SPD

„Ihr seid ja nur Kerle hier“

Der Frauenanteil unter den Gründern muss verbessert werden, finden die Sozialdemokraten

Mit einem breiten Lächeln kommt Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) zum Ortstermin. Es geht um die Besichtigung des Betahauses, eines Start-up-Zentrums in Kreuzberg, gemeinsam mit Wirtschaftsminister und Parteifreund Sigmar Gabriel. In dem Zentrum sitzen Menschen mit Vollbärten, Baseballkappen und Jutebeuteln auf verbrauchten, antiquierten Sesseln und trinken Latte macchiato. Die meisten von ihnen beachten weder Schwesig noch Gabriel. Stattdessen arbeiten sie konzentriert an ihren Projekten oder posten zu diesen auf Facebook. Natürlich arbeiten alle auf MacBooks, die sie mit individuellen Stickern verschönert haben.

Gründer sind meist männlich

Gabriel fällt sofort auf, was hier seiner Meinung nach nicht stimmt: „Ihr seid ja nur Kerle hier“, sagt der Wirtschaftsminister zu ein paar jungen Männern, die ihm gerade ihre Handy-App Offtime vorstellen. Das Programm für Smartphones filtert Anrufe und Mails, damit die Besitzer einfach mal offline sein und ausspannen können, ohne aber ganz wichtige Sachen zu verpassen. Mitgründer Michael Dettbarn macht Gabriel die Sache schmackhaft: „Die Angela (Merkel) oder Frau Schwesig kommen auf jeden Fall durch.“

Gabriel, der den Kreis der Anrufer im Offtime-Modus kleinhalten würde („Meine Frau wär’ schon nicht schlecht“), findet die Idee super – doch den SPD-Chef stört eben, dass keine Frau in dem Team zu sehen ist. Und genau das ist der Punkt, den die Regierung ändern will. Es ist ein hehres Ziel. Schwesig und Gabriel wollen für die gemeinsame Initiative der beiden Ministerien werben: „FRAUEN gründen“. Sie soll Gründerinnen und Unternehmerinnen in Deutschland stärken. Mit Fördergeld und einem Maßnahmenkatalog will die Regierung jetzt dafür sorgen, dass mehr Frauen ihr eigenes Unternehmen gründen. Aktuell beträgt der Frauenanteil bei Existenzgründungen nur knapp 30 Prozent. Auch insgesamt sind doppelt so viele Männer selbstständig wie Frauen. „Um mehr Frauen zum Gründen zu bewegen, braucht es vor allem ein Umdenken in den Köpfen und gute Rahmenbedingungen“, sagt Gabriel.

Auch Schwesig merkt kritisch an, dass in der Start-up-Szene vor allem Männer unterwegs sind, obwohl Frauen so gut ausgebildet seien wie nie zuvor: „Wir brauchen mehr Frauen, die den Mut haben, sich selbstständig zu machen“, sagt sie. Dabei soll das neue Elterngeld Plus helfen, das Frauen und Männer länger als bisher fördert, wenn sie neben der Kinderbetreuung in Teilzeit arbeiten. Außerdem will Schwesig gezielt Frauen mit Migrationshintergrund ansprechen und motivieren, in die Selbstständigkeit zu gehen, sowie erfolgreiche Existenzgründerinnen als Vorbilder in Schulen und Universitäten schicken.

Beim Rundgang merkt man Schwesig jederzeit an, wie stolz sie ist, dass ihr Parteivorsitzender und Vizekanzler sich in unruhigen Zeiten von Ukraine-Krise und möglichen Waffenlieferungen in den Irak für die Frauenförderung einspannen lässt. Rund eine halbe Stunde dauert der Besuch im Betahaus, das so etwas wie ein Zuhause für junge Firmen auf Zeit ist. Hier haben kleine Start-ups einen Arbeitsplatz, können sich untereinander austauschen und bekommen Beratungen bei Fragen rund um den Firmenauf- und -ausbau.

Für die Politiker sind Ortstermine wie dieser auch eine Gelegenheit, zu erfahren, was sie richtig und was sie falsch machen. Und deshalb waren Besichtigungen von drei dieser Neugründungen geplant: Neben Offtime besuchen sie functionalaesthetics, einen Dienstleister für digitale Produkte im Internet. Und als drittes wollten Schwesig und Gabriel eigentlich eine Firma von und für Frauen besuchen: Edition F – eine Business-Lifestyle-Plattform für Frauen mit personalisierten Inhalten.

Doch ausgerechnet die Offtime-App hat es dem Wirtschaftsminister angetan. Ausführlich unterhält er sich mit den Gründern – ausschließlich Männer. „Man steht mittlerweile unter einem enormen Erfüllungsdruck“, sagt er und redet über seine Freizeitwünsche: Mehr Zeit mit seiner Tochter und zum Segeln hätte er gern. Gabriel erkundigt sich so ausführlich über die Work-Life-Balance-App, dass nur noch Zeit für das Gespräch mit dem Internetdienstleister bleibt. Bei functionalaesthetics arbeitet Magdalena Cuber. Endlich eine Frau. Das Internet-Netzwerk bringt Design-Agenturen und innovative Firmen zusammen.

Ins Gespräch kommt dann aber ihr männlicher Gründerkollege Chris Bleuel. Er behauptet, die Förderprogramme des Bundes seien zu kompliziert und schwer zu finden. Dem früheren Lehrer Gabriel ist das zu billig: „Euer Tagesgeschäft ist das Internet. Und dann ist es so schwer, den Existenzzuschuss zu finden?“ Nichtsdestotrotz wollen Gabriel und Schwesig mehr Fördergeld bereitstellen, erfolgreiche Gründerinnen zu Vorträgen in Schulen und Unis schicken sowie Frauen mit Migrationshintergrund ermutigen, sich selbstständig zu machen.

Dumm nun, dass danach das Gespräch mit dem Frauenunternehmen entfallen muss. Die beiden Minister gehen direkt zur Pressekonferenz über. Obwohl die Initiative an Frauen gerichtet ist, geht es Gabriel um mehr als nur um Frauenförderung.

Fonds für junge Unternehmer

Die Einsicht, dass auch die Rahmenbedingungen und der Umgang mit Unternehmen in Deutschland sich ändern müssen, ist in der Regierung angekommen. So gehen etwa in den USA Banken unkomplizierter mit Insolvenzen um. Geht dagegen ein deutsches Start-up pleite, ist es in der Regel schwerer für die Unternehmer, einen neuen Kredit für ein neues Geschäft zu bekommen. Deshalb hat Gabriel jetzt angekündigt, dass ein bestehender Fonds für junge Unternehmer auf 70 Millionen Euro verdoppelt wird. Diese können damit Eigenkapital von bis zu 50.000 Euro aufbauen, was ihre Kreditwürdigkeit bei Banken verbessert. Bis Ende Juli wurden bereits mehr als 700 Beteiligungen zugesagt.

Auf dem Weg zu seinem Dienstwagen holt Gabriel schließlich noch die große Weltpolitik ein. Ein junger Mann zeigt ihm eine Internetseite, auf der Konzerne angeschwärzt werden sollen, die angeblich den Bau von Atomwaffen finanzieren. Gabriel, der zum Entsetzen der deutschen Rüstungsindustrie weniger Waffenexporte genehmigen will, findet das mit dem Pranger nicht so toll. Im konkreten Fall könne er sowieso nichts machen: „Das sind französische Atomwaffen.“