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Amazon trickst deutsche Angestellte aus

Deutsche Verlage sollen Bücher von Polen aus versenden und dafür die Kosten tragen. Ein Schlag gegen Gewerkschaften

Amazon spitzt den Machtkampf mit der Gewerkschaft Verdi zu. Der Online-Versender verlangt von deutschen Verlagen, dass sie Bücher verstärkt über ausländische Versandzentren schicken – und damit im Ergebnis zur Umgehung potenziell streikgefährdeter deutscher Logistikstandorte beitragen. Die Verlagshäuser sollen, beginnend im September, rund 40 Prozent ihrer Bücher und anderer Medien über neue Logistikstandorte in Polen und Tschechien an ihre deutschen Kunden schicken. In einem Schreiben werden die Vertriebspartner auf die Eröffnung von zunächst zwei neuen Zentren in Polen hingewiesen.

Taktik gegen Streiks

Aus dem Zweck der Übung macht Amazon kein Geheimnis: Von Posen und Breslau aus würden Kunden beliefert, die unter der deutschen Website des US-Versenders bestellt hätten, heißt es in dem Schreiben, das der Berliner Morgenpost vorliegt: „Lediglich die Lagerung der Waren erfolgt in Polen bis zu ihrer Auslieferung an die Kunden“, informiert Amazon die Verlage. Ansonsten verliefen Einkauf, Bestellung und Verkauf der Bücher „in gleicher Weise wie für die Waren, die in den Logistikzentren in Deutschland gelagert werden“. Amazon betonte, die neuen Zentren sollten das Wachstum in Europa unterstützen. Es gebe aber keine Pläne, eines der bestehenden 25 Zentren in Europa zu schließen.

Der Versender will mit dem Umweg offenbar verhindern, dass Verdi seine Taktik aus dem Weihnachtsgeschäft 2013 wiederholen kann. Damals behinderte die Gewerkschaft mit gezielten Streiks in der Hochsaison den Betriebsablauf. Amazon gab sich nach außen unbeeindruckt, lenkte aber schon damals Warenströme für deutsche Kunden über Zentren im Ausland um, darunter in Frankreich.

Diesmal will das Management um Deutschland-Chef Ralf Kleber offenbar allen Improvisationen vorbeugen und große Warenmengen von vornherein im Ausland einlagern. demonstriert Gelassenheit: „Wir schauen uns das genau an, sind aber relativ entspannt,“ sagte eine Sprecherin. „Amazons Lieferversprechen setzen der Verlagerungsstrategie Grenzen.“

Die Verlage sehen das nicht so locker. Vielmehr belastet Amazons Vorstoß das ohnehin gespannte Verhältnis. Einige Verlagsmanager werfen dem mächtigen Marktführer einen Verdrängungswettbewerb vor – ohne freilich auf diesen Vertriebsweg verzichten zu können. Nun sollen die Buchproduzenten nach dem Willen des US-Konzerns auch noch die Zusatzkosten für die weiten Entfernungen selbst tragen – zumindest, was den Hinweg betrifft. Amazon hat den geehrten Vertriebspartnern schon mal eine Liste der Speditionen übermittelt, die „all unsere Anlieferrichtlinien befolgen und auch nach Osteuropa liefern können“, darunter Dachser, DHL oder Schenker.

Gegen das Ansinnen regt sich massiver Widerstand. „Wir sind nicht bereit, die zusätzlichen Kosten zu übernehmen“, hieß es am Donnerstag bei einem großen Buchproduzenten. Dies sei „die Linie, die sich generell durch die Verlage zieht.“ So sieht es auch die Branchenlobby, der Börsenverein des deutschen Buchhandels. „Amazons Plan bedeutet eine Vervielfachung der Wege und der damit verbundenen Kosten für die Verlage“, moniert Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis.

Dazu komme eine erhebliche Umweltbelastung, die Amazon zum „Klimakiller“ mache. Bestelle etwa ein Kunde in Frankfurt am Main ein Buch bei Amazon, so müsse es ab Verlag bei Auslieferung über das Lager Breslau im Schnitt rund 1200 Kilometer zurücklegen. Verlaufe die Lieferkette über ein deutsches Amazon-Lager, seien es im Schnitt nur 450 Kilometer – und nur 260 Kilometer bei einer direkten Verlagsauslieferung an den Buchhändler um die Ecke. In der ungünstigsten Variante entstehe ein Ausstoß des Klimagases CO2 von 58 Gramm pro Buch, gegenüber knapp 14 Gramm beim kürzesten Weg, geht weiter aus einer Beispielrechnung des Börsenvereins hervor.

Arbeitsplätze gefährdet

Der Versender gefährde durch seine Umgehungstaktik zudem mittelfristig Arbeitsplätze an seinen deutschen Standorten, sagte Skipis. In der Tat könnte der deutsche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde zu Amazons Drang nach Osten beigetragen haben. So liegen die Löhne in Polen bei weniger als der Hälfte. Amazon zahlt Logistik-Mitarbeitern, die ein Jahr dabei sind, nach eigener Darstellung in Deutschland gut zehn Euro pro Stunde.

Wenig begeistert dürften die Amerikaner zudem darüber sein, dass das Mitbestimmungsrecht sie erreicht hat. In den USA stößt diese deutsche Eigenheit auf weit verbreitetes Unverständnis. Dessen ungeachtet wählen die Beschäftigten des Zentrums Bad Hersfeld am 26. und 27. August erstmals einen paritätisch mitbestimmten Aufsichtsrat, nachdem das Unternehmen unter dem Druck eines – inzwischen eingestellten – Gerichtsverfahrens dazu gedrängt worden war. Mittlerweile hat Amazon an allen deutschen Standorten einen Betriebsrat. Am jüngsten Standort im brandenburgischen Brieselang wurde er im Juni gewählt.