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Berlin ist wichtig für Games-Anbieter. Inzwischen wird auch mit Werbevermarktung Geld verdient. Doch der Standort ist in Gefahr

Die Computerspielbranche in Berlin und Brandenburg schaut positiv in die Zukunft. 85 Prozent der hiesigen Unternehmer erwarten steigende Umsätze. Die Games- und die Softwarebranche haben in der Region mittlerweile mehr als 30.000 Arbeitsplätze geschaffen. Diese Zahlen nennt Andrea Peters, Vorstandsvorsitzende der Vereine Media.net und Games.net berlinbrandenburg, zur fünftägigen Branchenmesse Gamescom, die am Mittwoch in Köln beginnt.

Für Berliner Games-Unternehmen ist diese Messe ein Pflichttermin. Fast alle sind dort – entweder auf dem von Media.net organisierten Gemeinschaftsstand oder mit einer eigenen Präsentation. „Die Gamescom ist das wichtigste Event der Games-Industrie in Europa“, sagt Pascal Zuta, Chef des Spielevermarkters Aeria Games. „Für uns ist sie besonders wichtig, da viele unserer asiatischen Spieleentwickler und viele unserer internationalen Werbekunden kommen.“ Manche machen sogar einen Abstecher in das Berliner Hauptquartier des Unternehmens, das zur Mediengruppe ProSiebenSat.1 gehört.

Passend zugeschnittene Werbung

„Die Gamescom ist für uns eines der wichtigsten Events im Jahr“, sagt auch Christoph Diepes, Sprecher von Ad2games, einem führenden Berliner Vermarkter von Computerspielen. Eine Spezialität seines Unternehmens ist die Echtzeit-Vermarktung von Anzeigenplätzen auf Internetseiten, die von Gamern besucht werden. Man kann sich das wie eine virtuelle Börse vorstellen, die von einer hoch komplizierten Formel gesteuert wird. Dieses Programm kennt die Vorlieben und das Kaufverhalten einzelner Internetnutzer und schickt exakt auf ihre Profile zugeschnittene Anzeigen, in denen Computerspiele angeboten werden. Die Formel sorgt auch dafür, dass der Anzeigenplatz meistbietend versteigert wird – und zwar in Sekundenbruchteilen während der potenzielle Kunde die Webseite öffnet. Berlin gewinnt für Diepes international an Bedeutung. „Das zeigt sich daran, dass Entwickler wie King und Kabam, die auch unsere Kunden sind, Büros in Berlin eröffnet haben.“

Der Berliner Online-Spieleentwickler Wooga zeigt sich zwar nicht mit einem eigenen Stand, ist aber dennoch auf der Gamescom vertreten. Experten des Unternehmens sprechen auf der Entwickler-Konferenz und dem Kongress, der während der Messe läuft. Ferner sind Kennenlern- und Kontaktpflege-Veranstaltungen geplant.

Insgesamt zehn Unternehmen aus der Region präsentieren sich auf dem Gemeinschaftsstand von Media.net. Eines von ihnen ist Serious Games Solutions aus Potsdam. Das Unternehmen hat seit 1993 mehr als 220 Spiele mit ernstem Hintergrund realisiert – spielerisch aufbereitete Trainingsprogramme für Ärzte und Rettungssanitäter beispielsweise, digitale Berufswahl-Magazine für das Auswärtige Amt und die AOK oder Computerspiele zur Fernsehserie „Willi will’s wissen“. Das Unternehmen bietet auch spielerische Anwendungen für Digitales Gesundheitswesen an. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Serious Games Heilungsquoten steigern können“, sagt Geschäftsführer Ralph Stock.

„Die Branche stellt längst keine Nische mehr dar, sondern einen lukrativen Werbekanal“, stellt Dirk Weyel, Chef von Stryking Entertainment fest. Stryking beschäftigt sich mit der Verknüpfung der realen und der virtuellen Welt und unterstützt einerseits Markenartikler und Agenturen bei Platzierung ihrer Marke in Games, auf der anderen Seite Gamesanbieter bei der Integration von Marken in ihre Spiele. Es geht unter anderem um den lukrativen Markt für Apps, jener kleinen Programme für Smartphones. „72 Prozent des App-Umsatzes wird durch Games erzielt“, sagt Weyel. „55 Prozent der werberelevanten Gruppe spielen digitale Spiele. Nicht umsonst entwickeln sich Free-to-play-Games zu einem immer interessanteren Kanal für Marken.“

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat jetzt den Standort Berlin und seine Perspektiven für die Kreativwirtschaft analysieren lassen. Die Kreativwirtschaft in Berlin – das sind 30.000 Unternehmen mit mehr als 240.000 Beschäftigten und einem Umsatz von fast 26 Milliarden Euro – und dazu zählt auch die Spielebranche. Die Autoren der Studie nutzten eine Swot-Analyse, ein Instrument zur Standortbestimmung im strategischen Management und Marketing. Dabei werden Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken ermittelt.

„Grundsätzlich ist die Hauptstadt nach wie vor ein äußerst attraktiver Standort für die Kultur- und Kreativwirtschaft, was die kontinuierlich steigenden Beschäftigungszahlen und wachsende Umsätze zeigen“, heißt es in der Studie. Die Freiräume in der Stadt und ihre Internationalität sorgen für kreative Vielfalt. Der neue Unternehmergeist habe der Stadt einen Schub gegeben.

Doch das alles ist ein fragiles Gefüge, das schnell zerbrechen kann. Das größte Risiko ist der Verlust dieser Eigenschaften. Ursache dafür sind die steigenden Lebenshaltungskosten durch explodierende Mieten und die vergleichsweise niedrigen Gehälter. Die Anziehungskraft anderer Kreativstandorte gerade für die Generation 30+ dürfe nicht unterschätzt werden, heißt es in der Studie.

Für die Digitalwirtschaft insgesamt bemängelt die Studie den häufig niedrigen Innovationsgrad durch zu kleine Businessmodelle und sogenannte Copycats, Unternehmen, die erfolgreiche Geschäftsmodelle kopieren. Ferner wird die Intransparenz der Zuständigkeiten kritisiert. Als Risiken werden Hype und Ideenarmut identifiziert. „Viele schlechte Ideen hoffen auf Geld, weil gute Ideen fehlen“, schreiben die Autoren der Studie, die ferner vor einem „Run aufs schnelle Geld“ warnt.

Wahlkampftool der Politik

Die Start-up-Szene verkomme zum Marketing- und Wahlkampftool der Politik, heißt es in der IHK-Untersuchung. Es gebe „zu viele Akteure, die vom Hype profitieren wollen“. Dieser Effekt findet auch in der Szene Widerhall. So forderte Ciaran O’Leary, Partner beim Wagniskapitalgeber Earlybird, Gründer kürzlich in einem Internetblogbeitrag auf, Politikern keine Bühne mehr für Fototermine zu geben. Davon würden nur die Politiker profitieren, nicht die Start-ups. O’Leary rät Gründern, Politikern nur eine öffentliche Bühne zu geben, wenn sie bereit seien, ein noch zu verfassendes Manifest mit Forderungen der Berliner Start-up-Szene entgegenzunehmen.

In Berlin gebe es noch keinen politisch und wirtschaftlich geförderten und etablierten Verbund (Cluster) der Games-Industrie, bemängelt die Studie der IHK. Hamburg sei da mit seiner Initiative GameCity weiter. GameCity bezeichnet sich als Deutschlands größtes Netzwerk der Games-Branche mit 2000 Akteuren. Die Initiative will bessere Rahmenbedingungen für die mehr als 150 Unternehmen der Branche schaffen.

GameCity gibt es seit 2003. Es ist ein Projekt der Initiative NextMedia, die für die Digital- und Medienwirtschaft der Hansestadt Standortmarketing betreibt. NextMedia ist aus dem 17 Jahre alten PR-Netzwerk hamburg@work hervorgegangen und wird unter anderem vom Senat getragen.