Aufenthaltstitel als Bildungs- oder Erwerbsmigrant. Von diesen befanden sich mit 55 Prozent die meisten in einem Studium oder einer Berufsausbildung. Fast 90.000 sind Arbeitsmigranten, weitere rund 30.000 haben einen Aufenthaltstitel als Selbstständige, Hochqualifizierte oder besitzen die Blaue Karte der EU, die 2012 für Fachkräfte eingeführt wurde.

Die Absolventenstudie des Bundesinstituts zeigt, dass fast ein Drittel der ehemaligen Studenten dauerhaft in Deutschland bleiben möchte; 43 Prozent wollen mindestens zehn Jahre hier bleiben. Der Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann, sieht das Potenzial der ausländischen Studenten nicht ausgeschöpft. „Am aussichtsreichsten ist es, die ausländischen Hochschulabsolventen für den hiesigen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Sie sind meist schon ein paar Jahre hier und haben sich in der Regel ein soziales Netzwerk aufgebaut“, so der Ökonom. „Manche Unternehmen sehen das Potenzial und umwerben diese Gruppe gezielt.“

Der Arbeitsmarktexperte warnt aber davor, den Effekt der Zuwanderung für die Fachkräftesicherung zu überschätzen. Nach Einschätzung Zimmermanns steht Deutschland im globalen Wettbewerb um die klugen Köpfe ohnehin nur mittelmäßig da. Zwar habe es in den vergangenen Jahren rechtliche Verbesserungen gegeben, die es besonders den Hochqualifizierten aus Drittstaaten erleichterten, hierher zu kommen. „Doch Deutschland hat nicht das Image, ein tolles Einwanderungsland zu sein“, unterstrich der IZA-Chef.