Untreueprozess

Middelhoff fühlt sich nach Fenstersprung als Sieger

Prozess gegen den Ex-Karstadt-Chef bietet Einblicke in Leben des Managers

Kommt er oder kommt er nicht? Am Montag erschien er nicht, der Gerichtsvollzieher, und Thomas Middelhoff konnte nach der Verhandlung in seinem Untreue-Prozess den beträchtlichen Niveauunterschied zwischen dem ersten Stock des Landgerichts Essen und der Straßenebene mithilfe der Treppe überwinden, statt sich, wie am Freitag zuvor, am Regenrohr hinab zu hangeln und über Garagendächer zu klettern. Noch drei Tage zuvor hatte der frühere Karstadt-Quelle-Chef in diesem Gebäude das ablegen müssen, was landläufig „Offenbarungseid“ heißt und Menschen droht, denen die Schulden über die Ohren gewachsen sind. An diesem Montag geht es weiter im Untreue-Prozess.

Mit privaten Charter- und Hubschrauberflügen soll der frühere Top-Manager den pleite gegangenen Einzelhandelskonzern um 1,1 Millionen Euro geschädigt haben, werfen ihm die Staatsanwälte vor. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft. Und Middelhoff? Gibt sich gut gelaunt, steckt wie immer im tadellosen blauen Anzug, hinkt nicht nach dem Sprung vom Garagendach. Er fühlt sich im Gegenteil als Sieger, der seinen Widersachern gekonnt ein Schnippchen geschlagen hat.

Die Zurückhaltung, mit der Spitzenmanager ihre Konflikte sonst öffentlich kommentieren, hat er abgelegt, soweit es die Rechtslage erlaubt. Hier kämpft ein Mann um seine Reputation. Roland Berger, der Unternehmensberater und frühere Geschäftspartner, habe die Presse über den Vorgang am Freitag informiert, um den Druck auf ihn zu erhöhen. Berger, der von Middelhoff aus einer früheren Geschäftsbeziehung 6,8 Millionen Euro fordert, hat seine Zurückhaltung bisher nicht abgelegt, oder nur ein bisschen.

Derweil geht es in Middelhoffs Untreue-Prozess weiter mit mühsamer Detailarbeit. Aus Beweisgründen, so heißt das vor Gericht, werden stundenlang Verträge und Verordnungen vorgelesen. Beispielsweise Passagen aus Middelhoffs Anstellungsvertrag als Vorstandschef vom 12. Mai 2005. Der Richter rasselt Einzelheiten herunter, so das Monatsfestgehalt von 47.000 Euro plus Tantiemen und anderer Vergütungsbestandteile. Überaus detailliert geht es auch um die Arcandor-Dienstwagenordnung. So nimmt das Gericht zur Kenntnis, dass Parkgebühren bei Arcandor nicht in den Leasingraten des Fuhrparks enthalten waren. Oder dass die Direktoren-Ebene von S-Klasse auf Audis umsteigen musste, als es Arcandor immer schlechter ging.

Als Zeuge tritt diesmal nur Middelhoffs Fahrer auf. Der wartet, trotz Liquiditätsengpass, ohnehin gerade draußen. Von ihm erfährt man unter anderem, dass Middelhoffs – und seine – Arbeitstage schon mal 15 oder 16 Stunden dauerten und dass man am berüchtigten Kamener Kreuz, als es umgebaut wurde, gerne mal zwei Stunden oder mehr im Stau stand.

Das ist Pendlern zwar nicht neu, aber wichtig für Middelhoff, um zu begründen, warum Hubschrauberflüge von seinem damaligen Wohnort Bielefeld zur Konzernzentrale nach Essen dienstlich waren und kein privater Spaß. Alles andere als Hubschrauber wäre angesichts des Verkehrschaos’ geradezu unverantwortlich gewesen, setzt Middelhoffs Anwalt Winfried Holtermüller eins drauf: „So darf man seinen Tag als Vorstandsvorsitzender nicht einrichten. So kann man seine Pflicht nicht erfüllen.“

Zwischendurch fragte der Vorsitzende Richter den Fahrer auch, wie oft Middelhoff noch in Bielefeld ist – und wie oft in seiner ersten oder zweiten Heimat St. Tropez. Das ist nicht ganz unwichtig für die Zustellung von amtlichen Schriftstücken. Deshalb kommt auch der Gerichtsvollzieher schon mal zu den Verhandlungen im Untreue-Prozess, denn da ist die Zustellung gesichert. Gelegenheit dazu hat er nach dem jetzigen Verhandlungsplan noch an 16 Verhandlungstagen bis Ende Oktober. Dann soll das Urteil ergehen.