Recht

Mit dem Arbeitszimmer Steuern sparen

Bundesfinanzhof muss die Absetzbarkeit eines Büros in der Wohnung neu verhandeln. Millionen Arbeitnehmer könnten davon profitieren

Bislang gilt: Nur, wer komplett von zu Hause aus seinem Beruf nachgeht, kann sein Arbeitszimmer voll bei der Steuer absetzen. Wer an keinem anderen Ort als zu Hause einen Schreibtisch hat, darf sein Homeoffice wenigstens eingeschränkt geltend machen. Genauer gesagt: Bis zu 1250 Euro im Jahr. Bei den meisten Beschäftigten ist jedoch null Steuerspar-Chance drin.

Weil das Arbeitszimmer im Gesetz nicht näher definiert wird, müssen Gerichte immer wieder über Grenz- und Einzelfälle entscheiden. Für Aufsehen sorgte jetzt ein streitbarer Pfarrer, der bis vors höchste Finanzgericht zog, um den Bonus abgesegnet zu bekommen. Womöglich können bald sogar Millionen Bürger von einem Musterprozess in anderer Sache profitieren. Der Bundesfinanzhof (BFH) muss klären, ob eine Aufteilung der Kosten fürs Arbeitszimmer in eine berufliche und private Nutzung zulässig ist. Und ob auch Arbeitsecken künftig zählen. Wer sein Arbeitszimmer in der nächsten Steuererklärung ansetzen möchte, sollte sich ruhig einmal näher mit den „Ausnahmen“ befassen. „Es gibt zunehmend Einzelfälle, die steuerlichen Spielraum eröffnen“, sagt Uwe Rauhöft, Geschäftsführer des Neuen Verbands der Lohnsteuerhilfevereine (NVL) in Berlin. Passt die eigene Situation zur jeweiligen Gerichtsentscheidung, kann sich Nachhaken lohnen. Wie vielleicht im Fall des Pfarrers.

„Ganz oder gar nicht“ gilt nicht

Der Geistliche wollte ein Arbeitszimmer in seiner Wohnung im Obergeschoss des Pfarrhauses absetzen. Beim Finanzamt biss er jedoch auf Granit, weil ihm eigentlich ein Amtszimmer im Erdgeschoss zur Verfügung gestellt worden war. Der Raum war wegen Baumängeln aber nicht nutzbar. Grundsätzlich gilt: Ein Arbeitnehmer darf die Kosten für sein Homeoffice mit bis zu 1250 Euro ansetzen, wenn ihm für seine berufliche Tätigkeit kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Ein „anderer Arbeitsplatz“ ist nach Rechtsprechung des Bundesfinanzhofes (BFH) aber jeder Arbeitsplatz, der zur Erledigung von Büroarbeiten geeignet ist.

Der VI. Senat des BFH entschied nun, dass ein Raum dann ungeeignet ist, wenn wegen Sanierungsbedarfs Gesundheitsgefahr besteht. Und dass ein Arbeitnehmer bei der Ausgestaltung eines „anderen Arbeitsplatzes“ das Direktionsrecht des Arbeitgebers beachten muss, wie der Kieler Steuerberater Jörg Passau, Vizepräsident des DUV (Deutscher Unternehmenssteuer Verband) erläutert (Az.: BFH, VI R 11/12).

Dass viele Berufstätige überhaupt wieder einen Teil der Arbeitszimmerkosten von bis zu 1250 Euro absetzen können, hatte vor vier Jahren ein Hauptschullehrer erstritten. Von 2007 bis 2010 gab es nur die Regelung: Ganz oder gar nicht.

Inzwischen ist wieder ein gedeckelter Teilabzug drin. Das Finanzamt muss Ausgaben bei denen anerkennen, die für ihre betriebliche oder berufliche Arbeit daheim ein Arbeitszimmer haben, weil es dafür woanders einfach keinen Arbeitsplatz gibt. Davon profitieren beispielsweise die unzähligen Außendienstmitarbeiter, Versicherungsmakler und Freiberufler. Außerdem die meisten Lehrer: Kaum einer außer dem Schulleiter hat ein eigenes Büro in der Schule. Auch Steuerzahler, die in Aus- oder Fortbildung sind, ein Fernstudium oder sonstige Weiterbildungsmaßnahmen durchziehen, könnten ihren heimischen Arbeitsplatz absetzen, so Rauhöft.

Gleiches gilt für den, der im Heimbüro während der Elternzeit oder Arbeitslosigkeit für den künftigen Job lernt. Oder der Schlosser, der im Nebenberuf Versicherungen verkauft und daheim Papierkram erledigen muss, sowie Beschäftigte, die zu Hause noch Aufsätze schreiben oder Bücher. Was aber ist mit Arbeitnehmern, die einen Pool-Arbeitsplatz in der Firma haben – also einen Schreibtisch mit anderen teilen müssen? Auch sie profitieren neuerdings von einer Einzelfallentscheidung. Das Finanzgericht Düsseldorf urteilte, dass Kosten bis zu 1250 Euro absetzbar sind, wenn sich acht Leute in einer Dienststelle drei Arbeitsplätze teilen müssen (Az.: 10 K 822/12 E). Außerdem darf ein Oberarzt, der nebenbei als Erfinder arbeitet und verdient, die Kosten für Büroräume im Obergeschoss seines Zweifamilienhauses als Betriebsausgaben bis zum Kostendeckel absetzen, wie der BFH entschied (Az.: VIII R 7/10). Hat ein angestellter Berufsmusiker kein Übungszimmer im Opernhaus, kann er ebenfalls den Steuerbonus für den Raum daheim einstreichen.

Ein Herz für Arbeitnehmer mit Homeoffice zeigte vor einigen Monaten die Oberfinanzdirektion Münster, wie die Vereinigte Lohnsteuerhilfe erläutert. Ist der Heimarbeiter an mindestens drei Wochentagen von zu Hause aus tätig und sind die Arbeiten in den eigenen vier Wänden die gleichen wie am Schreibtisch in der Firma, darf er seine Kosten fürs Heimbüro unbegrenzt in die Steuer packen, wie eine Verfügung der OFD Münster klarstellt. Ist das Heimbüro klar Dreh- und Angelpunkt der gesamten beruflichen Tätigkeit wie etwa bei freiberuflichen Berufsmusikern, wird es immer voll anerkannt. Auch Hausfrauen und -männer können alle ihre Kosten ansetzen, wenn sie etwa mit dem Verkauf von Versicherungen, Kosmetik oder anderem etwas dazu verdienen. Ebenso Rentner mit Nebenjob. Aber aufgepasst, wenn der Raum klein oder ungünstig geschnitten ist: Durchgangszimmer erkennt das Finanzamt meist nicht an (Az.: BFH, VI R 180/82), es sei denn, es führt zu weniger genutzten Räumen wie zum Schlafzimmer (VI R 69/85).

Auch Arbeitsecken geprüft

Mit Spannung erwartet werden in diesem Jahr gleich mehrere BFH-Urteile, die vor allem Millionen von Angestellten betreffen, die daheim auch Berufliches erledigen. Bislang hatten Steuerzahler, die ihr Heimbüro mehr als zehn Prozent privat nutzen, keine Chance beim Finanzamt, wie Rauhöft erklärt. Lassen die höchsten Finanzrichter aber zu, dass auch ein teilweise privat genutztes Arbeitszimmer absetzbar ist, könnten unzählige Bürger profitieren. Geklagt hat ein Selbstständiger, der sein zu 60 Prozent beruflich genutztes Arbeitszimmer geltend machen will (Az.: IX R 23/12).

Außerdem auf dem Prüfstand: Die Klage des Besitzers einer Autowerkstatt, der im Wohn- und Esszimmer eine Arbeitsecke mit Schreibtisch eingerichtet hat und dort auch Kundengespräche führt. 50 Prozent der Mietkosten für das Zimmer will er geltend machen (Az.: X R 32/11). Und dann muss der BFH noch klären, ob der Steuerbonus von 1250 Euro lediglich für den Raum gilt – oder ob er einem Ehepaar, das sich ein Heimbüro teilt, pro Person zusteht (Az.: VI R 53/12). Bis die Entscheidungen gefallen sind, sollten Heimarbeiter den beruflichen Anteil fürs Homeoffice oder die Arbeitsecke in die Steuererklärung eintragen und die Musterprozesse abwarten.