Unternehmen

Trügerischer Gewinnsprung bei Siemens

Der Konzern verdient mehr, aber auch der neue Chef kämpft mit Projektverlusten

Joe Kaeser kann seinem Vorgänger Peter Löscher danken. Der frühere Siemens-Chef startete ein Kostensenkungsprogramm bei dem Elektrokonzern, von dem sein Nachfolger jetzt profitiert. Der seit einem Jahr an der Konzernspitze stehende Kaeser präsentierte bei der Vorlage der Quartalszahlen einen imposanten Gewinnsprung. Unter dem Strich stehen im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 1,399 Milliarden Euro Gewinn. Das sind 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Hauptgrund sind jedoch Basiseffekte, weil im Vorjahr gut 400 Millionen Euro Restrukturierungskosten in das Quartal gepackt wurden. Siemens-Chef Kaeser gab zu, dass beim Herausrechnen aller Sondereffekte das Ertragsniveau tatsächlich stagnierte. Dennoch ist er damit zufrieden. Schließlich sei es gelungen, bei einem stagnierenden Umsatz von rund 58 Milliarden Euro in den ersten neun Monaten die Währungsbelastungen, Kostensteigerungen und den Preisverfall aufzufangen.

Dabei zeigt sich, dass Siemens nach wie vor eine große Baustelle ist. Kaeser hat noch mit erheblichen Altlasten zu kämpfen. „Die Firma hat ihre Herausforderungen in der operativen Abarbeitung von Projektaufträgen. Das ändert sich nicht von einem Tag, oder einem Quartal, oder einem Jahr auf das andere“, nennt der 57-jährige als Erklärung. Er ist angetreten, den Konzern in einem riesigen Umbauprojekt fitter und schlanker zu machen und den Renditerückstand zu Wettbewerbern wie General Electric aufzuholen.

Kaeser will Siemens durch klare Zielvorgaben besser führen als sein Vorgänger, der nach dem mehrfachem Verfehlen von Renditezielen gehen musste. In der Ära Löscher wurden offensichtlich mit dem Ziel möglichst viel Umsatz zu erzielen, riskante Aufträge hereingeholt. So bezifferte Kaeser die Gesamtbelastungen aus unrentablen Projekten im abgelaufenen Geschäftsjahr 2013 erstmals auf 1,3 Milliarden Euro. Es sei schon ein Erfolg, wenn diese Sonderbelastungen im Geschäftsjahr 2014 auf 600 bis 700 Millionen Euro sinken.

Wie Kaeser sagte, steht die umsatzgrößte Sparte Energie „vor anhaltenden Herausforderungen in den nächsten Quartalen“. Dort gibt es also noch keine Entwarnung. In der Sparte sank der Gewinn im dritten Quartal von 430 auf 405 Millionen, weil der Umsatz um acht Prozent auf 6,1 Milliarden Euro sank. Zudem gab es wieder Verlust aus einem Projekt. Diesmal 128 Millionen Euro aus der Netzanbindung eines Offshore-Windparks. Deutlich mehr Gewinn erzielte die Industrie- und Infrastruktursparte, während die bisherig Vorzeigesparte Gesundheit durch Währungseffekte etwa unter Druck kam. Für das Geschäftsjahr 2014 hält Siemens an seiner Prognose fest, wonach der Gewinn um mindestens 15 Prozent zulegen soll, bei einem stagnierenden Umsatz. Isoliert für das dritte Quartal betrachtet lag der Umsatz mit 17,9 Milliarden Euro um vier Prozent unter dem Vorjahr und der Auftragseingang ging um drei Prozent auf 19,4 Milliarden Euro zurück.

Über die Folgen aus der Russland-Krise im nächsten Geschäftsjahr 2015 wollte Kaeser nicht spekulieren. Dabei steht jetzt schon fest, dass es insgesamt ein Jahr des Umbaus wird. Ab 1. Oktober gibt es eine interne Neuaufstellung, mit dem Wegfall von Verwaltungsebenen. Vom Umbau sind 11.600 Beschäftigte betroffen. Wie viele tatsächlich ihren Arbeitsplatz verlieren, ist noch offen. Nach einer Vereinbarung mit den Arbeitnehmervertretern sind Kündigungen praktisch ausgeschlossen.