Weltmeister

120 Minuten Berlin

Hoffen und Warten auf den erlösenden Moment: Wenn die Sekunden nicht vergehen wollen – die Stadt im Finale-Fieber

Sekunden wie Stunden und Minuten, die sich wie Tage anfühlen. Die Berliner fieberten mit, ob nun auf dem Fanfest mit 250.000 anderen, im 11 Freunde WM-Quartier, in der Alten Försterei oder in der Stammkneipe der hiesigen Argentinier. Die Morgenpost-Reporter waren dabei. Und stoppten die Zeit.

Anpfiff, 11 Freunde WM-Quartier am Postbahnhof in FriedrichshainDer Himmel ist pünktlich zum großen Auftritt der deutschen Elf wieder aufgeklart. Die Fans auf der Tribüne applaudieren laut. Weiße Trikots und pinkfarbene Regenjacken. Doch Alejandro Sossa ist in Blau-Weiß gekommen. Er ist in Berlin geboren und aufgewachsen, und trotzdem hält er zu Argentinien, dem Land aus dem seine Familie stammt. Warum? Zwei Gründe: „Ich finde, bei einer südamerikanischen WM sollte ein südamerikanisches Land den Pokal in den Händen halten“, sagt er. Außerdem findet er, dass ein Land den Titel verdient hat, dem es im Alltag nicht so gut geht. „Ach, und Maradona ist ein Fußballgott.“

1. Minute, Fanmeile in Tiergarten Als Schiedsrichter Nicola Rizzoli aus Italien endlich den Ball freigibt, entlädt sich die nervöse Aufregung auf der Fanmeile in erleichtertem Jubel. Die Besucher haben gleich zwei Gründe zur Freude. Zum einen: Sie sind da. Schon drei Stunden vor Anpfiff sind alle Eingänge dicht, nur an der Siegessäule geht noch etwas. Weil die Polizei das Areal weiträumig abgesperrt hat, ist ein 45-minütiger Fußmarsch vom Brandenburger Tor nötig. Um 19.15 Uhr teilen die Veranstalter mit: Die Meile ist voll, keiner kommt mehr rein. Der zweite Grund: Es hat aufgehört zu regnen. Endlich. Nur ein paar Jungs aus Kleinmachnow sind enttäuscht. Sie haben sich extra aufblasbare, schwarz-rot-goldene Gladiatorenhelme als Kopfbedeckung gekauft. Die sind jetzt überflüssig. Lachen können sie trotzdem – über zwei argentinische Fans, denen die nassen Trikots noch immer am Körper kleben: „Macht ihr hier Wet-Trikot-Contest, oder wie?“

4. Minute, Esso-Tankstelle an der Sonnenallee Scharif Saqroni und Aykut Portakal schauen zur Decke – dort hängt der Fernseher. „Ruhe vor dem Sturm“, freuen sich die beiden Mitarbeiter. „Jetzt kommen erst mal nur wenige Kunden.“ Die beiden haben die Nachtschicht, müssen bis sechs Uhr morgens an der Kasse stehen. „Wenn Deutschland gewinnt, näh’ ich mir ’nen vierten Stern auf meine Uniform“, scherzt Aykut. „Puh, dann ist hier aber die Hölle los“, stöhnt sein Kollege. „Dann kommen die Leute die ganze Nacht, um Bier-Nachschub zu holen.“

8. Minute, Alt Berliner Biersalon am KurfürstendammMessi wird bei seinem Angriff ausgebuht. Die meisten der 1500 Fußballfans im Biersalon tragen Trikot oder sind zumindest in Schwarz-Rot-Gold geschminkt. Jeder Angriff, jede noch so kleine Torchance der Deutschen wird bejubelt.

10. Minute, 11 Freunde WM-QuartierVorne in der ersten Reihe steht Nick. Direkt vor dem Bildschirm, deutsche Flagge um die Schultern, grüne Sonnenbrille auf der Nase. „Seit 17 Uhr bin ich hier“, ruft er. Er wollte unbedingt den Platz in der ersten Reihe.

11. Minute, Gloria-Bar am Görlitzer Park Weil es im traditionellen Treffpunkt der Argentinier so voll ist, haben sich Koch Leandro im blau-weißen Argentinien-Trikot und Service-Mann Danny im Deutschland-Shirt einen Platz draußen unterm Zeltdach gesichert: Als Messi eine Tor-Chance vergibt, stöhnt Leandro auf, Danny pustet erleichtert. Was sie sich wünschen? Eine schöne Feier nach dem großen Spiel, bei der sie gemeinsam Empanadas essen und Bier trinken können. Die gefüllten Teigtaschen, eine argentinische Spezialität, sind heute in der Bar das am häufigsten verkaufte Gericht.

18. Minute, Alte Försterei in Köpenick Seit dem Foul an Christoph Kramer ist Hitze im Stadion. „Auf geht’s, Deutschland, schieß ein Tor“ hallt es von der Tribüne und von den Sofas im Innenraum. Beste Stadion-Atmosphäre im Fußball-Wohnzimmer.

20. Minute, Fanmeile Auf der Hauptbühne drängeln sich mindestens 50 internationale Fotografen und Kameraleute. Sie beobachten das Berliner Publikum genau, doch das ist mindestens genauso international. „Ohhhh!“ ruft die Menge, als Deutschland beinahe ein Tor kassiert.

20. Minute, Quasimodo an der Kantstraße Eine riesige Leinwand steht auf der Terrasse, die bis auf den letzten Platz besetzt ist. Die Kellnerinnen sind im Laufschritt unterwegs, um alle Fans zu versorgen. Die Mienen sind konzentriert, man schweigt und berät sich leise, einige Zuschauer tragen schon einen bedenklichen Blick. Auch die vier Freunde Marvin, Paul, Paul und Paul aus Eberswalde. Die Abiturienten wollten eigentlich auf die Fanmeile, aber die war schon dicht. Bei der zweiten Torchance für Argentinien Entsetzensschreie. Paul hat nur einen Kommentar: „Scheiße!“ Aber sie sind überzeugt, dass Deutschland gewinnt.

24. Minute, Hermannplatz in Neukölln Dragan Manik starrt auf den kleinen rechteckigen Monitor rechts neben dem Lenkrad. Bisher keine Anzeige. Der Busfahrer der Linie 344 steht an der Endhaltestelle und wartet. „Fernseher und Radio sind streng verboten“, erklärt er. Aber die BVG hat sich einen Extra-WM-Ticker für ihre Mitarbeiter ausgedacht: „Wenn ein Tor fällt, gibt uns die Leitstelle das Ergebnis durch, das erscheint dann hier auf dem Bildschirm.“ In zwei Minuten muss er los, die nächste Strecke fahren. „Es stehen ja viele Fernseher draußen. Ab und zu gelingt es mir schon, beim Vorbeifahren einen Blick aufs Geschehen zu werfen.“

27. Minute, Quasimodo Chance für Müller: Paul springt auf, schreit schon fast „Tor“ und wirft seine Cola um. Egal. „Wenn einer ein Tor macht, dann ein Bayern-Spieler“, sagt er: „Wir sind alle Bayern-Fans.“

30. Minute, Gloria-Bar Eine Kneipe im argentinischen Ausnahmezustand, alles jubelt, ohrenbetäubender Lärm, blau-weiße Fahnen überall. Luciano, 13, aus Buenos Aires kann vor Glück nicht sprechen. Dann die Enttäuschung: Die Fahne ist oben. Abseits.

30. Minute, Fanmeile Stille, geschockte Gesichter: Auf der Leinwand sieht man Gonzalo Higuain, wie er in Ekstase über das Spielfeld rennt. Der Argentinier hat gerade eben ins deutsche Tor getroffen, das kann nicht wahr sein! Sekunden vergehen, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Dann brandet Jubel auf. Auf der Leinwand ist nun zu erkennen, wie der Linienrichter seine Fahne hebt. Abseits. Doch den Pfiff zuvor haben die Besucher am westlichsten Zipfel nicht gehört. Die Lautsprecher reichen nicht bis hier hin, die Fans müssen ohne Kommentar, Stadionatmosphäre – und eben ohne Schiedsrichterpfiffe auskommen. „Meine Nerven“, murmelt ein Fan und schüttelt den Kopf, „meine Nerven“. Er hätte sich weiter nach vorn drängeln sollen.

38. Minute, Alte Försterei Das Sofa wird nicht mehr verschrottet. Jan und Sophie tätscheln ihre Plüschcouch. „Wenn wir das hier zusammen durchgemacht haben, darf es erst mal wieder ins Gästezimmer“, sagt Jan. Einen Monat lang haben sie den Weg ins Finale hier gesehen. „Es hat uns schon Glück beim Abseitstor gebracht, so etwas schmeißt man nicht weg.“

39. Minute, Gloria Messi vergibt eine hochkarätige Chance. Ein lautes „Mamma Mia“ kommt aus vielen argentinischen Kehlen

40. Minute, Fanmeile Vier Rettungsleute bahnen sich den Weg durchs dichte Gedrängel vor der Hauptbühne. Während Messi aufs deutsche Tor zielt, erfinden die Umstehenden einen eigenen Chor: „Rettungsgasse, Rettungsgasse, hey, hey, hey.“ Wenig später eskortieren die Rettungsleute eine geschwächt aussehende Frau nach draußen. Der Regen, der Alkohol und das Gedränge sind für manche Fans zu viel.

44. Minute, Back-Shop-Kiosk an der Görlitzer Straße in Kreuzberg Hier sind die Sympathien für die Mannschaften fair verteilt. Jetzt Ecke für Ecke für Deutschland – doch aus der klaren Chance wird nichts. Ein Stöhnen geht durch die Reihen der tapferen Menschen, die unter einem Regendach auf dem Bürgersteig vor dem Späti das Geschehen verfolgen. Eugenia, die vor dem Spiel auf ein 8:0 für Jogis Jungs getippt hatte, ändert mit dem Halbzeitpfiff Ihre Meinung: „Das nehme ich zurück, so leicht wie beim letzten Mal wird das nicht.“ Späti-Chef Aydin Atmaca, der eine Deutschlandfahne auf der Wange hat, berichtet von „Super-Stimmung“ und eilt schnell in den Laden, um in der Pause Bier, Milch und Chips an seine Kunden zu verkaufen. Morgenpost-Fotograf Massimo Rodari ist vom spannenden Geschehen so erhitzt, dass er sich ein Eis aus der Truhe greift. Bei diesem Wetter bleibt er der Einzige.

45 . Minute, „Herthaner“ an der Weserstraße in Neukölln „Das darf doch nicht wahr sein! Schon wieder Abseits.“ Rosel versenkt wütend ein Pilsglas im Spülwasser. „Unsere Jungs schlagen sich gut, aber der Schiri ist nicht fair“, findet die Besitzerin des „Herthaner“. Rosel hat sich fürs Finale Ohrringe mit Deutschlandfahne darauf gebastelt, auf ihrem Trikot steht ihr Name und die Nummer 1. Mit drei Leinwänden, zwei Fernsehern und reichlich Deko in Schwarz-Rot-Gold hat sie ihre Fankneipe ausgestattet. Noch immer 0:0. Rosel ist angespannt. „Wenn das erste Tor fällt, bleibt hier alles stehen und liegen. Dann schenk' ich nur noch Schnäpse aus.“

45. Minute, Fanmeile Eine Gruppe junger Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren aus Schöneberg unterstützt die Spieler auf ihre Weise. Thomas Müller? „Ist ein geiler Typ!“ Mats Hummels? „Auf jeden Fall ein geiler Typ!“ Manuel Neuer? Na, was wohl... Als der arme Benedikt Höwedes kurz vor der Halbzeit an den Pfosten köpft, haben sie auch für ihn aufmunternde Worte: „Du bist trotzdem ein echt geiler Typ!“ Wäre ja auch Abseits gewesen. Nur mit der Leistung von Trainer Joachim Löw sind die jungen Damen nicht so ganz zufrieden. „Löw“, ruft eine von ihnen, „steh doch nicht so da rum. Du solltest deine Jungs anfeuern wie ein Löwe!“ Dann besinnt sie sich. Natürlich sei ja auch der Jogi für sein Alter noch ein echt geiler Typ. Dafür gibt es Szenenapplaus der Umstehenden.

Halbzeit, Alte Försterei Marko Rehmer, Ex-Nationalspieler, der für Union gespielt hat, schaut in der Halbzeit auf die Sofas und sorgt sich um den Zustand des Platzes. „Hoffentlich wird der alte Rasen hier rausgerissen und für die nächste Saison neu gemacht.“

46. Minute, Wasserwerk Tegel „Das war die heftigste Halbzeit bisher“, sagt Oliver Walbert, Schichtleiter im Wasserwerk. Weil in der Pause alle Zuschauer gleichzeitig zur Toilette rennen und dann plötzlich der Wasserdruck weg ist, muss Walbert rechtzeitig zusätzliche Pumpen anfahren. Das dauert etwa eine Minute, deshalb muss der Techniker sehr schnell sein, wenn der Schiedsrichter pfeift. „Wir hatten ein paar Probleme, haben aber alles in den Griff gekriegt.“ Eine große Pumpe, die 4500 Kubikmeter Wasser extra in die Berliner Leitungen fließen lässt, ist nun im Einsatz. Walbrecht hofft, dass in der zweiten Hälfte eine Entscheidung fällt. „Wenn es in die Verlängerung geht, können wir nicht genau absehen, wann Ende ist. Dann haben wir hier richtigen Stress.“

48. Minute, Ostbahnhof in FriedrichshainKurz vor Anstoß war es hier noch brechend voll. Viele hatten sich vor dem Regen untergestellt und verzweifelt versucht, ein Taxi zu finden. Jetzt ist der Bahnhof menschenleer. Nur Obdachlose sitzen vor der Tür um ein Radio. Es läuft Fußball.

55. Minute, Alt Berliner Biersalon 1500 Fans skandieren „Deutschland!“ Es wird getrötet, die Leute stehen mittlerweile auch auf dem Gehweg bis zum Bordstein. Die meisten Gesichter sind noch fröhlich. Doch Donny aus den Niederlanden ist besorgt. „Deutschland hat das beste Team der WM“, sagt er, „aber dieses Spiel ist schwierig. Sie spielen das Spiel der Argentinier, nicht ihr eigenes wie gegen Brasilien.“

57. Minute, Video-World-Filiale am Kottbusser Damm in Neukölln: Der Laden, sonst voller Filmliebhaber, ist leergefegt. Eine einzige Kundin sei seit Spielbeginn gekommen, um sich eine DVD auszuleihen, sagt der junge Mitarbeiter am Tresen: die zweite Staffel der Krimi-Serie „Kommissarin Lund". Tagsüber, so der Mitarbeiter, habe es einen ganz normalen Sonntagsbetrieb gegeben. Erst seit Spielbeginn ist das Interesse an Filmen komplett verschwunden.

60. Minute, Fanmeile „Auf gehts, Deutschland schießt ein Tor“, singen sie vor der Hauptbühne. In der Halbzeitpause haben alle getanzt. Abiturientin Jennifer aus Düsseldorf ist mit vier Freundinnen und Freunden da. Die machen inzwischen etwas besorgte Gesichter. Noch immer kein Tor. „Die Stimmung auf der Fanmeile ist trotzdem super“, sagen die Jungen. Dann eine Torchance – wieder daneben. „Das schaffen die Jungs schon!“, sagt Jennifer.

68. Minute, Alt Berliner Biersalon Jenny aus Schöneweide ist fußballverrückt, sie hat jedes WM-Spiel gesehen. Das Spiel ist spannend, „aber ich würde einiges verändern“, sagt sie. „Özil muss raus, er ist auf seinem Platz nicht präsent. Götze muss rein. Und der Schiedsrichter ist ganz schön streng“, ärgert sie sich.

77. Minute, Gloria-Bar Gefährliche Szene vor Neuers Tor: Als der deutsche Keeper klärt, ertönt ein kollektives Aufstöhnen aus den Sesseln in der Gloria-Bar. „Messi“, raunt es. Und die Haare der jungen Männer im Argentinien-Trikot sehen jetzt schon ziemlich zerrauft aus. Luciano hat die blau-weiße Fahne ganz eng um den Körper geschlungen, knabbert an einem Fingerknöchel.

78. Minute, Alt Berliner Biersalon Deutschland vor dem Tor der Argentinier. Violetta gehen die Nerven durch. „Jetzt vielleicht einfach mal umdrehen und ein Tor machen“, schreit sie. Kurz danach schießt Kroos vorbei. „Ich glaube, das Team setzt sich zu stark unter Druck“, meint sie. Unbeirrt skandieren die Fans weiter „Deutschland“ und schwenken Fahnen.

85. Minute, „Herthaner“ „Mach doch bitte, jetzt mach’s doch!“ „Oh, manno!“ Die Zwischenrufe klingen immer verzweifelter.

87. Minute, Fanmeile „Super, Deutschland, super, Deutschland“ – die Sprechchöre an der Fanmeile gibt es noch, doch sie ebben jetzt schnell ab, die Mienen sind besorgt. Dann großer Beifall für Klose, der ausgewechselt wird.

87 . Minute, Gloria-Bar Für Miro Klose applaudieren auch die Argentina-Fans heftig – so viel Fairness muss sein.

93. Minute, Fanmeile Abpfiff. Hunderttausende zwischen Hoffen und Bangen.

Anpfiff zur Verlängerung, Astra in Friedrichshain In dem Club auf dem RAW-Gelände ist es heiß. Die Anspannung hängt in der Luft. Eine kleine Gruppe hat sich in eine Ecke gesetzt. Sie sind extra an diesem Tag früher von einem Festival in der Nähe von Berlin zurückgekommen. Sie alle sind keine besonders großen Fußballfans, „aber wenn Deutschland im Finale steht, dann irgendwie doch“, sagt Pepe. Eigentlich sind sie alle unglaublich müde, aber das Adrenalin kommt seiner Aufgabe nach.

96. Minute, Gloria-Bar Tristan ist unter lauter Argentiniern wohl der einzige Ire. „Ja, ich hatte erwartet, dass es so eng werden würde“, sagt er nach dem Beginn der Verlängerung. Er ist für Deutschland, denn er hat eine Wette laufen – 2:0 ist sein Tipp.

100. Minute, „Herthaner“ Noch immer kein Schnaps: Den wollte Wirtin Rosel ausgeben, sobald die deutsche Mannschaft ein Tor schießt. Doch statt der erwarteten Hochstimmung herrscht höchste Spannung. „Jetzt macht doch, bitte bitte, macht ihn endlich rein!“ Bei den Zuschauern in der Neuköllner Fankneipe schwingt zunehmend Verzweiflung mit. „Das gibt Elfmeterschießen“, sagt ein Gast am Tresen. „Und das gewinnen wir.“ Es klingt, als müsse er sich selbst Mut zusprechen.

105. Minute, Alte Försterei Beim Fußball gibt es Momente, da macht man einfach die Augen zu. Jan sitzt auf seinem Sofa. Er wird erlöst vom Pfiff. Kurze Unterbrechung, und er redet endlich wieder. Das Kissen in seinen Händen ist zerknautscht. Er sagt, sinngemäß, denn er redet etwas wirr: „Wenn das Tor fällt, zerreiße ich das Kissen und werfe 1000 Teile in die Luft.“

107. Minute, Astra Die Anspannung im Astra ist riesengroß. Keine Gesänge, keine Ausgelassenheit. Manchmal verhaltenes Klatschen. Ein Elfmeterschießen wird immer wahrscheinlicher, und es wird geflüstert. Immer wieder ist der Name Manuel Neuer zu hören. Er sei ein Guter, und er sei besser als der Mann der Argentinier.

111. Minute, Alt Berliner Biersalon Schweinsteiger kommt nach dem blutigen Foul zurück. Großer Applaus.

113. Minute, Fanmeile Schürrle! – Götze!! – Tor!!! Riesenjubel, Freudentränen, vor dem Brandenburger Tor fallen sich wildfremde Menschen in die Arme, sie singen: „Maaario Götze!“

Schlusspfiff, Berlin Der Jubel bricht los. Böller knallen, Kirchenglocken läuten. Die Ersten starten zum Autokorso. Die Siegesfeier beginnt.