Unternehmen

„Am Ende wird das Unternehmen besser dastehen“

Mit dem großen Konzernumbau liegt ein turbulentes erstes Jahr hinter Siemens-Chef Joe Kaeser. Doch der Wettbewerb bleibt hart

In seinem ersten Jahr an der Siemens-Spitze hat Joe Kaeser sich und dem Unternehmen viel abverlangt. Vom größten Konzernumbau seit Jahren über den Milliarden-Poker um Alstom bis zu neuen Übernahmespekulationen – es war und ist ständig etwas in Bewegung bei dem Elektroriesen mit seinen rund 360.000 Beschäftigten. Viel Zeit für eine Verschnaufpause bleibt Kaeser deshalb auch zu seinem Jahrestag am 1. August nicht. Denn erst in Zukunft wird sich zeigen, ob er mit der angestoßenen Neuordnung richtig lag und der Siemens-Konzern der Konkurrenz künftig wieder besser Paroli bieten kann.

Durchsetzungsstärke hat der Niederbayer spätestens mit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr bewiesen. Nach Führungschaos und Machtgerangel im Aufsichtsrat übernahm Kaeser an einem heißen Sommertag den Chefposten von seinem Vorgänger Peter Löscher, der über die zweite Gewinnwarnung innerhalb weniger Wochen gestürzt war. Rasch wieder Ruhe und Ordnung ins Unternehmen bringen, lautete Kaesers Notfall-Rezept für den gebeutelten Konzern. Doch so ganz wollte das erst einmal nicht gelingen: Neben einer Gehaltsaffäre um den früheren Siemens-Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler sorgte auch der überraschende Abgang von Vorstandsfrau Brigitte Ederer für Wirbel in den ersten Monaten.

Auch Investoren scharrten deshalb zeitweise ungeduldig mit den Hufen und verlangten rasch einen konkreten Fahrplan von dem Top-Manager, der mit viel Vorschusslorbeeren vom Kapitalmarkt gestartet war. Kaeser lieferte Anfang Mai zur Halbjahresbilanz: Schlanker, effizienter und näher am Kunden soll Siemens durch den Umbau werden. Die Sektorenstruktur hat ausgedient, die Zahl der Divisionen wird reduziert, die Medizintechnik verselbstständigt. Das Konzept dürfte tausende Jobs kosten – wie viele genau, steht bisher nicht fest. Als zukunftsträchtige Geschäftsfelder hat Kaeser die Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung im Fokus. Mit dieser „Vision 2020“ wüssten die Mitarbeiter, woran sie sind, „weil die Richtung und die Prioritäten klar beschrieben sind“, hebt Kaeser selbst hervor. „Am Ende wird das Unternehmen besser dastehen und größer sein.“ Aber auch ein bisschen Selbstkritik mischt sich in seine Zwischenbilanz: „Rückblickend würde ich die Neuausrichtung rascher implementieren“, sagt Kaeser. Zumal das Tagesgeschäft weiterhin vollen Einsatz erfordert: Laut „Börsen-Zeitung“ sollen im dritten Geschäftsquartal, dessen Ergebnisse Kaeser kommenden Donnerstag vorstellt, Belastungen in dreistelliger Millionenhöhe im Stromübertragungsgeschäft angefallen sein.

Für die meisten Schlagzeilen sorgte in Kaesers erstem Jahr aber das Gerangel um Alstom, bei dem sich der Elektrokonzern selbstbewusst wie lange nicht zeigte: Als Ende April die Übernahmepläne des Siemens-Rivalen General Electric (GE) für Alstom bekannt wurden, warf Kaeser sofort den Hut in den Ring und tüftelte in wochenlangem Dauereinsatz ein Angebot aus, mit dem sich Siemens nur die Filetstücke der Franzosen gesichert und Risiken vom Hals geschafft hätte. Auch wenn General Electric letztlich das Rennen machte, konnte Kaeser mit einem Lächeln vom Platz gehen: Der US-Konkurrent musste nicht nur mehrfach seine Offerte nachbessern, sondern hat nun auch noch den französischen Staat als Großaktionär bei Alstom mit im Boot sitzen – was als wenig komfortabel gilt.

Die Strategie kommt an

Genauso wichtig dürfte Kaeser aber sein, dass sich Siemens wieder einen großen Deal zugetraut hat. Lange Zeit steckte dem Elektroriesen der überteuerte Kauf des US-Medizintechnik-Unternehmens Dade Behring in den Knochen, und auch das israelische Solarunternehmen Solel erwies sich als teurer Fehlgriff. Doch mittlerweile scheint der Appetit auf Akquisitionen zurückgekehrt zu sein. So war zuletzt im „manager magazin“ von Kaufabsichten für den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand zu lesen. Siemens schweigt dazu bisher.

Bei Experten kommt Kaesers bisherige Strategie gut an. „Ich bin positiv überrascht, es hätte deutlich schlechter aussehen können nach dem Jahr“, sagt Gunther Friedl, Experte für Unternehmenssteuerung an der Technischen Universität München. Jetzt müsse die Neuausrichtung aber auch aufgehen, ergänzt er auch mit Blick auf die Konkurrenz. So dürfte der Alstom-Deal für einen härteren Wettbewerb im Energiegeschäft auch auf dem Heimatmarkt des Elektrokonzerns sorgen. „Das wird Siemens schon zu spüren bekommen“, erwartet Friedl.