Internet

E-Mails für Dich

Vor 30 Jahren erreichte die erste elektronische Nachricht Deutschland. Vier Autoren erinnern sich

Laura und Michael haben vor 30 Jahren Geschichte geschrieben: „Wir freuen uns, dich dabei zu haben“, hieß es in der ersten nach Deutschland geschickten E-Mail, die am 3. August 1984 in einem Keller in Karlsruhe eintraf. Heute freut sich Michael Rotert, dass er durch glückliche Umstände an dieser Pioniertat beteiligt war: „Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Um die E-Mail von Laura Breeden aus Cambridge im US-Staat Massachusetts empfangen zu können, musste er den ersten Mailserver in Deutschland einrichten.

30 Jahre nach dem Empfang der ersten E-Mail in Deutschland sind die elektronischen Nachrichten fest im Alltag der Menschen verankert. Kaum jemand bekommt nie eine E-Mail, wie eine repräsentative Umfrage des Instituts YouGov zeigt. Doch es gibt Anlässe, bei denen die meisten vor einer E-Mail zurückschrecken. Eine Trauerbotschaft per Mail zu verschicken, finden nur 18 Prozent der Befragten angemessen. 62 Prozent der rund 1000 Befragten sagten, sie erhielten bis zu 20 Mails am Tag. Bei gut einem Viertel sind es bis zu 50 Mails. Ein Zehntel bekommt sogar bis zu 100 oder mehr E-Mails pro Tag. Aber wie waren sie, die allerersten E-Mails? Vier Autoren erinnern sich.

Alles wegen Moni

Sie hieß Moni, hatte einen blonden Bubikopfhaarschnitt, ein strahlendes Lächeln und kannte sich sehr gut mit diesem spannenden, neuen Phänomen aus: dem Internet. Ihr Freund war bei Axel Springer als freier Mitarbeiter tätig und kümmerte sich um die Ausrüstung der „Bild“-Produktion mit Apple-Computern. Und die Wohnung des Paares sah aus wie ein physikalisches Versuchslabor. Handwerker mussten sogar eine Verstärkung des Fußbodens einziehen, damit die Last der versammelten Technik nicht aus dem dritten Stock in die darunterliegende Wohnung durchbrach.

Eines Tages stellte sie mir eine merkwürdige Frage: Wie ist eigentlich deine E-Mail-Adresse? Ich hatte keine Antwort zur Hand, weil ich im Frühjahr 1994 noch keine E-Mail-Adresse besaß. Ich wusste auch nicht, was das eigentlich bedeuten sollte. Aber aus purer Neugierde stürzte ich mich in einen tagelangen Kampf mit Modem, Kabeln, Apple-Computer und diversen Fachbüchern. IP-Adressen mussten eingetragen, komplizierte kleine Hilfsprogramme installiert werden. Das Modem machte diverse merkwürdige aber vielversprechende Geräusche. Aber das Eingangskörbchen, der Ort, wo diese neumodischen „Mails“ eigentlich eintreffen sollten, blieb leer. Über Stunden. Tage. Über eine Woche. Die Familie begann sichSorgen zu machen. Meine Laune war im Keller. Immer wieder installierte ich neu, begab mich in die Innereien des Betriebssystems meines Computers und des Modems. Dann wieder Studium diverser Fachbücher. „Mit dem Mac ins Internet“ hieß eins. Und endlich – nach tagelangen Wut- und Schweißausbrüchen – machte es „Ping“. Einfach nur „Ping“. Irgendetwas war in meinem Mailprogramm gelandet. Ich erstarrte. Meine erste Mail. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Ein Doppelklick und ich las: „Wenn du das hier lesen kannst, dann bist du im Internet. Grüße, Moni!“ Seitdem bin ich nicht mehr so richtig herausgekommen.

Frank Schmiechen

Der Ticker ratterte weiter

Es war 1994, ich hatte gerade in einer dpa-Redaktion als Redakteur angefangen. Agenturmeldungen wurden damals noch über Ticker verschickt, die in den Redaktionen auf speziellen Druckern ankamen, die rund um die Uhr laut ratterten, ähnlich charmant wie ein Maschinengewehr – pro Tag kamen da mehrere Meter Weltgeschehen auf Endlospapier zusammen.

Meine damalige Chefin hatte von dieser alten Technik genug und von irgendeiner neuen Technik irgendwas gehört. Sie beantragte deshalb bei der Geschäftsleitung „einen i-Mail-Anschluss“ für jeden Redakteur. Verstanden hatte man sie trotz des Sprachfehlers, kurz darauf bekamen wir unseren ersten dienstlichen E-Mail-Anschluss. Gebracht hatte das allerdings wenig: Aktuelle Meldungen ratterten weiterhin aus dem Ticker, und aktuelle Pressemitteilungen trudelten weiterhin per Post und Fax auf den Schreibtisch, jahrelang.

Sönke Krüger

Ausgedruckt und abgeschrieben

An meinen ersten Kontakt mit E-Mails erinnere ich mich noch gut. Es war 1997 in der Online-Redaktion der „Berliner Morgenpost“. Damals landeten alle Mails, die @morgenpost adressiert waren, auf meinem Rechner – ganz gleich, ob sie für die Sport- oder auch die Chefredaktion bestimmt waren. Klar, wir waren ja schließlich auch die Online-Redaktion.

Sofern ich die Mails nicht selbst bearbeiten konnte, druckte ich sie aus, steckte sie in Hauspostumschläge (die schon damals etwas altertümlich wirkten) und schickte sie an die betreffende Abteilung. Kam dann – oft Tage später – per Hauspost die Antwort, tippte ich sie ab, um sie per Mail zu versenden. Das klingt nach viel Arbeit – tatsächlich handelte es sich aber vielleicht um 30 Mails am Tag, ein Bruchteil dessen also, was ein einzelner Redakteur heute am Tag zu sichten hat.

Unter den elektronischen Briefen erreichten uns damals relativ viele von Lesern, die nach Kanada oder Australien ausgewandert waren und sich freuten, nun täglich Nachrichten aus ihrer Heimat lesen zu können. Und dass wir bei morgenpost.de schon früh an die Bedürfnisse blinder Leser gedacht hatten, sprach sich auch herum. So schrieb uns Kurt L. aus Aachen: „Ein Hallo an die Mitarbeiter der Berliner Morgenpost, vor allem aber an die Verantwortlichen für das Online-Angebot! Ich bin blind … und wurde von einem blinden Freund aus Premnitz auf Ihr Online-Angebot aufmerksam gemacht. Ich kann ganz einfach nur sagen: Ich bin begeistert. Durch Ihr Angebot ist es mir als blinder Leser erstmals möglich, mir den Inhalt einer kompletten Zeitung zugänglich zu machen und ich kann nur hoffen, dass das noch möglichst lange so bleiben wird …“

Nicole Steiner

E-Mail von Tim

Als ich morgens meinen Rechner im Büro hochfuhr, mich ins Intranet einloggte – Internet gab es 1996 noch nicht in unserem Sender – da erschien im sonst leeren Fenster meines Outlook-Programms (das gab es schon) eine Nachricht von Tim: „Hey Stephen, glad you’re kinda online at least!“ („Hi Stephen, schön, dass wenigstens du online bist!“) Tim arbeitete in Tucson in Arizona. Seine Frau Gretchen, die meine Frau und ich noch aus Schulzeiten kannten, hatte mich bei einem Telefonat nach meiner E-Mail-Adresse gefragt. Weil die gerade in unserer Firma eingerichtet worden war, gab ich sie ihr.

Und am nächsten Tag, das muss Anfang März gewesen sein, kam die Mail von Tim. Das war mein erster Mail-Kontakt überhaupt – und gleich in die Staaten. Weitere Adressen dort hatte ich nicht. Deshalb musste Tim für uns einige Hotelreservierungen erledigen – für die Reise, die wir im Mai zu unserem ersten Hochzeitstag gemacht haben. An die Westküste, nach Las Vegas und natürlich auch nach Tucson zu Gretchen und Tim.

Stephan Maaß