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Das Schienennetz verrottet

Kaum ein Land in Europa gibt weniger für den Erhalt der Bahntrassen aus als Deutschland

Zurzeit hängt der Haussegen schief beim Staatsunternehmen Deutsche Bahn und dem Staatsfunk SWR. Denn der hatte über alarmierende Zustände bei der Instandhaltung der Schienenwege berichtet. Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) als Aufsichtsbehörde habe 2012 und 2013 wiederholt „schwerwiegende Verletzungen von Sicherheitsanforderungen“ durch die Deutsche Bahn festgestellt und 111 Bescheide mit dem Auftrag erlassen, die Mängel umgehend abzustellen. Die 111 Bescheide mit Sofortvollzug, wie es im Amtsdeutsch heißt, bestreiten die Bahnverantwortlichen nicht. Aber der Tenor der Berichterstattung ärgert sie. „Weder wird das Schienennetz vernachlässigt, noch an der Sicherheit gespart“, grollt Frank Sennhenn, Vorstandsvorsitzender der DB Netz AG.

Beim EBA ist man ganz entspannt. Die Zahl der Bescheide sei kein Grund, Alarm zu schlagen. Tatsache ist aber auch, dass kein Land seine Schieneninfrastruktur so vernachlässigt wie Deutschland. Die meisten Nachbarländer lassen sich den Erhalt und Ausbau ihrer Trassen im Verhältnis viel mehr kosten als das Transitland Deutschland.

Schweiz zahlt am meisten

Nach Berechnungen des Bahnlobbyverbandes Allianz pro Schiene und der Unternehmensberatung SCI Verkehr geben in Europa die Schweizer pro Kopf am meisten für ihre Schienenwege aus, die Spanier am wenigsten. Doch auch in anderen Ländern boome der Netzausbau: Schweden bringe 160 Euro pro Bürger auf, die Niederlande 139 und Großbritannien 120. In Italien (81) setzte die Politik ebenfalls klare Signale für die Ertüchtigung des Netzes. Deutschland droht mit 54 Euro pro Bürger den Anschluss zu verlieren.

Unter den betrachteten Ländern investierten im Jahr 2013 lediglich Frankreich (47 Euro pro Kopf) und Spanien (27 Euro pro Kopf) weniger in ihre Eisenbahninfrastruktur als Deutschland. „Die Zahlen belegen Deutschlands halbherzigen Kurs in Richtung nachhaltige Verkehrspolitik“, sagt der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege. „Leider zeigt ein Mehrjahresvergleich, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher, sondern um einen langfristigen Trend handelt.“ Die Zahlen vom Vorjahr waren ähnlich, damals gaben die Schweizer zwar nur 349 Euro pro Kopf für das Schienennetz aus, aber das war immer noch mehr als der Rest in Europa. Das Ranking der Länder ist weitgehend gleich geblieben, 2013 flossen hierzulande nur 51 Euro pro Kopf ins Netz.

Die konstant niedrigen Zahlen für Deutschland irritieren zwar, haben aber am Ende einen nicht unbedingt akzeptablen, aber nachvollziehbaren Grund. Die hohen Investitionszahlen in der Schweiz und in Österreich rühren aus dem starken Transitverkehr der beiden Alpenländer. Ohne Schienengüterverkehr würden die zwei Staaten im Lkw-Verkehr ersticken. Die Briten dagegen entdeckten erst in den vergangenen Jahren die Bahn als Verkehrsmittel neu. Ende der 60er-Jahre gab es auf der Insel tatsächlich Pläne, das Schienennetz bis auf wenige Hauptstränge zu demontieren. Nun werden überall neue Verbindungen gebaut, erstmals auch Hochgeschwindigkeitstrassen.

Dass die krisengeschüttelten Franzosen weniger in den Schienenverkehr investieren, liegt an den leeren Kassen. Dasselbe gilt für Spanien. Dort kommt hinzu, dass die Regierung jahrelang – mit tatkräftiger EU-Hilfe – ein Fernstreckennetz erster Güte aus dem Boden gestampft hat und nun Atem holen muss. Deutschland als Transitland setzt weiter stark auf den Straßenverkehr. Kein Wunder, schließlich sind wir Autofahrerland und haben weltweit bewunderte Autobauer – mit entsprechender Lobby, gegen die Allianz pro Schiene ein David ist. Setzt man die Investitionen des jeweiligen Landes in den Ausbau und Erhalt der Straßen als Ausgangspunkt mit 100 Prozent an, liegen die Ausgaben für die Schienenwege im Vergleich dazu in Österreich bei 239 Prozent, in der Schweiz bei 134 Prozent und in Deutschland nur bei 80 Prozent.

„Weltweit boomt die Eisenbahn. Das anhaltende Wachstum der Metropolen und der Häfen fordert die Leistungsfähigkeit der Eisenbahnen heraus“, sagte Maria Leenen von SCI Verkehr. „Wir prognostizieren in unserer aktuellen Studie zu den globalen Transportmärkten ein Wachstum der Schienengüterverkehre von elf Prozent bis 2018.“

Nachfrage wächst stetig

Im Schienenpersonenverkehr werden es laut SCI sogar 18 Prozent sein. In Europa wachse die Transportnachfrage auf der Schiene immerhin um fünf Prozent im Güterverkehr und sieben Prozent im Personenverkehr. „Trotz guter Wirtschaftsdaten in Deutschland, die deutlich positiver sind als in vielen Ländern Europas, stagnieren die Schieneninvestitionen hierzulande und erhöhen den Investitionsstau in das Bahnsystem weiter. Umso überraschender ist für uns, dass viele Länder trotz Krise pro Bürger mehr Geld in ihre Netze geben als Deutschland“, sagte die SCI-Geschäftsführerin.

Weder Bundesregierung noch die Bahn würden den Erkenntnissen von SCI und Allianz pro Schiene widersprechen. Die Bahn selbst hat wiederholt mehr Mittel für die Schiene vom Staat eingefordert. Und tatsächlich pumpt Deutschland in absoluten Zahlen gesehen jedes Jahr knapp sechs Milliarden Euro in das weitläufige Schienennetz.