Personalie

Und wieder ein neuer Retter

Der Unternehmer René Benko übernimmt Karstadt. Die Belegschaft ist verunsichert

Für einen markigen Spruch ist er immer gut. „Man kann es beschreiben wie Spitzensport“, sagte René Benko vor drei Jahren dazu, wie er zu einem der reichsten Österreicher wurde. „Es ist nicht nur Talent, sondern auch die Konsequenz, hart zu arbeiten, nicht aufzugeben, den Weg nicht zu verlassen und mehr zu bewegen und zu leisten, als es andere tun wollen.“ Benko scheint es, hängt sich rein. Für sein neuestes Geschäft ist das nötig: Dem 37-Jährigen gehört vom kommenden Montag an Karstadt. Die Investition ist sehr überschaubar: Benko zahlt dem deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen einen Euro. Berggruen ist offenbar froh, den angeschlagenen Konzern loszuwerden.

Die Mitarbeiter sind verunsichert. Zumal sie seit 2004 auf rund 700 Millionen Euro verzichtet haben, damit der Konzern überlebt. Aber anders als vor vier Jahren, als Berggruen das Unternehmen zum symbolischen Preis von einem Euro aus den Händen des Insolvenzverwalters übernahm, sind sie nicht optimistisch. Berggruen galt vielen 2010 als Retter: Ursula von der Leyen (CDU), damals Bundesarbeitsministerin, mischte sich medienwirksam ein. 40.000 Gläubiger verzichteten auf zwei Milliarden Euro, die Belegschaft auf 150 Millionen Euro.

Vier Jahre später ist die Ernüchterung groß. Offenbar auch bei Berggruen. „Wir haben 2010 die Notwendigkeit der Sanierungsschritte unterschätzt“, sagte er „Bild“. Nach der Übernahme hätten sie festgestellt, dass Karstadt in einem noch viel schlechteren Zustand gewesen sei, als sie geglaubt hätten. Und er gestand, dass Andrew Jennings, der Karstadt als Chef neu ausrichten wollte, falsch gelegen hat. „Manche sagen, er habe zu wenig die deutsche Kultur und Einkaufsgewohnheiten berücksichtigt. Diesen Fehler kreiden wir uns an.

Jetzt soll es also Benko richten. Er ist einer der 100 reichsten Österreicher. Seine Signa-Gruppe gründete er 1999/2000 mit Anfang 20. Sie ist laut eigener Beschreibung auf Luxusimmobilien in internationalen Toplagen spezialisiert. Das Immobilienvermögen beträgt nach Firmenangaben mehr als 6,5 Milliarden Euro. Vor gut einem Jahr war es noch eine halbe Milliarde weniger. Das österreichische Magazin „Trend“ bezifferte Benkos persönliches Vermögen auf rund 850 Millionen Euro.

Benko wurde 1977 als Sohn eines Beamten in Innsbruck geboren. Mit 17 Jahren verließ er ohne Abitur das Wirtschaftsgymnasium. Anschließend baute er zunächst Dachgeschosse aus, bevor er sich auf Immobilienkäufe konzentrierte. Mit der Signa-Holding, die mittlerweile mehr als 150 Mitarbeiter beschäftigt, sammelt Benko bei Investoren Geld ein und steckt es in teure Immobilien. In Wien baute er beispielsweise vor kurzem einige Straßen in der Innenstadt zu einer Nobel-Shoppingmeile samt Luxusappartements um. Der Name des Projekts: „Goldenes Quartier“.

Nicht immer lief alles sauber: Im November 2012 verurteilte das Landgericht Wien Benko zu zwölf Monaten Haft auf Bewährung. Er soll gemeinsam mit seinem Steuerberater eine „verbotene Intervention“ in einer Steuerangelegenheit in Italien versucht haben. Die vorsitzende Richterin bezeichnete diese als „Musterfall für Korruption“.

In Politik und Wirtschaft gilt der smarte Unternehmer als bestens vernetzt. Im Beirat seiner Signa-Gruppe sitzen unter anderem der ehemalige österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Unternehmensberater Roland Berger und der ehemalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking.

Doch die Lage bei Karstadt ist dramatisch. Der Konzern schrieb im Geschäftsjahr 2012/13 (30. September) rote Zahlen. 1800 Stellen sind in den vergangenen zwei Jahren weggefallen. Und Aufsichtsratschef Stephan Fanderl hatte bereits Einschnitte angekündigt. Anfang Juli verließ dann die neue Chefin Eva-Lotta Sjöstedt nach weniger als fünf Monaten das angeschlagene Unternehmen. Sie sei nicht ausreichend unterstützt worden, begründete sie die Entscheidung. Immer wieder heißt es, Berggruen habe zu wenig investiert. Er selbst weist das von sich. Handelsexperten, wie Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein, gehen von bis zu 1,5 Milliarden Euro aus, die in Karstadt gesteckt werden müssten, um das Unternehmen wirklich zukunftstauglich zu machen.

Rund 17.000 Beschäftigte hat Karstadt noch, zwischen 1600 und 1800 in Berlin, 83 Filialen gibt es. Noch. Denn kürzlich tauchte eine Liste von 29 Karstadt-Filialen auf, die angeblich wenig Überlebenschancen haben. Erstellt hat sie Gerd Hessert, Lehrbeauftragter für Handelsmanagement an der Uni Leipzig und früher im Management von Karstadt. Demnach wäre unter anderem das Karstadt-Haus in Potsdam stark gefährdet. „Reine Spekulation“, vermuten sie bei der Gewerkschaft Verdi in Berlin. Auch Berliner Standorte würden ab und an genannt. Belastbar sei das nicht. In Berlin gibt es sieben Karstadt-Filialen.

„Ich habe immer einen Plan“

Benko und seine Signa Holding jedenfalls versprechen, Karstadt wieder profitabel zu machen. Einzelheiten sind bisher nicht bekannt. Möglicherweise stützt er sich auf bestehende Konzepte. Der Karstadt-Aufsichtsrat in der kommenden Woche ursprünglich über einen neuen Sanierungsplan beraten, der kein Tabu kennen sollte. Zumindest etwas Erfahrung hat Benko bereits mit Karstadt. Vergangenen September übernahm er schon die Mehrheit an den Sporthäusern sowie den Luxuskaufhäusern KaDeWe, Oberpollinger (München) und Alsterhaus (Hamburg). Die restlichen Anteile bekommt er jetzt ebenfalls von Berggruen. Und einige Karstadt-Immobilien besaß er ohnehin.

Führungslos, in den roten Zahlen, Probleme im Online-Geschäft, die Mitarbeiter verunsichert – der neue Karstadt-Eigner hat einiges zu tun. Auch die Bundesregierung meldete sich zu Wort: Ein Sprecher von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sagte, das Ministerium verfolge die Entwicklung „aufmerksam und auch durchaus mit Besorgnis“. Benko irritiert das möglicherweise alles nicht. In einem Interview sagte er einmal: „Ich habe immer einen Plan.“ Hoffentlich.