Analyse

Der Trick mit der farblosen Farbe

Foodwatch kritisiert mangelnden Verbraucherschutz im Lebensmittelrecht

Nach Meinung der Verbraucherorganisation Foodwatch gehört das gesamte deutsche Lebensmittelrecht auf den Prüfstand. Theoretisch seien zwar Gesundheitsschutz und Vorbeugung gegen Verbrauchertäuschung in den Gesetzen festgeschrieben. „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft aber eine riesige Lücke“, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode. Die Organisation stellte in Berlin eine Analyse der europäischen und deutschen Gesetze mit dem Titel „Rechtlos im Supermarkt“ vor.

Skandale würden meist erst ans Licht gebracht, wenn die belasteten Lebensmittel wie Dioxin-Eier oder Pferdefleisch-Lasagne schon verzehrt seien, sagte Verbraucher-Lobbyist Bode. Schuld sei die Gegenseite – die Lebensmittel- und Agrarlobby. Sie sorge dafür, dass viele Einzelgesetze eher die Unternehmen schützten statt die Konsumenten. „Gegenwärtig ist der Verbraucher erheblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt, und Täuschung und Irreführung sind an der Tagesordnung“, heißt es in der Studie.

Das sieht der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der Spitzenverband der Lebensmittelindustrie, naturgemäß anders. „Lebensmittelsicherheit und Lebensmittelqualität in Deutschland und der Europäischen Union haben einen sehr hohen Standard erreicht“, sagte BLL-Vizechef Marcus Girnau der Berliner Morgenpost.

Industrie weist Vorwürfe zurück

Gerade die Diskussionen um das Freihandelsabkommen TTIP zeige den vorsorgenden Ansatz des deutschen und europäischen Lebensmittelrecht. „Von daher erstaunt uns die allgemeine, umfassende Kritik von Foodwatch am bestehenden Schutzniveau“, sagte Girnau. „Eine solche pauschale Diskreditierung des geltenden Rechtsrahmens erscheint unabhängig von unterschiedlichen politischen Auffassungen in Einzelfragen völlig unangemessen und wenig sachgerecht.“

Vertreter der Lebensmittelindustrie und von Foodwatch liefern sich seit Jahren harte Auseinandersetzung, zuletzt etwa um die so genannte Ampelkennzeichnung für Nährwerte in Lebensmitteln. Den Unternehmen werden nach Auffassung von Foodwatch zweifelhafte Praktiken zu leicht gemacht, beispielsweise bei Zusätzen. Obwohl etwa so genannte Azo-Farbstoffe in Eis und Süßwaren im Verdacht stünden, das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) auszulösen, seien sie nicht etwa verboten worden, sondern es müsse lediglich im Kleingedruckten der Verpackung darauf hingewiesen werden. „Wer den nicht sieht, hat Pech gehabt“, so Foodwatch. Dabei gebe es reichlich Alternativen zum Einfärben. Auch Dioxin-Tests seien trotz des großen Futtermittelskandals vor drei Jahren weiter lückenhaft.